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Welche Rolle spielt gewollte Kinderlosigkeit bei Frauen?

Datum 30.09.2016

„Ich will kein Kind“ – darum ging es in der WDR-Sendung „planet wissen“ vom 21. September 2016. Kinderlose Frauen sind egoistisch, verantwortungsscheu und karrierefixiert – so lautet ein Vorurteil. Über dieses und weitere Vorurteile diskutierte Moderatorin Andrea Grießmann mit BiB-Forscherin Jasmin Passet-Wittig und Autorin Sarah Diehl.

Wie verbreitet ist Kinderlosigkeit?

Das Bild zeigt Jasmin Passet-Wittig und die Moderatorin der WDR-Sendung „planet wissen“ zum Thema gewollt kinderlos. Welche Rolle spielt gewollte Kinderlosigkeit bei Frauen? Moderatorin Andrea Grießmann mit BiB-Forscherin Jasmin Passet-Wittig (v.r.n.l.) in der WDR-Sendung „planet wissen“ zum Thema „Ich will kein Kind“ (Quelle: WDR)Welche Rolle spielt gewollte Kinderlosigkeit bei Frauen? Moderatorin Andrea Grießmann mit BiB-Forscherin Jasmin Passet-Wittig (v.r.n.l.). Quelle: WDR

Zunächst bot die BiB-Forscherin Passet-Wittig eine Bestandsaufnahme: „Insgesamt sind etwa 21 Prozent der Frauen am Ende ihrer reproduktiven Phase kinderlos.“ Weiterhin erklärte sie: „Für die Messung der gewollten Kinderlosigkeit befragen wir die Frauen, wenn sie sich noch in ihrer reproduktiven Phase befinden. Das sind, je nach Studie, zwischen 7 und 13 Prozent, die aktuell gewollt kinderlos sind.“ Generell sei die Kinderlosigkeit über die letzten 30 Jahre kontinuierlich gestiegen, es sei anzunehmen, dass auch die gewollte Kinderlosigkeit zugenommen hat, so die Soziologin.

Warum entscheiden sich Frauen bewusst gegen Kinder?

Die Publizistin und Autorin Sarah Diehl vertritt mit ihrem Buch „Die Uhr, die nicht tickt“ Frauen, die sich bewusst gegen ein Kind entschieden haben. Diehl stellt sich in dem Buch die Frage, welches Frauenbild in Deutschland herrscht und warum kinderlose Frauen kritisiert, wenn nicht sogar durch die Gesellschaft abgewertet werden. Diehl hat für ihr Buch 30 kinderlose Frauen interviewt. Die meisten von ihnen wollten nach Aussage der Autorin als Frau nicht in eine Rolle gedrängt werden, die einem traditionellen und damit heute unzeitgemäß wirkenden Mutterschaftsideal entspricht. Diehl: „Es ist dieses Ideal, welches Frauen davon abhält, Kinder zu bekommen.“

Der BiB-Forscherin Passet-Wittig zufolge lassen sich verschiedene Wege in die Kinderlosigkeit unterscheiden: „Auf der einen Seite gibt es Frauen, die sich sehr früh in ihrem Lebenslauf gegen Kinder entscheiden.“ Diese Gruppe sei jedoch relativ klein. Die größere Gruppe der Frauen wollten grundsätzlich Kinder, würden die Entscheidung für ein Kind jedoch in ihrem Lebenslauf immer weiter aufschieben. Manchmal so lang, bis es mit dem schwanger werden nicht mehr klappt.

Wie steht es um die Akzeptanz für kinderlose Frauen?

In einem Einspieler kam in der Sendung die gewollt kinderlose Frau Franziska zu Wort: „Man kann mütterlich sein, ohne ein leibliches Kind zu haben.“ Weiterhin wünschte sich Franziska mehr Toleranz von der Gesellschaft: „Ich bin nicht falsch, nur weil ich Frau bin und kein Kind haben will.“

Passet-Wittig verwies auf die Studie „Familienleitbilder“ des BiB, anhand der sich zeigen lässt, dass Kinderlosigkeit für junge Erwachsene heute etwas ganz Normales ist. Die Akzeptanz würde sich jedoch noch weiterhin positiv entwickeln, prognostizierte die Forscherin: „Wir haben viele kinderlose Frauen in unserer Gesellschaft. Dadurch, dass Kinderlosigkeit gelebt wird und jeder Kinderlose kennt, wird die Kinderlosigkeit zu einer echten Option, die auch für junge Frauen in Frage kommt.“ Gleichzeitig seien traditionelle Familienmodelle wie Vater, Mutter und zwei Kinder immer noch wichtig und fänden auch eine höhere Zustimmung. Dies erklärt den Rechtfertigungsdruck, den gewollt kinderlose Frauen immer noch spüren.

Noch unerforscht: Kinderlose Männer

Einig waren sich Sarah Diehl und Jasmin Passet-Wittig darin, dass die Männer ein aktuelles Problem in der Familienforschung sind. Zwar gibt es, das Buch von Sarah Diehl eingeschlossen, diverse Publikationen zur Mutterschaft und Kinderlosigkeit, die Perspektive der Männer sei jedoch vernachlässigt. Dabei sei auch diese Perspektive wichtig, legte Passet-Wittig dar: „Wenn man bei Männern in denselben Altersgruppen schaut, ist der Kinderwunsch noch stärker kontextabhängig als bei den Frauen.“ Das bedeutet zum Beispiel, dass Männer ohne Partnerin häufiger keinen Kinderwunsch haben, mit der passenden Partnerin stellt sich dieser dann ein. Gerade deswegen sei die Rolle der Männer bei der Familiengründung und -erweiterung ein wichtiges Forschungsziel für die Zukunft.

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