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BiB-Mitteilungen, Heft 1/2009

30. Jahrgang, ISSN 0722-1509

Die aktuellen BiB-Mitteilungen 01/2009 sind erschienen.
Folgende Themen stehen unter anderem im Mittelpunkt: Juliane Roloff analysiert anhand von Auswertungen des Generations and Gender Survey Einstellungen zu familiären Hilfe- bzw. Unterstützungsleistungen unter besonderer Beachtung des Einflusses der Konfessionszugehörigkeit. Desweiteren untersucht eine Analyse aus dem BiB die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die quantitative Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements. Weitere Berichte und Analysen befassen sich mit der demographischen Entwicklung Russlands, dem Zusammenhang zwischen Fertilität und Religion sowie den Urbanisierungsprozessen in Afrika.

Einstellungen zu familiären Hilfe- bzw. Unterstützungsleistungen versus Konfessionszugehörigkeit: Ergebnisse aus dem Generations and Gender Survey
Hat die Konfessionszugehörigkeit Einfluss auf die Einstellungen zu familiären Hilfe- bzw. Unterstützungsleistungen? Die Ergebnisse des Generations and Gender Survey bestätigen einen Zusammenhang. So wurden insgesamt 14.062 (davon 4.045 türkische) Frauen und Männer nach ihrer Einstellung zu familiären Hilfe- bzw. Unterstützungsleistungen befragt. Dabei stimmt die große Mehrheit (82 %) der Befragten der Auffassung zu, dass zum Beispiel Kinder die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen sollten, wenn diese Hilfe brauchen. An zweiter Stelle folgt mit 79 % die Meinung, dass Großeltern die Enkelkinder versorgen sollten, wenn es die Eltern der Kinder nicht können. Betrachtet man die Einstellungen vor dem Hintergrund der Konfessionszugehörigkeit zeigt sich, dass die Befragten, die einer muslimischen Religionsgemeinschaft angehören, in einem deutlich höheren Maße möglichen Unterstützungsleistungen zustimmen, als die Befragten christlicher Konfessionen. Am niedrigsten liegen die Akzeptanzwerte bei Personen ohne jegliches Glaubensbekenntnis.
So unterstützt eine große Mehrheit der Muslime (90 %) die Aussage, dass Kinder die Verantwortung für hilfebdürftige Eltern übernehmen sollten. Hier stimmen 79 % der Christen und 77 % der Konfessionslosen zu. Ihre Eltern bei sich aufnehmen, wenn diese nicht mehr für sich sorgen können, würden 81 % der Muslime. Christen (46 %) und Personen ohne Glaubensbekenntnis (39 %) wären dazu wesentlich seltener bereit. Insgesamt ergibt sich aus der Auswertung, dass Muslime im Allgemeinen eine im Vergleich zu Christen und Personen ohne Konfessionszugehörigkeit höhere Akzeptanz der möglichen familiären Hilfe- und Unterstützungsleistungen aufweisen. Mit ein Grund dafür ist das große Ansehen der Familie im Islam und das Vorhandensein starker innerfamiliärer Bindungen. Trotzdem sind nach zahlreichen Untersuchungen auch bei Christen und Konfessionslosen die innerfamiliären Beziehungen weitestgehend intakt. Hier herrscht jedoch ein anderes Familienverständnis vor als bei den Muslimen.

Auswirkungen der Altersstruktureffekte des demographischen Wandels auf die quantitative Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements: Ergebnisse einer Modellrechnung des BiB
Schule, Rettungswesen, Feuerwehr, Gesundheit – all diese Bereiche sind in einem hohen Maß abhängig vom Engagement ehrenamtlich Tätiger. Auch in diesem Bereich wird sich der demographische Wandel (insbesondere durch Bevölkerungsrückgang und Alterung) auswirken. Wie beeinflussen nun Altersstruktureffekte des demographischen Wandels die verschiedenen Tätigkeitsbereiche bürgerschaftlichen Engagements im Hinblick auf die räumliche Differenzierung? Eine vom BiB durchgeführte regionalisierte Modellrechnung geht dieser Frage nach. Dabei zeigt sich, dass von 2006 bis 2025 einige Bereiche (Soziales, Umwelt, Politik, Justiz, sonstiges bürgerschaftliches Engagement) trotz einer sinkenden Gesamtbevölkerungszahl wahrscheinlich noch keinen Rückgang des ehrenamtlichen Engagements erleben werden. Bis zum Jahr 2050 nimmt allerdings die Zahl der bürgerschaftlich Aktiven und ehrenamtlich Tätigen in allen Bereichen ab, da dann die geburtenstarken Baby-Boom-Jahrgänge das Alter der Hochbetagten (mit sehr geringen Engagementquoten) erreicht haben und die folgenden Jahrgänge kontinuierlich kleiner sein werden als die vorherigen. In welchen Bereichen gibt es die größten Verluste? Den Analysen zufolge wird es insbesondere im Bereich Schule und Kindergarten Rückgänge geben, wobei diese durch die sinkenden Zahlen Kinder und Jugendlicher weniger Probleme bereiten werden als die zu erwartenden Einbußen ehrenamtlichen Engagements im Bereich Unfall- und Rettungswesen sowie bei der Feuerwehr. Insgesamt zeigt sich, dass der demographische Wandel große Auswirkungen auf das bürgerschaftliche Engagement haben wird. Es sind alle Tätigkeitsbereiche langfristig von einem Rückgang an Potenzial für Engagement betroffen, der jedoch regional unterschiedlich stark ausfallen wird. Insbesondere auf der Kreisebene wird es zu Disparitäten kommen. Langfristig stellen Schrumpfung und Alterung das bürgerschaftliche Engagement vor allem auf regionaler Ebene vor eine große Herausforderung.

