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Bis dass der Tod uns scheidet? – Prof. Dr. Norbert F. Schneider zum Scheidungsgeschehen in der 3sat-Sendung „Scobel“

Datum 19.01.2016

Den Wandel der Institution Ehe und die Ursachen für den Anstieg der Scheidungszahlen beleuchtete BiB-Direktor Prof. Dr. Norbert F. Schneider aus soziologischer Perspektive in der Fernsehsendung „Scobel“ am 14. Januar 2016. Das Thema der Diskussionsrunde lautete „Trennung – und was dann?“.

Immer weniger Menschen gehen in Deutschland einen festen Bund fürs Leben ein, zugleich wird mehr als jede dritte Ehe geschieden. Im Jahr 2013 lebten in jeder zehnten Familie die Paare ohne Trauschein zusammen. Für den Soziologen ist diese Entwicklung ein Zeichen dafür, dass der Nutzen der Institution Ehe abgenommen und zugleich der Nutzen von Handlungsalternativen wie den Nichtehelichen Lebensgemeinschaften zugenommen hat. Das Risiko, dass Ehen nicht im Tod, sondern in einer Scheidung enden, nimmt daher zu, prophezeite er.

Sozialer Wandel in Deutschland beeinflusst Scheidungsverhalten

Das Bild zeigt Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Dr. Ulrike Haibach und Dr. Arnold Retzer in der Sendung „Scobel“ zum Thema Trennungen. Diskussionsrunde zum Thema Trennungen in der Sendung „Scobel“Trennung - und was dann? Dieser Frage widmeten sich von links Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Dr. Ulrike Haibach sowie Dr. Arnold Retzer. Quelle: 3sat

In der Diskussionsrunde mit dem Leiter des Systemischen Instituts Heidelberg, Dr. Arnold Retzer, sowie der Anwältin für Familienrecht, Dr. Ulrike Haibach aus Frankfurt, wies Prof. Schneider vor diesem Hintergrund darauf hin, dass das Heirats- und Scheidungsgeschehen in gesellschaftlichen Strukturen eingebettet ist und letztlich damit auch von gesellschaftlichem und sozialem Wandel beeinflusst wird. So übt beispielsweise die stärkere Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt einen sichtbaren Impuls auf das Scheidungsgeschehen aus.

Risikofaktoren und Ursachen für eine Trennung

Bei der Debatte um die Suche nach den Ursachen für Trennungen war sich die Runde vor allem über zwei Faktoren einig: Neben einer unbefriedigenden Sexualität können vor allem Kinder als „Beziehungskiller“ wirken. Dabei machte es noch vor 20 Jahren einen Unterschied für eine Entscheidung zur Trennung, ob Paare Kinder hatten oder nicht. Dies hat sich nach Ansicht von Prof. Schneider mittlerweile aufgelöst: In den ersten Jahren nach der Geburt sinkt die Scheidungswahrscheinlichkeit, danach gibt es keine Unterschiede im Verhalten zwischen Eltern und Kinderlosen mehr, analysierte er. Diese Tendenz ist relativ neu.

Lösungsansätze: Was macht Ehen stabil?

Angesichts der skizzierten Entwicklungen stellte sich die Frage, wie denn einer Trennung beziehungsweise Scheidung entgegengewirkt werden kann. Für den Soziologen waren hier zwei Aspekte entscheidend: Zum einen müssten die Partner gemeinsame Projekte wie beispielsweise gemeinsame Lebensziele verfolgen. Wenn erkennbar wird, dass eine Seite nicht mehr die gemeinsamen Ziele investiert, ist das ein deutlicher Indikator für einen Rückzug, der in eine Scheidung münden kann. Ein anderer Punkt betrifft die Frage des Gerechtigkeitsempfindens in einer Partnerschaft, das sogenannte „Equity-Prinzip“. Leidet ein Partner unter dem subjektiven Gefühl, dass es in seiner Partnerschaft ungerecht zugeht, dann ist dieses Prinzip verletzt, destabilisiert und damit ein Hochrisikofaktor für eine Entwicklung hin zur Scheidung.

„Scheidung ist nicht das Ende der Familie“

Mündet eine Ehe letztlich in die Scheidung, so bedeutet dies keineswegs das Ende der Familie – insbesondere dann nicht, wenn Kinder vorhanden sind, betonte Prof. Schneider. Schließlich bleiben die Eltern auch nach einer Scheidung noch Eltern, die nach wie vor Absprachen bezüglich Umgang oder Sorge treffen müssen. Scheidung bedeutet also oft eine Transformation in eine Nachscheidungsfamilie, das heißt die Familie besteht weiter, allerdings auf einer veränderten Grundlage. Wie die Phase der Trennung bewältigt wird, ist dabei wichtiger für das, was später für die Beteiligten kommt – und weniger die Konflikte vor der Scheidung.

Eine Scheidung muss nicht immer als Lebenskrise und Scheitern angesehen werden, sondern kann als eine akzeptierte Strategie der Konfliktlösung von beiden Seiten bewältigt werden, so der Soziologe. Paare, die nur noch wegen der Kinder zusammenbleiben, wählen den falschen Weg. Hier kann es besser sein, einen Schlussstrich unter die Beziehung zu ziehen und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem man noch nicht vollkommen zerstritten ist. Schließlich müssen die ehemaligen Partner auch nach der Trennung noch miteinander umgehen können, gerade im Hinblick auf die Kinder.

Konfliktarmer Trennungsprozess nimmt zu

In diesem Kontext sind Paare besser aufgestellt, denen es gelingt, den Trennungsprozess einigermaßen konfliktarm zu bewältigen, besonders wenn es um die Weiterführung der „Nachscheidungsfamilie“ geht. Dies gilt beispielsweise für kinderlose Paare, die sich auseinanderleben und irgendwann feststellen, dass sie keine gemeinsamen Ziele mehr haben und sich dann für eine konfliktarme Trennung entscheiden. Ein solch konfliktarmes „Ausgleitenlassen“ der Beziehung mit dem Ausblick auf ein „Neuverpartnern“ ist seiner Ansicht nach mittlerweile nicht selten und nimmt sogar an Häufigkeit zu, resümierte Prof. Schneider.

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