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Die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland

Insa Cassens, Marc Luy, Rembrandt Scholz (Hrsg.): Die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland. Demografische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen seit der Wende. VS Verlag Wiesbaden 2009

Wie sehen die demografischen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland aus? Ist eine Annäherung der demografischen Muster in den beiden Teilen Deutschlands bereits vollzogen bzw. bis wann kann mit einer vollständigen Angleichung gerechnet werden? Gibt es Anzeichen dafür, dass bestimmte Ost-West-Unterschiede bestehen bleiben? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt dieses neu erschienenen Sammelbandes im VS Verlag an dem mehrere Wissenschaftler des BiB mitgearbeitet haben. Er versammelt die Beiträge eines Workshops im Rahmen der Statistischen Woche 2006 in Dresden. Aus verschiedensten Blickwinkeln geben die Autorinnen und Autoren einen detaillierten Einblick in die Entwicklungen und analysieren deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung. Es zeigt sich: Der demografische Wandel macht sich in fast allen Lebensbereichen bemerkbar.

So gibt Evelyn Grünheid (BiB) zunächst einen Überblick über die demografische Entwicklung in West- und Ostdeutschland von 1990 bis 2004. Sie konstatiert eine rasante Dynamik der Veränderungen in den neuen Bundesländern was die demografische Entwicklung seit 1990 angeht.
Thomas Salzmann zeigt in seinem Beitrag, dass in den westdeutschen Bundesländern die Veränderungen in der Mortalität (Anstieg der Lebenserwartung) und Fertilität (niedriges Geburtenniveau) seit 1990 nur geringfügige Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung hatten, während die Folgen in den neuen Ländern um ein Vielfaches größer waren. Dabei profitierten die ostdeutschen Länder überdurchschnittlich von den sinkenden Mortalitätszahlen. Verluste gab es dagegen durch die Veränderungen in der Periodenfertilität. Auch die Auswirkungen der Migrationsbewegungen sind für die ostdeutschen Länder mit Ausnahme Brandenburgs negativ. Gleichwohl bleibt die Migration die einzige Variable, die sich nach Meinung der Autoren aktiv steuern ließe und von der sofortige bevölkerungsdynamische Reaktionen ausgehen würden.
Welche demografischen Konsequenzen haben die Wanderungen zwischen den bundesdeutschen Ländern? Mit den Effekten der Binnenmigration auf die Bevölkerungsentwicklung und Alterung in den Bundesländern befasst sich die Analyse von Ralf Mai und Manfred Scharein (BiB). Anhand der Modellrechnungen zeigt sich, dass der Binnenwanderungseffekt die Alterung in Ostdeutschland um bis ein Drittel (Frauen) beziehungsweise ein Viertel (Männer) verstärkt, dies betrifft auch Niedersachsen, Saarland und Schleswig-Holstein. Im übrigen Westdeutschland, vor allem in den Stadtstaaten, ist die Alterung durch die Binnenwanderung abgeschwächt worden. Darüber hinaus wäre die Geburtenzahl für Ostdeutschland (ohne Berlin) nach den Berechnungen ohne Binnenwanderungen um 12,3 % größer, in Westdeutschland (ohne Berlin) dagegen um 1,3 % kleiner gewesen.
Die Geburt zweiter Kinder nach der Wende untersucht Michaela Kreyenfeld in ihrem Beitrag. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Frauen der Geburtskohorten 1964-66 auf die gesellschaftlichen Umbrüche zur Zeit der Wiedervereinigung eher mit einem Verzicht als mit einem Aufschub des zweiten Kindes reagiert haben.
Wie hat sich die Mortalität in den beiden deutschen Staaten seit der Wende entwickelt? Dieser Frage gehen Eva Kibele und Rembrandt Scholz nach. Sie zeigen, dass sich die Lebenserwartung in Ost und West stark angeglichen hat. So weisen die Frauen keine Unterschiede mehr auf, bei den Männern beträgt die Differenz in der Lebenserwartung noch 1,2 Jahre zugunsten westdeutscher Männer. Allerdings haben Männer in fast jedem Alter (besonders zwischen 35-50 Jahren) in den neuen Bundesländern höhere Mortalitätsraten als in den alten Bundesländern. Nur in den sehr hohen Altersklassen gibt es eine Umkehrung und die Mortalität ist deutlich niedriger.
