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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Hansjörg Bucher und Ralf Mai (2006)

Bevölkerungsschrumpfung in den Regionen Europas

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 31, 3-4/2006, S. 311-344, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Mit dem Eintritt in das Stadium des "Zweiten Demographischen Übergangs" erfahren die Länder und Regionen Europas massive Veränderungen in ihrer Bevölkerungsdynamik. Entscheidendes Kriterium ist das Absinken der Fertilität unter das Bestandserhaltungsniveau. Da dieses Ereignis in Europa zwar fast überall, doch zu verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlicher Intensität stattfand, zeigt die "Bevölkerungsschrumpfung" als Komponente des demographischen Wandels eine regionaldemographische Phasenverschiebung. Die Reaktion der Bevölkerungsdynamik auf den Fertilitätsrückgang wurde zudem überlagert durch Wanderungsbewegungen und verzögert durch eine günstige Alterszusammensetzung der Frauen im gebärfähigen Alter. Erst ca. eine Generation später, wenn die geburtenschwachen Jahrgänge selbst zur potenziellen Elterngeneration geworden sind, schlägt der Geburtenrückgang verstärkt auf die Bevölkerungsdynamik durch. Insofern wird sich das ganze Ausmaß der Schrumpfung für viele Regionen erst ab ca. 2020 zeigen, wenn dieser Generationswechsel überall stattgefunden hat. Ziel dieser Ausführungen ist es, den Prozess der Schrumpfung und ihre räumlichen Muster in den Regionen Europas zwischen ca. 1990 und 2004 demographisch zu analysieren. Neben den regionalen Mustern der Schrumpfung interessiert es, inwieweit diese siedlungsstrukturell miteinander verknüpft sind. Regional-demographische Analysen auf europäischer Ebene sind bislang selten oder beschränken sich auf einzelne demographische Aspekte. Explizite regionale Analysen über schrumpfende Bevölkerungen, zumal im europäischen (über die EU hinausgehenden) Maßstab finden sich bisher nicht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Trend der Bevölkerungsschrumpfung regional sehr unterschiedlich verläuft. Man kann Länder mit einer fast flächendeckenden Schrumpfung von solchen unterscheiden, in denen sich (fast) keine schrumpfenden Regionen finden. Die dritte Gruppe umfasst Länder mit einem ausgesprochenen Gegensatz zwischen wachsenden und schrumpfenden Gebieten. Die "neue" Art der Schrumpfung im Zuge des Übergangs ist vor allem in den städtischen Gebieten zu beobachten, von denen sie sich aber ausbreiten wird, weil langfristig das niedrige Geburtenniveau zum Tragen kommt.
Die Phasenverschiebungen lassen aber vielen Regionen noch die Gelegenheit, sich auf die räumlichen Auswirkungen des demographischen Wandels vorzubereiten. Unverzichtbar für eine rationale Gestaltung der Regionen und Städte sind konkrete Vorstellungen über ihre gewollte Ausgestaltung. Der Entwurf von räumlichen Leitbildern und deren Diskussion muss am Anfang eines Umgestaltungsprozesses stehen. Der Blick fürs Ganze ist deshalb so wichtig, weil bei großflächiger Bevölkerungsabnahme eine Strategie der Konkurrenz mit dem Nachbarn um die knapper werdende Bevölkerung keine tragfähige Lösung darstellt. Nach dem heutigen Stand der Problemsicht sind eher kooperative Planungen und Handlungsweisen gefragt. Nicht mehr die Gemeinde, vielmehr die Region wird die Ebene sein, auf der zu handeln sein wird. Aus raumordnerischer Sicht sind neue Organisationsformen angemessen, mit denen großräumige Verantwortungsgemeinschaften als Gegenentwurf zum Konkurrenzkampf um die schrumpfende Bevölkerungszahl gebildet werden.

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