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Warum nimmt die Zahl der berufsbedingten Pendler weiter zu?

Datum 13.07.2017

Immer mehr Menschen pendeln aus beruflichen Gründen. Warum das so ist und welche Folgen dies für die Betroffenen haben kann, haben die BiB-Forscher Dr. Simon Pfaff und Dr. Heiko Rüger in mehreren Interviews in Presse und Rundfunk erläutert.

Für Dr. Simon Pfaff spielt vor allem der starke Beschäftigungszuwachs seit dem Jahr 2005 eine wichtige Rolle, wie er im Interview der Sendung „Der Abend“ des Südwestrundfunks Baden-Württemberg (SWR1) vom 13. Juni 2017 erklärte. Im Zuge dieses Wachstums hat auch die Zahl der Pendlerinnen und Pendler zugenommen, die mehrmals wöchentlich oder einmal pro Woche zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendeln. Zugleich nehmen sie immer längere Wegstrecken in Kauf, so Dr. Pfaff.

Mehr Doppelverdienerhaushalte als eine Ursache

Die Ursachen für die zunehmenden Pendlerströme seien vielfältig, zumal eine gut ausgebaute Verkehrsinfrastruktur das Fernpendeln erst ermöglicht. Hinzu kommt ein wachsender Anteil erwerbstätiger Frauen: Die Zahl der Doppelverdiener-Haushalte ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen, bestätigt Dr. Rüger im Interview des Magazins „FAZ-Woche“ vom 30. Juni 2017. Es gestalte sich meist schwierig, zwei adäquate Jobs am selben Ort zu finden. Dies sei eine weitere Ursache für die steigenden Zahlen von Fernpendlern.

Männer und Frauen sind gleichermaßen bereit zu Mobilität

Was die Pendelentfernungen angeht, so sind es eher die Männer, die lange Strecken zurücklegen. Verantwortlich hierfür sind nach Ansicht von Dr. Pfaff zwei Ursachen: Zum einen sind Männer trotz aller gesellschaftlichen und familiären Veränderungen immer noch häufiger berufstätig und vollerwerbstätig als Frauen. Zum anderen ist die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit für Frauen nach wie vor schwieriger zu bewältigen als für Männer, betont der Soziologe. Trotzdem sind Frauen grundsätzlich keineswegs weniger mobil beziehungsweise nicht weniger bereit zu Mobilität.

Auch die junge Generation ist betroffen

Die Zunahme der Mobilität lässt sich auch bei den Angehörigen der sogenannten Generation Y – also den Geburtskohorten zwischen 1980 und 1999 – feststellen. So gibt es hier eine hohe Bereitschaft zum Pendeln, die ihren Grund vor allem in veränderten Arbeitsmarktstrukturen und einem Rückgang der Normalarbeits­verhältnisse hat. Befristete Beschäftigungsverhältnisse erforderten ein hohes Maß an Mobilität, so der Mobilitätsforscher. Pendeln kann hier eine Möglichkeit sein, unterschiedliche Arbeitsorte zu erreichen und einen Wohnortwechsel zu vermeiden.

Die Folgen für die Lebenszufriedenheit

Dabei steht im internationalen Vergleich Deutschland keineswegs als Sonderfall da: Bei der Pendeldauer liegt es im Mittelfeld. Auch in anderen Industriestaaten haben die Dauer und die zurückgelegte Pendelstrecke in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Doch diese Entwicklung hat Folgen: So werde Pendeln häufig als Belastung wahrgenommen, die sich je nach Pendelhäufigkeit und -distanz durchaus auch auf die Gesundheit auswirken könne, warnt Dr. Pfaff. So hat er in seinen Analysen Anzeichen dafür gefunden, dass sich mit zunehmender Länge der Pendelstrecke die Lebenszufriedenheit von Beschäftigten verringert.

Bestätigt wird dies von Dr. Heiko Rüger im Magazin „FAZ-Woche“: Untersuchungen des BiB zeigten, dass rund 40 Prozent der Fernpendler mit einer Fahrzeit von einer Stunde und länger stärker unter Stress litten. Allerdings bedeute dies auch, dass 60 Prozent dies keineswegs so empfinden. Daraus zieht er den Schluss, dass es auch Menschen gibt, die lange Wege zur Arbeit auf sich nehmen und trotzdem entspannt bleiben.

Nicht jeder ist unglücklich über seine Pendelsituation

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Meisten die Entscheidung zum Pendeln als Notwendigkeit betrachten, die sie weder besonders positiv oder negativ beurteilen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 9. Juli 2017 wies er dazu darauf hin, dass Menschen dazu neigten, ihr Verhalten zu rationalisieren. Deshalb fühle sich nicht jeder dauerhaft unglücklich, wenn er täglich weite Strecken zurücklegt, erläutert Dr. Rüger. Dabei dürften die nachteiligen Folgen des Pendelns noch unterschätzt werden. So gebe es Selektionseffekte bei denjenigen, die mit der dauerhaften Pendlerei nicht klarkommen: Sie steigen bereits frühzeitig wieder aus.

Spielt die Wahl des Verkehrsmittels eine Rolle?

Die Wahl des Verkehrsmittels scheint sich nicht in eindeutiger Form auf die Zufriedenheit der Betroffenen auszuwirken. Dies gelte nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere europäische Länder. So ließ sich nirgendwo ein signifikanter Unterschied im Stresserleben zwischen den Nutzern der Verkehrsmittel Auto oder Bahn erkennen. Vielmehr scheinen individuelle Vorlieben und die regionalen Gegebenheiten hier eine größere Rolle zu spielen. Dies gelte zumindest für die vom BiB untersuchten Fernpendler mit einer täglichen Pendeldauer von zwei Stunden oder länger, erklärt der Soziologe Dr. Rüger.

Glücklich ist, wer aus freien Stücken pendelt

Wie glücklich ein Pendlerleben von den Betroffenen empfunden wird, hängt letztlich davon ab, ob man die für sich selbst beste Variante des Pendelns gefunden hat – und ob man das Pendeln aus freien Stücken gewählt hat. Wenn aus eigenem Antrieb und unterschiedlichsten positiv belegten Motiven gependelt wird, sind die Voraussetzungen gut, dass der tägliche Weg in Auto oder Bahn nicht als übermäßig belastend empfunden wird, betont Dr. Rüger.

Trotzdem sollten Pendler in regelmäßigen Abständen prüfen, ob für sie nicht doch ein Umzug die bessere Wahl darstellt. Viele rutschten unbemerkt in ein jahrelanges Pendeln aus Gewohnheit, so der Soziologe in der FAS. Vielleicht hilft das Pendeln vielen aber auch dabei, einen räumlichen und gedanklichen Abstand zum Büro herzustellen – was ja auch entspannend wirken kann.

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