Die Frage, wie sich Tempo-Effekte auf die ost-westdeutschen Unterschiede in der Lebenserwartung auswirken (die Unterschiede zwischen West und Ost stiegen noch bis in die zweite Hälfte der 1990er Jahre weiter), steht bei Marc Luy im Mittelpunkt.
Darüber hinaus untersucht er zusammen mit Nadine Zielonke auch die geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsunterschiede in Ost- Und Westdeutschland. Den Veränderungen dieser Unterschiede bei Männern und Frauen während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts könnten demnach Kohorteneffekte zugrunde liegen.
Im zweiten Teil des Bandes rücken stärker gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte der Bevölkerungsentwicklung in den Fokus. Wie wird sich die Bevölkerungsentwicklung auf den Arbeitsmarkt auswirken? Sind Befürchtungen berechtigt, die davon ausgehen, dass in Deutschland künftig die der Wirtschaft zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte knapp werden? Die Analysen von Johann Fuchs und Doris Söhnlein deuten darauf hin, dass das Arbeitskräfteangebot auf lange Sicht erheblich kleiner und zugleich älter sein wird. Selbst eine im langfristigen Durchschnitt hohe Zuwanderung vermag dabei den Potenzialrückgang auf dem Arbeitsmarkt nicht zu stoppen.
Der demographische Wandel zeigt sich in Deutschland regional höchst unterschiedlich. Steffen Maretzke spricht in seinem Artikel denn auch von regionalen Disparitäten der Bevölkerungsentwicklung. Wachstumsregionen, deren Zahl tendenziell eher rückläufig sind, stehen Schrumpfungsregionen gegenüber, die durch einen überdurchschnittlich starken Bevölkerungsrückgang, eine stärkere Alterung der Bevölkerung und einen Mangel an Frauen im erwerbsfähigen Alter gekennzeichnet sind. Auf diese Entwicklungen werden sich die Schrumpfungsregionen auch zukünftig einstellen müssen, so das Fazit.
Eine langsame Annäherung der demografisch relevanten Einstellungsunterschiede und im Wandel der Lebensformen in West- und Ostdeutschland konstatieren Jürgen Dorbritz und Kerstin Ruckdeschel vom BiB. In einigen Punkten wie zum Beispiel der gewünschten Kinderlosigkeit und dem Anteil Alleinerziehender und nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften mit Kindern existieren allerdings noch immer deutliche Unterschiede. In anderen Bereichen wie etwa der Familienbildung beginnen sich die jüngeren Jahrgänge im Osten ähnlich wie ihre westdeutschen Altergenossen zu verhalten.
Gibt es in Ostdeutschland stärkere Vorbehalte gegenüber Ausländern und sind fremdenfeindliche Einstellungen weiter verbreitet als in Westdeutschland? Diese Frage diskutiert Peter Preisendörfer anhand einer Untersuchung zweier Städte, Rostock in Ostdeutschland und Mainz in Westdeutschland. Die Daten belegen demnach, dass Ausländer in Rostock häufiger als in Mainz über Fremdenfeindlichkeiten berichten und auch persönlich davon betroffen sind.
In Ostdeutschland dominiert die Abwanderung das Binnenwanderungsverhalten. Zu den beobachteten Wanderungsverlusten trägt vor allem der zu geringe Gegenstrom nach Ostdeutschland bei, wie Angela Jain und Jenny Schmithals in ihrer Analyse über Motive für die Wanderung von West- nach Ostdeutschland feststellen. Neben der Typologisierung unterschiedlicher Rückkehrertypen betonen sie vor allem, dass qualifizierte Erwerbsmöglichkeiten ebenso wie auch ein attraktives und familienfreundliches Lebensumfeld, geeignete Bildungsangebote oder Kultur- und Freizeitmöglichkeiten wichtige Kernelemente für Rückwanderung sind.
Mit dem deutsch-deutschen Konsumverhalten nach 16 Jahren Einheit beschäftigen sich Sandra Jenke und Uwe Lebok. Dabei zeigt sich, dass nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung (Abwanderung, verstärkende Alterung in den neuen Bundesländern) das Konsumverhalten zwischen Ost- und Westdeutschland zum Teil deutlich voneinander abweicht.

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