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Immer mehr Paare werden Phasen von Infertilität erleben

Datum 22.02.2017

In Deutschland werden die Frauen bei der Familiengründung immer älter. Für die Erfüllung des Kinderwunsches ist für viele Paare die Reproduktionsmedizin die letzte Hoffnung. Im Interview äußert sich die BiB-Wissenschaftlerin Jasmin Passet-Wittig zu den zentralen Ergebnissen ihrer Dissertation zur reproduktionsmedizinischen Kinderwunschbehandlung in Deutschland.

Frau Dr. Passet-Wittig, lässt sich konkret sagen, wie viele Paare in Deutschland von dem Problem Infertilität betroffen sind?

Bei den 29- bis 31-jährigen Frauen sind es etwa 6,3 Prozent und bei den 39- bis 41-Jährigen sind es 7,9 Prozent, also etwas mehr. Bei zunehmendem Alter der Frau ist ein Anstieg erkennbar. Für die Gruppen dazwischen beziehungsweise die Gesamtpopulation fehlen die Daten.

Und wie viele davon entscheiden sich für eine medizinische Unterstützung zur Umsetzung ihres Kinderwunsches?

Es ist davon auszugehen, dass etwa die Hälfte der Betroffenen irgendeine Form medizinischer Unterstützung sucht. Davon ist es wiederum nur eine kleine Gruppe, die sich an ein Kinderwunschzentrum wendet.

Wird diese Gruppe in Zukunft weiter wachsen?

Es ist davon auszugehen, dass immer mehr Paare Phasen von Infertilität erleben werden. Der Beratungs- und Informationsbedarf wird auf jeden Fall zunehmen und vermutlich auch die Zahl der Paare, die sich an die Reproduktionsmedizin wenden.

Welche Resultate Ihrer Dissertation haben Sie überrascht?

Vor allem die Tatsache, dass die befragten Frauen im Kinderwunschzentrum angegeben haben, dass sie zu dem Zeitpunkt, als sie ein Problem festgestellt haben, im Durchschnitt um die 29 Jahre alt waren. Dies entspricht dem durchschnittlichen Alter bei der Familiengründung in Deutschland. Interessant war zudem, dass etwa die Hälfte der Elternpaare Stiefelternpaare sind, das heißt insgesamt ließ sich eine große Heterogenität in den Lebensphase und der Ausgangssituation für eine Kinderwunschbehandlung feststellen. Grundsätzlich hat sich bestätigt, dass es bei der untersuchten Fragestellung von Bedeutung ist, Paare zu betrachten. Die bisherige Forschung hat sich stark auf die Frauen konzentriert, Männer spielen hier aber ebenfalls eine wichtige Rolle.

Reproduktionsmedizinische Maßnahmen sind teuer. Welche Möglichkeiten gibt es, um zu vermeiden, dass am Ende der Geldbeutel über die Behandlung entscheidet?

In meiner Untersuchung zeigte sich, dass Paare, die einen höheren sozioökonomischen Status und damit mehr Geld zur Verfügung haben, sich die Behandlung besser leisten können und sich schneller an ein Kinderwunschzentrum wenden als Paare mit einem niedrigeren Status. Um hier soziale Ungleichheiten zu verhindern, gibt es Initiativen zur Entlastung der Paare wie zum Beispiel die Bundesförderrichtlinie aus dem Jahr 2012. Zu beachten ist für die Paare die Wahl der Krankenkasse, da es hier unterschiedliche Angebote für die Finanzierung der Behandlung gibt. Darüber hinaus muss diskutiert werden, inwiefern es noch zeitgemäß ist, im Hinblick auf die Kostenerstattung in der gesetzlichen Krankenkasse eheliche und nichteheliche Partnerschaften unterschiedlich zu behandeln. Letztere müssen die Behandlung aktuell vollständig selbst zahlen. Wichtig ist auch die Aufklärung junger Erwachsener im Hinblick auf die Familienplanung. Die Politik ist vor allem hinsichtlich der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefragt, da sich dadurch auch die Rahmenbedingungen für eine frühere Umsetzung von Kinderwünschen verbessern. Aufgrund der Kosten und der psychischen wie physischen Belastungen für die Paare würde ich die Reproduktionsmedizin generell vor allem als Notlösung für akut Betroffene sehen.

Kann die Reproduktionsmedizin einen Beitrag zum Anstieg des Geburtenniveaus liefern?

Aus meiner Sicht kann die Reproduktionsmedizin keinen wirklichen Beitrag zum Anstieg des Geburtenniveaus liefern. Die Erfolgsaussichten der Behandlungen sind relativ gering, besonders bei älteren Frauen, sie kosten viel Geld und sind körperlich und psychisch belastend. Dazu kommt noch der Zeitaufwand für die Betroffenen. Der Beitrag der Reproduktionsmedizin zur Geburtenrate lag im Jahr 2013 bei 2,5 Prozent.

Eine ausführliche Fassung des Interviews erscheint in der neuen Ausgabe 1/2017 von Bevölkerungsforschung Aktuell. Darin wird auch das neue Buch der Wissenschaftlerin (Jasmin Passet-Wittig: Unerfüllte Kinderwünsche und Reproduktionsmedizin. Eine sozialwissenschaftliche Analyse von Paaren in Kinderwunschbehandlung) ausführlich vorgestellt.

Zusatzinformationen

Buch „Unerfüllte Kinderwünsche und Reproduktionsmedizin“

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