Niedrige Fertilität und hohe Sterblichkeit: Deutlicher Bevölkerungsrückgang in Russland zwischen 1993 und 2007
Zwischen 1993 und 2007 ist die Bevölkerungszahl in Russland von 148,5 auf 142 Millionen zurückgegangen. Berechnungen der UN prognostizieren einen weiteren Rückgang auf 122-125 Millionen bis zum Jahr 2025. Bis zum Jahr 2050 könnte sie sogar unter die 100-Millionen-Grenze rutschen. Zwei Faktoren sind nach Ansicht der UN für diese Entwicklung verantwortlich: eine niedrige Geburtenziffer und eine hohe Sterblichkeit. Trotz einer Trendwende bei den Geburtenzahlen in den letzten beiden Jahren ist die Fertilität seit Anfang der 1990er Jahre auf sinkendem Niveau. So lag die TFR 2006 bei 1,30 Kindern je Frau und damit auf dem niedrigen Stand vieler (ost-)europäischer Länder. Befragungen zum Kinderwunsch in verschiedenen russischen Regionen zeigen, dass den materiellen Lebensbedingungen ein höherer Wert eingeräumt wird als dem Wunsch, Kinder zu haben. Der Kinderwunsch spielt also gegenwärtig in Russland eine untergeordnete Rolle. Die Prognosen zur Entwicklung der TFR in Russland zeigen, dass auch zukünftig von einer Geburtenziffer deutlich unterhalb des Reproduktionsniveaus von 2,1 Kindern je Frau ausgegangen werden muss.
Mitentscheidend für den Bevölkerungsrückgang ist auch die seit den 1990er Jahren gesunkene Lebenserwartung, vor allem der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Nach den Prognosen der UN ist erst ab dem Jahr 2020 mit einem Anstieg der Lebenserwartung bei den Männern zu rechnen. Entgegen dieser Annahmen gab es 2006 einen signifikanten Anstieg der Lebenserwartung bei Männern und Frauen. Auch 2007 wurde ein weiteres Plus verzeichnet. Allerdings glichen die Gewinne in den jeweiligen Altersgruppen die Rückgänge seit den 1990er Jahren bei weitem nicht aus. Hauptgrund für die - immer noch - niedrige Lebenserwartung sind vor allem exogene Faktoren wie zum Beispiel Unfälle und Vergiftungen, aber auch gesundheitliche Risikofaktoren spielen eine große Rolle.
Insgesamt zeigt sich: Russlands demographische Koordinaten verschieben sich, nicht zuletzt auch aufgrund der weiter voranschreitenden Alterung. So zeigt die Alterspyramide des Jahres 2050 ein zunehmendes Gewicht der älteren Jahrgänge. Der Beitrag der Migration zur Bevölkerungsstabilisierung wird von den russischen Demographen auch eher gering eingeschätzt, da die Zuwanderung den jährlichen Bevölkerungsschwund von etwa 800.000 Menschen nur zu etwa 20 % kompensieren kann.

Run“ auf die Städte: Der Anteil der städtischen Bevölkerung in Afrika wächst bis 2030 an
Die Urbanisierung Afrikas wird zukünftig weiter voranschreiten. Einem Bericht der UN zufolge wird sich die in Städten lebende Bevölkerung Afrikas bis zum Jahr 2030 verdoppeln - von 373,4 Millionen Menschen im Jahr 2007 auf 759,4 Millionen im Jahr 2030. Gegenwärtig ist die Region Ostafrika das am geringsten urbanisierte Gebiet der Welt – allerdings wird hier die Urbanisierung am schnellsten voranschreiten. Nord- und Südafrika werden trotz eines derzeitigen Rückgangs der durchschnittlichen Urbanisierungsrate weiterhin zu den schnell wachsenden urbanisierten Regionen gehören. Die voranschreitende Urbanisierung wird allerdings nicht vom Wachstum der größten Städte, den sogenannten Megacities getragen, sondern eher von den mittelgroßen Städten mit weniger als 500.000 Einwohnern. Hier finden zwei Drittel des Wachstums statt. Insgesamt wird nach Ansicht der UN der afrikanische Kontinent einen tiefgreifenden demographischen Wandel erleben, in dem die Zahl der Stadtbewohner stetig ansteigen wird. Afrikas größte Agglomerationen Kairo, Kinshasa und Lagos werden weiter rapide wachsen: Kairo, das derzeit 11,9 Millionen Bewohner hat, wird sich bis 2015 auf 13,4 Millionen vergrößern, Lagos von 9,6 auf 12,4 und Kinshasa von 7,8 auf 11,3 Millionen. 2025 wird dann den Projektionen zufolge Kinshasa Afrikas größte urbane Agglomeration werden.


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