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Immer weniger Großfamilien in Deutschland: Ursachen und Folgen

Datum 19.10.2016

In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 6. September 2016 identifiziert Dr. Martin Bujard den Rückgang der Zahl von kinderreichen Familien als die entscheidende Ursache für das niedrige Geburtenniveau in Deutschland. Dabei wurde lange Zeit davon ausgegangen, dass das deutsche Problem ein besonders großer Anteil kinderloser Frauen ist.

In einer aktuellen Studie von Martin Bujard und Harun Sulak (beide BiB), die gerade in Heft 3 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie erschienen ist (siehe auch Meldung dazu), wird aber deutlich, dass der Geburtenrückgang in Deutschland zu 68 % dadurch zu erklären ist, dass größere Familien mit drei oder mehr Kindern immer seltener werden. Dagegen sind Kinderlose nur für knapp 26 % des Rückgangs verantwortlich. Dies ist eine deutsche Besonderheit und eine Frage der Kultur. So gibt es in Deutschland Vorbehalte gegenüber kinderreichen Familien, die in anderen Ländern mit einem höheren Geburtenniveau wie Skandinavien, den Vereinigten Staaten oder Frankreich nicht vorhanden sind, sagte Dr. Bujard. Dies zeigt sich zum Beispiel am Ruf kinderreicher Familien in Deutschland. So stimmten in der BiB-Studie zu Familienleitbildern in Deutschland 72 % der Befragten der Aussage zu, dass kinderreiche Familien in der Gesellschaft als asozial gelten. Dies belegt eine große Angst vor Stigmatisierung. Allerdings sagten in der gleichen Umfrage nur acht Prozent der 5.000 Teilnehmer, dass sie persönlich so über Kinderreiche denken. Somit wird eine Geringschätzung vermutet, die in dieser Form gar nicht existiert. Vielmehr ist die tatsächliche Anerkennung für Eltern von vielen Kindern gerade in der jungen Generation sehr groß.

Insgesamt stellt sich die Frage, warum sich die kulturellen Normen in Deutschland so von den Nachbarländern unterscheiden, so Dr. Bujard. Auf der Suche nach den Ursachen zeigt ein Blick in die 1960er Jahre, dass neben dem erstmaligen Zugang zur Pille in weiten Teilen der Bevölkerung auch eine ausgeprägte Angst vor Überbevölkerung existierte. Daraus leiteten viele Medien damals ab, dass man nicht mehr als zwei Kinder haben sollte. Verstärkt wurde dies durch die Stigmatisierung von kinderreichen Familien als asozial. Offenbar waren hier die Deutschen in ihrem Streben bei der Umsetzung der Zwei-Kind-Norm besonders perfektionistisch, vermutet der Politologe. Aus sozialpolitischen Gründen wäre es hilfreich, kinderreichen Familien mehr Geld zur Verfügung zu stellen, um Kinderarmut zu bekämpfen. Denn das Kindergeld für das dritte Kind ist heute kaum höher als Ende der 1970er Jahre, wenn man die Inflation herausrechnet. Dagegen ist in der gleichen Zeit das Kindergeld für die ersten beiden Kinder deutlich angestiegen. Für die Geburtenrate erwartet Dr. Bujard dadurch allerdings kaum Änderungen. Das Familienideal mit zwei Kindern ist aus seiner Sicht nur schwer von oben zu ändern, es ist ein kulturell geprägtes Phänomen.

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