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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Karl Schwarz (2007)

Zur Problematik von Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit als Mittel zur Förderung des Kinderwunsches

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 32, 1-2/2007, S. 35-50, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Schon seit mehr als 30 Jahren besteht ein Geburtendefizit, das – ohne hohe Zuwanderung – eine mit der Zeit steigende Bevölkerungsabnahme hervorrufen müsste. In wachsendem Maße wird daher eine pronatalistische Bevölkerungspolitik gefordert. Sie soll die Nachteile beseitigen, die dadurch entstehen, dass – auf die denkbar kürzeste Formel gebracht – Kinder Geld und geldwerte Zeit kosten. Oder – humaner ausgedrückt –, dass man heute nicht mehr erwarten dürfte, dass der Beitrag von Eltern zum Humanvermögen umsonst, und noch dazu auf Kosten der Frau, zu haben sei. Die Demographen haben daher wenig Erfolg, wenn sie meinen, die Heranwachsenden müssten doch Lust auf wenigstens ein Kind haben und auch noch einige zu mehr als zwei Kindern ermutigen können. Vor mehr als 100 Jahren konnte man noch sagen, wer keine Kinder hat, muss im Alter und bei Krankheit sehen, was aus ihm wird, heute haben wir ausgeklügelte Sozialversicherungssysteme, von denen sogar diejenigen profitieren, die nur wenig oder gar nichts hineingezahlt haben.

Als Rezept wird nunmehr auch für Deutschland empfohlen, Kindererziehung weitgehend Institutionen zu überlassen, die das mit ausgebildeten Kräften ja viel besser können sollen als die Mütter derjenigen, die heute als Erwachsene darüber entscheiden. Damit ist Bevölkerungs- und Familienpolitik unversehens und wohl auch gewollt – Frauenpolitik geworden, die sich vor allem diejenigen leisten können, die als gut Verdienende die Kindererziehung an Haushaltshilfen und Kindermädchen abgeben. Dass es daneben Frauen gibt, die wenig verdienen oder keinen Arbeitsplatz finden und für verlängertes Erziehungsgeld auch bereit wären, ihre Kinder in der Familie großzuziehen, wird dabei leicht vergessen. Leicht vergessen wird oft auch, dass institutionelle Kindererziehung sehr teuer ist und es unter den Ländern, die als Vorbild dienen, so gut wie keines mehr mit Kinderzahlen über dem Reproduktionsminimum gibt. Wer aus der neuerdings propagierten Familienpolitik eine für die Bevölkerungsentwicklung ausreichende Zunahme der Kinderzahlen erwartet, wird daher voraussichtlich enttäuscht werden; denn hierzu wäre neben einer radikalen Verminderung der Kinderlosigkeit auch eine größere Bereitschaft zu mehr als zwei Kindern erforderlich. Das ist vor 1990 noch nicht einmal in der früheren DDR gelungen, und schon gar nicht mehr von einer Bevölkerung zu erwarten, von der die heute um 30-Jährigen meinen, Kinder zu haben, sei keine Voraussetzung für ein erfülltes Leben.

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