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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Wie kann die Forschung Fragen zum Thema Zuwanderung besser beantworten?

Datum 17.06.2016

Zunächst geht es erst einmal darum, die Wissensbasis zu erweitern. So sind zum Beispiel Wanderungsmotive, Bleibeabsichten oder die Erwartungen der Ankommenden derzeit noch unklar, erläutert Professor Norbert F. Schneider, Direktor des BiB, in einem Interview mit bundesregierung.de.

Darin spricht er auch über die Aufgaben und die Öffentlichkeitsarbeit des Instituts und erklärt, wie man sich Forschung zum demografischen Wandel vorstellen kann.

Das Audio-Interview mit bundesregierung.de zum Nachlesen

Herr Professor Schneider, könnten Sie zunächst bitte die Aufgaben des BiB umreißen?

Das kann ich gerne machen. Hauptaufgabe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ist es, die Bundesregierung zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung zu informieren und zu beraten. Wir unterstützen im Rahmen dieser Tätigkeit die Bundesregierung auch in der internationalen Zusammenarbeit zu Bevölkerungsfragen und wir bearbeiten regelmäßig Anfragen von Bundesministerien zu Ursachen und Konsequenzen des demografischen Wandels. Unsere Beratungstätigkeit basiert im Wesentlichen auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Befunde.

Der demografische Wandel ist ein wichtiges politisches Thema und ein Schwerpunkt ihrer Forschung. Wie kann man sich Forschung zu diesem Thema vorstellen?

Die Forschung zum Thema „Demografischer Wandel“ basiert im Wesentlichen auf zwei sehr unterschiedlichen Grundlagen. Die eine besteht darin, dass wir vorhandene amtliche und nichtamtliche Daten unter bestimmten Fragestellungen auswerten und diese Auswertungen dann als wissenschaftliche Erkenntnisse natürlich publizieren – einmal in Richtung Politik, einmal in Richtung Öffentlichkeit und zum dritten in Richtung Wissenschaft. Wir haben in dem Sinne drei Zielgruppen. Überall dort, wo wir den Eindruck haben, dass die vorhandene Datenlage nicht ausreicht, um unsere Fragen zu beantworten, generieren wir eigene Daten. Dies geschieht, indem wir große repräsentative Bevölkerungsumfragen durchführen mit Stichproben in einem Umfang von 5.000 Personen. Dort finden Befragungen statt – durchaus auch im Längsschnitt. Das bedeutet, dass wir die Menschen nicht nur einmal befragen, sondern wiederholt im Zeitverlauf. Damit ist das die einzige vorhandene Grundlage, um auch Ursachen und kausale Zusammenhänge nicht nur beschreiben, sondern auch erklären zu können.

Die Flüchtlingswelle kam sicher in diesem Ausmaß auch für Ihre Einrichtung überraschend. Was kann die Forschung zur Lösung der damit verbundenen Probleme beitragen?

Tatsächlich hat auch uns das Ausmaß der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 überrascht, obwohl für uns klar war und auch weiterhin bleibt, dass wir uns für die Zukunft auf eine erhöhte Dynamik von Zu- und auch von Abwanderung einstellen müssen. Um Fragen, die mit Zu- und Abwanderung und Integration verbunden sind, wissenschaftlich präziser beantworten zu können, geht es prinzipiell aus meiner Sicht darum, vier Dimensionen differenziert zu betrachten. Nämlich einmal die Perspektive des Aufnahme- oder Ziellandes, aber auch die Perspektive des Herkunftlandes, das Menschen mit zum Teil guter Qualifikation verliert. Dann geht es darum, die Wanderungsmotive, die Bleibeabsichten und die Erwartungen derer besser zu verstehen, die zu uns kommen. Wir wissen ja zum Teil gar nicht, wer eigentlich kommt, welcher Bildungszusammenhang besteht, welche beruflichen Erfahrungen vorliegen und in welcher Familiensituation sich die Menschen befinden. All das müssen wir gründlich wissen, um effektiver reagieren zu können als bisher.

Hinzu kommt die vierte Perspektive: Wir müssen uns auch mit den Erwartungen, Ängsten und Wahrnehmungen der hiesigen Bevölkerung beschäftigen. Und nur wenn wir sozusagen diese vier Dimensionen besser verstehen und miteinander in Einklang bringen können, können wir die richtigen Maßnahmen im Rahmen der Integration ergreifen. Dabei stellt sich die Frage, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Oft wird betont, dass Integration dann gelungen ist, wenn die Menschen die Sprache beherrschen, vernünftig wohnen und in den Arbeitsmarkt integriert sind. Wir sagen, dass ist nicht das Ende der Integration, sondern die notwendige Voraussetzung für Integration.

Eine weitere wichtige Dimension wäre eine gleichberechtigte soziale Teilhabe beispielsweise in Kultur, in Sport oder in Politik. Andere betonen, dass das Vorhandensein eines Zugehörigkeitsgefühls eine entscheidende Rolle spielt. Der Zuwanderer fühlt sich somit nicht mehr als Türke, Afghane oder Syrer, sondern als Deutscher. Dazu gibt es auch Stimmen, die das Erreichen der Staatsbürgerschaft als Ziel ansehen. Nach der Ansicht von Sozialwissenschaftlern ist der härteste Indikator für gelungene Integration das Heiratsverhalten – also wenn sich Zuwanderer mit der hiesigen Bevölkerung genauso verehelichen wie die hiesige Bevölkerung untereinander. Diese Vielfalt der Ansichten belegt die Schwierigkeit, wie Integration politisch adressiert werden kann. Daraus ergibt sich eine unserer Aufgaben: Verständnis und Einblicke zu gewinnen, damit Ansatzpunkte für politisches Handeln zur Förderung einer gelungenen Integration zielgerecht vorgenommen werden können.

Sie beraten vor allem die Politik, konkret das Bundesinnenministerium. Gehen Sie mit Ihren Ergebnissen auch direkt an die Öffentlichkeit und wenn ja, wie geschieht das?

Unsere drei bereits erwähnten Zielgruppen versuchen wir zu informieren über Broschüren, in denen wir fundierte Resultate von Forschungsprojekten aber auch zum Thema der demografischen Entwicklung allgemein und frei von Fachjargon präsentieren. Darüber hinaus publizieren wir im zweimonatlichen Rhythmus das frei im Internet verfügbare Journal „Bevölkerungsforschung Aktuell“. Darin werden eher ergebnisorientiert einzelne Forschungsprojekte allgemein verständlich dargestellt. Dazu treten wir in Radio- oder Fernsehsendungen zu Themen von Familie, Fertilität, Migration, Alterung und Sterblichkeit regelmäßig auf. Wir arbeiten sehr eng auch mit der schreibenden Zunft zusammen und sind in der Medienarbeit relativ aktiv, was Tages- und Wochenzeitungen anbelangt. Insgesamt ist das BiB breit aufgestellt. Neben der Beratung der Politik gehört die Information der Öffentlichkeit zu den zentralen Aufgaben des Instituts.

Redaktioneller Hinweis: Das Transkript des Audio-Interviews wurde zur besseren Lesbarkeit redaktionell bearbeitet.

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