Materialienband 104
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.):
Demographische Vorausschätzungen - Grenzen und Möglichkeiten, Methoden und Ziele -
Heft 104: Materialien zur Bevölkerungswissenschaft des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (2002)
Vorträge auf der gemeinsamen Sitzung des Arbeitskreises "Bevölkerungswissenschaftliche Methoden" der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft und des Ausschusses für Regionalstatistik der Deutschen Statistischen Gesellschaft im Rahmen der Statistischen Woche in Nürnberg am 26./27. September 2000
Bevölkerungsvorausschätzungen zählen zu den wichtigsten und zugleich umstrittensten Aufgabenbereichen der Demographie. Die Bedeutung von Vorausschätzungen für Politik, Gesellschaft und Ökonomie steht außer Zweifel. Langfristige und weitreichende Planungen in ökonomischen Zusammenhängen oder kostspielige Infrastrukturplanungen im Rahmen der Raum- und Regionalpolitik benötigen präzise Vorhersagen der Bevölkerungsentwicklung. Inwieweit können aber die heute zur Verfügung stehenden Verfahren und Methoden den Ansprüchen an exakte Vorhersagen gerecht werden?
Jede Vorausschätzung beziehungsweise die ihr zugrundeliegende Annahmensetzung verlangt eine umfassende Analyse und Beurteilung der aktuellen und historischen demographischen Tatbestände. Der Sachverhalt, dass in diesem Zusammenhang "nur" drei demographische Prozesse zu betrachten sind, darf nicht den Blick dafür versperren, dass eine Reihe von schwer zu überschauenden Einflussfaktoren und wechselseitigen Abhängigkeiten die Entwicklungen dieser Prozesse steuert. "Um ein fundiertes Urteil über die demographische Entwicklung zu gewinnen, muss" nach Herwig Birg "eine Vielzahl von Informationen verarbeitet werden, wobei das Risiko eines Fehlurteils groß ist. Niemand ist dazu in der Lage, wirklich alle Auswirkungen der demographischen Entwicklung zu überblicken und ihre Ursachen ganz zu erfassen. Die Komplexität des zu bewertenden Sachverhalts übersteigt die Bewertungskompetenz jedes Menschen, auch die Fachwissenschaftler auf dem Gebiet der Demographie bilden hier keine Ausnahme. Dabei wird die Urteilsbildung unnötig erschwert, wenn Zweifel bestehen, ob der in Frage stehende Sachverhalt überhaupt richtig erfasst wurde. Deshalb liegt einer der wichtigsten Zwecke demographischer Vorausberechnungen darin, möglichst treffsichere Aussagen über die zukünftige Entwicklung zu gewinnen." (Birg, H., Die demographische Zeitenwende, München 2001, S. 83)
Bevölkerungsvorausschätzungen bilden einen außerordentlich vielfältigen Themenkomplex. Es gibt nicht die Bevölkerungsvorausschätzung schlechthin. Mit jeder Vorausschätzung soll eine bestimmte Frage beantwortet werden, z. B. nach der Entwicklung der Zahl der hochbetagten Menschen, nach der Zahl der zu erwartenden Schüler oder nach der räumlichen Verteilung der Bevölkerung. Jede Vorausschätzung fokussiert im allgemeinen auf eine bestimmten demographischen Aspekt. Während manche Vorausschätzungen eine möglichst genaue Schätzung der Bevölkerungszahl zu einem zukünftigen Zeitpunkt zum Ziel haben, handelt es sich bei anderen Vorausschätzungen um Wenn-dann-Analysen mit Modellcharakter. Die erste Gruppe von Vorausschätzungen bezeichnet Feichtinger als "Vorhersagen", die zweite Gruppe als "Bevölkerungsprojektionen". (Feichtinger, G., Bevölkerungsstatistik, Berlin 1973, S. 140)
Im Hinblick auf die unterschiedlichen Fragestellungen und hinsichtlich der verschiedenen Methoden bilden Bevölkerungsvorausschätzungen ein sehr vielfältiges Bild. Die in diesem Band zusammengefassten Arbeiten sollen einen Eindruck und zugleich einen Überblick über diesen Themenkomplex bieten. Die Beiträge können selbstverständlich nicht das gesamte Spektrum des Themenkomplexes Bevölkerungsvorausschätzungen abdecken, sie dienen vielmehr dazu, beispielhaft die verschiedenen Aufgabenstellungen, die methodischen Probleme, Lösungsvorschläge und neuere Ansätze sowie Ergebnisse aktueller Vorausschätzungen darzustellen.
Die Sitzung bot die seltene Gelegenheit zu einem Gedankenaustausch zwischen Prognoseakteuren aus ganz verschiedenen Arbeitsfeldern, aus der Amtlichen Statistik, aus verschiedenen Forschungsinstituten, aus Verbänden und Universitäten. Für diese Möglichkeit und den für eine solche Veranstaltung erforderlichen organisatorischen Rahmen sei an dieser Stelle den Veranstaltern der Statistischen Woche, der Deutschen Statistischen Gesellschaft und dem Verband Deutscher Städtestatistiker, ganz herzlich gedankt. Ein besonderer Dank gilt natürlich all jenen Referentinnen und Referenten, die sich die Mühe gemacht haben, ihren Vortrag für diese Veröffentlichung nochmals extra aufzubereiten. Außerdem möchten wir uns beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung bedanken, das sich freundlicherweise bereit erklärte, die Vorträge in die Reihe der Materialien zur Bevölkerungswissenschaft aufzunehmen, und damit überhaupt erst die Möglichkeit bot, die auf der Sitzung behandelten Themen zu dokumentieren und einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen.
(Aus dem Vorwort der Herausgeber)
