Navigation und Service

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Jürgen Dorbritz (2009)

Bilokale Paarbeziehungen – die Bedeutung und Vielfalt einer Lebensform*

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 34, 1-2/2009, S. 31-56, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398, DOI: 10.1007/s12523-010-0032-3

Ziel der Untersuchung zu den bilokalen Paarbeziehungen ist es, detailliertere Informationen über eine bisher zu wenig beachtete Lebensform zu finden. Dazu sind die Daten der ersten Welle der Befragung Generations and Gender Survey des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ausgewertet worden. Zum Zweck der differenzierten Analyse wurden zwei Grundformen gebildet: das Living Apart Together (Nahbeziehung) und die Long Distance Relationship (Fernbeziehung). In einem ersten Schritt sind die bilokalen Paarbeziehungen empirisch beschrieben worden. Es zeigt sich, dass sie als Lebensform eine ähnliche Bedeutung wie die nichtehelichen Lebensgemeinschaften besitzen. Hinzuweisen ist auf ihre außerordentliche Heterogenität. Bilokale Paarbeziehungen entstehen auf freiwilliger Basis, sind aber fast gleich oft durch äußere Umstände erzwungen. Das trifft stärker auf die Paare zu, die aufgrund beruflicher Zwänge in einer Fernbeziehung leben. Es gibt Paare mit sehr häufigen Face-to-Face-Kontakten, aber auch Paare die sich selten sehen. Es ist die Lebensform junger, lediger Menschen in Großstädten, sie wird aber auch von älteren Partnern nach einer Scheidung oder Verwitwung eingegangen. Bilokale Paarbeziehungen haben ihre Exklusivität verloren, werden von allen sozialen Gruppierungen gelebt. Analyseleitend wurden vier Hypothesen formuliert, die in einem individualisierungstheoretischen Kontext angesiedelt sind. Erstens: Bilokale Paarbeziehungen sind die Lebensform, in der Emotionalität auf Abstand gelebt wird. Sie entstehen auf freiwilliger Basis mit einer geringen Zusammenzugs- und Heiratsneigung. Zweitens: Kinderwünsche sind kaum ausgeprägt und eine Familiengründung wird seltener angestrebt. Drittens: Personen in bilokalen Paarbeziehungen sind gekennzeichnet durch besondere Einstellungsmuster, die auf Geschlechtergleichheit, Akzeptanz von Kinderlosigkeit und Ablehnung der Institution der Ehe gerichtet sind. Viertens: Die Konstruktion der Paarbeziehung, auf räumlicher Distanz beruhend, führt zu einem höheren Konfliktpotenzial und ausgeprägteren Trennungsabsichten. Diese vier Hypothesen konnten im Wesentlichen bestätigt werden. Zur Überprüfung der Hypothesen sind binär logistische Regressionen gerechnet worden.

* begutachteter Beitrag

Diese Seite

© Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung - 2017