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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Angelika Münter (2008)

Wer kann in der Stadt gehalten werden? Identifizierung „beeinflussbarer“ Stadt-Umland-Wanderer in vier deutschen Stadtregionen*

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 33, 3-4/2008, S. 351-380, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398, DOI: 10.1007/s12523-009-0020-7

Nahezu alle Kernstädte in Deutschland weisen bereits heute einen negativen natürlichen Bevölkerungssaldo auf. Zukünftig wird diese Komponente der Bevölkerungsentwicklung immer stärker ins Gewicht fallen. Diese Entwicklung ist von den Kommunen kaum zu beeinflussen. Um den Rückgang ihrer Bevölkerungszahl zu begrenzen, versuchen die Kernstädte daher Einfluss auf ihre Wanderungsbilanz zu nehmen. Während der Fernwanderungssaldo insbesondere von der wirtschaftlichen Situation einer Region abhängt, ist der Nahwanderungssaldo über Maßnahmen der Stadtentwicklung beeinflussbar. Entsprechende Maßnahmen haben aber bisher nicht im gewünschten Maße gegriffen, was sich darin zeigt, dass die Kernstädte weiterhin Nahwanderungsverluste gegenüber ihrem Umland zu verzeichnen haben. Ein neuer Ansatz zur Begrenzung der Stadt-Umland-Wanderung bzw. Stärkung der Kernstädte als Wohnstandort ist es, entsprechende Gegenmaßnahmen zielgruppenspezifisch auszugestalten. Insbesondere erscheint es notwendig unter allen Stadt-Umland- Wanderern jene herauszufiltern, die unter bestimmten Umständen in der Kernstadt wohnen geblieben wären. Es wird in diesem Beitrag aufgezeigt, welche Gruppen an Stadt-Umland-Wanderern in ihrer Wanderungsentscheidung seitens der Kernstädte beeinflussbar sind. Die Analyse basiert auf Daten aus einer telefonischen Wanderungsmotivbefragung mit Stadt-Umland-Wanderern in vier typischen deutschen Stadtregionen (Köln, Leipzig, Magdeburg und Münster). In unserem Ansatz „beeinflussbare“ Stadt-Umland-Wanderer zu identifizieren, wird der Grad, zu dem die Wanderungsentscheidungen der Stadt-Umland-Wanderer seitens der Kernstädte beeinflussbar sind, durch zwei Dimensionen beschrieben: die Suche der Haushalte nach potentiellen neuen Wohnstandorten in der Kernstadt und/oder dem Umland sowie ihre Motive, die Kernstadt zu verlassen. Unser Ansatz, die „beeinflussbaren“ Stadt-Umland-Wanderer zu identifizieren, ermöglicht es den Kernstädten, detailliertere und passgenauere Rückschlüsse aus Wanderungsmotivuntersuchungen für die Stadtentwicklungspolitik zu ziehen. Die Analysen zeigen, dass ungefähr die Hälfte aller Stadt-Umland-Wanderer seitens der Kernstädte beeinflussbar ist und dass Strategien zur Begrenzung der Stadt-Umland-Wanderung auf diese Gruppe konzentriert werden sollten. In einem nächsten Schritt wird die Gruppe der „beeinflussbaren“ Stadt-Umland-Wanderer weiter nach ihren soziodemographischen Merkmalen und ihren Präferenzen hinsichtlich ihrer Wohnsituation differenziert. Daraus ergeben sich Zielgruppen, die für die Akteure am lokalen Wohnungsmarkt handhabbar sind. Es zeigt sich, dass die mit Abstand wichtigste Zielgruppe Familienhaushalte sind, die ein Haus erwerben. Vier von zehn der „beeinflussbaren“ Stadt-Umland-Wanderer gehören dieser Zielgruppe an. Die Analysen zeigen außerdem, dass das Streben der Haushalte nach einer Verbesserung der Wohnsituation und nach dem Erwerb von Wohneigentum wesentliche Triebkräfte der Stadt-Umland-Wanderung sind und dass für die „beeinflussbaren“ Stadt- Umland-Wanderer finanzielle Gründe, die auf ein Preisgefälle zwischen Kernstadt und Umland zurückzuführen sind, das wichtigste Motiv sind, die Kernstadt zu verlassen. Strategien und Maßnahmen zur Begrenzung der Stadt-Umland-Wanderung sollten daher (weiterhin) Familienhaushalte und Haushalte, die Eigentum erwerben wollen, im Blick haben – zwei Gruppen an Stadt-Umland-Wanderern, zwischen denen eine erhebliche Schnittmenge besteht. Neben der rein quantitativen Ausdehnung des Angebotes an Einfamilienhäusern in den Kernstädten, sind dabei vor allem Strategien zu entwickeln, die den finanziellen Restriktionen potenzieller Stadt-Umland-Wanderer Rechnung tragen. Ein Schwerpunkt sollte auf Beratungs- und Informationsstrategien gelegt werden, über die potentielle Stadt-Umland-Wanderer über die Kosten des Lebens in der Stadt und im Umland informiert werden, da – wie unsere Analysen zeigen – die abwandernden Haushalte zusätzliche Mobilitätskosten im Umland nur unzureichend in ihrer Wanderungsentscheidung berücksichtigen.

* begutachteter Beitrag (englischer Volltext: Who Can Be Retained in the Core Cities? Identifying "Influenceable" Suburban Migrants in Four German Urban Regions)

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