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Parviz Khalatbari (2007)

Die weibliche Emanzipation und der Prozess der Wandlung der generativen Verhaltensweise

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 32, 1-2/2007, S. 11-34, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Seit mehr als 100 Jahren beobachten wir einen kontinuierlichen Rückgang der Fertilität in den europäischen Ländern. Dieses Phänomen wurde immer wieder als „das Bevölkerungsproblem“ Europas bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen historisch-logischen Prozess. Die industrielle Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts in Europa war eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Menschheit. Sie hat allmählich die Beschaffenheit unserer Welt von Grund auf verändert. Auch die demographischen Konsequenzen der industriellen Revolution waren im wahrsten Sinne des Wortes revolutionär. Sie hat den traditionellen Typen der Reproduktion die Grundlage entzogen. Die Reproduktion tritt in eine Transitionsphase ein, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Im Zuge der ökonomischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Wandlungen und Entwicklungen wurde seit dem Ende des 18. Jahrhunderts das traditionelle und unkontrollierbare Sterblichkeitsregime allmählich überholt. Die Sterblichkeit wurde zunehmend kontrollierbar. Dank der Kontrollierbarkeit der Sterblichkeit wird zum ersten Mal in der Geschichte die Erhaltung der Art mit geringem demographischen Aufwand gewährleistet. Eine die Fertilität fördernde traditionelle generative Verhaltensweise, die tausende von Jahren die hohe Sterblichkeit kompensierte und arterhaltend wirkte, erwies sich nun als überflüssig. Sie musste durch eine neue und eher die Fertilität beschränkende generative Verhaltensweise ersetzt werden. Die Hauptvoraussetzung für diese radikale demographische Umwandlung war die umfassende Befreiung der Frauen von jenen wirtschaftlichen, gesetzlichen, sozialen, religiösen und sexuellen Fesseln, die sie tausende Jahre unterdrückten, diskriminierten und zu härtestem Gattungsdienst verurteilten. Zwischen dem Prozess der weiblichen Emanzipation (sowohl die Gleichberechtigung als auch die Durchsetzung der weiblichen Werte in der Gesellschaft) und der Formierung und Entwicklung der modernen generativen Verhaltensweise besteht offensichtlich ein untrennbarer Zusammenhang, der trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte der letzten Jahre eher vernachlässigt worden ist.

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