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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Ursula Ferdinand (2007)

Die NS-Bevölkerungswissenschaft und -politik im Spiegelbild des internationalen bevölkerungswissenschaftlichen Kongresses in Paris 1937

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 32, 1-2/2007, S. 263-288, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Die „International Union for the Scientific Investigation of Population Problems“ (IUSIPP) bildete für Bevölkerungswissenschaftler in der Zwischenkriegszeit ein wichtiges internationales Forum. Ihre internationalen bevölkerungswissenschaftlichen Kongresse – 1931 in London, 1935 in Berlin und 1937 in Paris – waren Plattformen für die methodische und theoretische Ausgestaltung und Festigung dieser Disziplin. Die Kongresse wie der 1935er in Berlin wurden aber auch politisch instrumentalisiert. Ihn feierten Bevölkerungswissenschaftler im nationalsozialistischen Deutschland als Sieg der „deutschen Bevölkerungspolitik“ und des „deutschen Rassengedankens“. Der Protest holländischer Wissenschaftler gegen die Instrumentalisierung des Berliner Kongresses durch die Nationalsozialisten verhallte in der IUSIPP weitgehend. Antirassistische Initiativen und Einzelpersönlichkeiten nutzten den internationalen bevölkerungswissenschaftlichen Kongress in Paris 1937, um die Bevölkerungswissenschaft und -politik und den Rassengedanken im nationalsozialistischen Deutschland zu kritisieren. Dem wurde in Deutschland massiv entgegengetreten. Über eine rigide „Beschickungspolitik“ stellte man eine 56-köpfige Delegation für den Pariser Kongress zusammen. Unter der Leitung Ernst Rüdins traten diese deutschen Wissenschaftler und Politiker offensiv für die deutsche Bevölkerungswissenschaft und -politik ein. Sie wehrten die Kritiken am nationalsozialistischen Rassenbegriff wie an der rassenhygienischen Sterilisationspolitik aggressiv und diffamierend als „jüdischen Generalangriff“ ab und feierten das als „siegreiche“ Abwehr der „deutschfeindlichen Positionen“. Mit „herrenvölkischer“ Überzeugung, der die IUSIPP nichts entgegensetzte, meinten deutsche Bevölkerungspolitiker noch Anfang der 1940er Jahre, dass „die führende Rolle Deutschlands“ in der IUSIPP nach einem „günstigen“ Kriegsausgang sowieso gesichert sei.

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