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Soziale Unterschiede in der Säuglingssterblichkeit im 19. Jahrhundert

Datum 28.09.2016

Michael Mühlichen vom BiB stellte am 22. September 2016 auf der 2. Konferenz der European Society for Historical Demography (ESHD) in Leuven (Belgien) eine Studie zur historischen Entwicklung der Säuglingssterblichkeit in der Hansestadt Rostock vor. Er widmete sich speziell der Frage, inwieweit soziale Unterschiede das Risiko der Säuglingssterblichkeit im 19. Jahrhundert beeinflussten.

Als Datengrundlage dienten die Beerdigungs- und Taufregister der Rostocker Jakobikirche, welche weitgehend erhalten und zu einem großen Teil digitalisiert sind. Auf der Basis dieser Individualdaten führte er in Zusammenarbeit mit Rembrandt D. Scholz (MPIDF) und Gabriele Doblhammer (Uni Rostock) erstmals folgende Analysen durch:

  • ein Ereignisdatenanalysemodell, um den Einfluss sozioökonomischer Variablen auf die Säuglingssterblichkeit in einer norddeutschen Stadt im Zeitraum 1815-1829 zu messen,
  • die Berechnung der Säuglingssterbewahrscheinlichkeit der Stadt Rostock für das gesamte 19. Jahrhundert nach Geschlecht und
  • ein logistisches Regressionsmodell, um den Einfluss soziodemografischer Variablen auf die Todesursachenstruktur der Säuglingssterbefälle im Zeitraum 1787-1910 zu untersuchen.

Als Ergebnis dieser Analysen lässt sich für die Stadt ein im deutschlandweiten Vergleich äußerst niedriges Säuglingssterblichkeitsniveau feststellen, besonders für das erste Drittel des 19. Jahrhunderts. Dabei kann ein signifikanter Einfluss der beruflichen Schicht des Vaters auf die Überlebenschancen des Kindes im ersten Lebensjahr für diese Zeit nachgewiesen werden: Neugeborene von beruflich schlechter gestellten Vätern wiesen ein größeres Sterberisiko im ersten Lebensjahr auf als die Nachkommen beruflich besser gestellter Väter. Dieser Einfluss gilt bei Betrachtung der Todesursachen jedoch nur im Zusammenhang mit Magen- und Darmkrankheiten, während andere Todesursachengruppen vor allem saisonal bedingt waren. Dies zeigt, dass die soziale Schicht nur dann eine Rolle spielte, wenn sie die Ernährungs- und Hygienebedingungen signifikant beeinflusste.

Die Daten eignen sich gut für weitergehende Analysen. Mittels zusätzlicher Datenaufbereitung wäre nicht nur eine Ausweitung des Untersuchungszeitraums, sondern auch die Anwendung weiterer historischer und demografischer Analysemethoden, wie Familienrekonstitution und Analysen zur Fertilität und Nuptialität, sowie genealogische Studien möglich.

Mühlichen, Michael; Scholz, Rembrandt D.; Doblhammer, Gabriele (2015): Soziale Unterschiede in der Säuglingssterblichkeit in Rostock im 19. Jahrhundert. Eine demografische Analyse anhand von Kirchenbuchdaten. In: CPoS Comparative Population Studies 40/Selected Articles in German: 87-114

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