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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Materialienband 114

Anke Borchardt und Yve Stöbel-Richter:
Die Genese des Kinderwunsches bei Paaren - eine qualitative Studie

Heft 114: Materialien zur Bevölkerungswissenschaft des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (2004)

Der Rückgang der zusammengefassten Geburtenziffer, der in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts beobachtet werden kann, ist eines der Phänomene, dessen Erklärung nicht nur innerhalb der Sozialwissenschaften von Interesse ist. Die gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen und Probleme, die aus dem demographischen Trend sinkender Geburtenraten bei gleichzeitigem Ansteigen des durchschnittlichen Lebensalters resultieren, sind erheblich und stellen nicht nur Politiker vor langfristige Aufgaben. Die Abnahme der Geburtenzahlen lässt sich über sämtliche sozialen Schichten und Regionen hinweg verzeichnen, so dass der Erklärungswert ökonomischer oder struktureller Determinanten nicht ausreichend ist (vgl. Rosenstiel et al. 1986; Gloger-Tippelt / Gomille / Grimmig 1993). Generell hat der Anteil der Frauen und Männer, die im Laufe ihres Lebens kein Kind bekommen werden, in den letzten Jahrzehnten in den meisten Ländern Europas zugenommen.

Im Zusammenhang mit der generellen Verfügbarkeit von Kontrazeptiva seit den 60er Jahren unterlag das reproduktive Verhalten einem Wandel. Durch die Einführung der Pille bestand erstmals die Möglichkeit, den Zeitpunkt der Empfängnis und die Anzahl der Kinder selbst zu bestimmen. Somit wurde für den Einzelnen potentiell eine individuelle Entscheidung bezüglich des generativen Verhaltens möglich. Dies erhöhte die Bedeutung intraindividueller und intradyadischer Entscheidungen im generativen Prozess.

Vor diesem Hintergrund rückten seit den 80er Jahren zunehmend psychologische Variablen und deren Einfluss auf das reproduktive Verhalten der Individuen in den Fokus des Forschungsinteresses. Dabei wurden jedoch überwiegend Frauen untersucht. Der Aspekt, dass die Zeugung von Kindern Resultat eines gemeinsamen Handelns von Frau und Mann ist, blieb überwiegend unberücksichtigt. Obwohl bereits Ende der 70er Jahre die ersten theoretischen Modelle entwickelt wurden, die generatives Handeln aus dyadischer Perspektive betrachten, finden sich in der Literatur kaum Studien, die diese Prozesse untersuchen. Bereits 1993 stellten Gloger-Tippelt et al. fest: „Es wäre für die Forschung und Praxis interessant zu wissen, wie der Entscheidungsprozess für Kinder vor sich geht und welcher Partner auf die Entscheidung mehr Einfluss hat“ (a.a.O. 1993: 87).

Insgesamt erfordert die Untersuchung reproduktiven Verhaltens eine Betrachtung von individuellen, dyadischen, sozio-ökonomischen und gesellschaftlichen Determinanten für ein differenziertes und umfassendes Verständnis.

Eine der Fragen, die im Zusammenhang mit dem Übergang zur Elternschaft kontrovers diskutiert wird, ist die, ob die Entscheidung zur Elternschaft in einem bewusst-rationalen Prozess getroffen wird oder als biographischer Übergang einer Selbstverständlichkeit unterliegt, ohne dass ein explizites Abwägen mit anderen Lebensoptionen erfolgt. Diese Diskussion wird mit der vorliegenden Untersuchung aufgegriffen. Dabei wird ersichtlich, dass für ein umfassenderes Verständnis dyadischer generativer Prozesse ein weiterer Forschungsbedarf besteht.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Kinderwunschgenese von Paaren vor der Realisierung des Kinderwunsches. Unter der Annahme, dass der dyadischen Intention, einmal gemeinsame Kinder zu wollen, eine individuelle Intention zu Grunde liegt, werden individuelle Sichtweisen und Relevanzsysteme zur Kinderfrage und die dyadische Kinderwunschgenese beleuchtet. Weiterhin wird der Frage nachgegangen, welche Interaktionen innerhalb des dyadischen generativen Prozesses zwischen den Partnern stattfinden.

Nach der Einleitung zur Thematik wird im zweiten Kapitel der Stellenwert der Thematik im gesamtgesellschaftlichen Kontext dargestellt. Im Kapitel drei werden in einem Überblick theoretische Erklärungsansätze des generativen Verhaltens beschrieben. Um den historischen Wandel des Verständnisses des Gegenstandsbereiches zu illustrieren, werden dabei neben sozialpsychologischen Erklärungsansätzen auch Theorien und Modelle der Bevölkerungswissenschaften und Soziologie beschrieben. Im vierten Kapitel wird ein Überblick zum aktuellen Forschungsstand zur Kinderwunschthematik gegeben. Anhand einer kurzen exemplarischen Darstellung werden die Besonderheiten des Geburtenrückganges in den neuen Bundesländern im Zeitraum 1990 - 1995 veranschaulicht. Der Forschungsstand in den alten Bundesländern wird interpretativ zusammengefasst.

Im fünften Kapitel wird das methodische Vorgehen der vorgestellten Untersuchung erläutert und der Untersuchungsablauf beschrieben.

In Kapitel sechs werden die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung in Form von individuellen und dyadischen Fallgeschichten sowie anhand eines geschlechtsspezifischen Fallvergleiches dargestellt.

Im siebten Kapitel werden die Ergebnisse der Studie in Bezug zur aktuellen Forschungsliteratur diskutiert und Spezifika des generativen Prozesses der in der Studie untersuchten Personen und Paare mit allgemeinen-theoretischen Aspekten generativer Entscheidungsprozesse verknüpft. Weiterhin wird ein Ausblick auf sich aus der Arbeit ergebende Forschungsfragen gegeben und das methodische Vorgehen kritisch bewertet.

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