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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Thieß Petersen und Britta Lübcke (2006)

Elternschaft als ökonomisches Entscheidungsproblem: Modell-theoretische Grundlagen und familienpolitische Konsequenzen*

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 31, 2/2006, S. 187-230, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Die zunehmende gewollte Kinderlosigkeit und das allmähliche Verschwinden von Mehrkinderfamilien in Deutschland und in den meisten anderen westlichen Industrienationen wird in der Regel mit den gestiegenen Kosten eines Kindes, vor allem den Opportunitätskosten in Form eines zumindest temporären Einkommensverzichts, begründet. Der Versuch, den Geburtenrückgang ausschließlich über den Kostenaspekt zu erklären, greift jedoch zu kurz. Zu beachten sind neben den Kosten auch die verschiedenen Nutzenelemente eines Kindes, also dessen ökonomischer Nutzen sowie der emotionale und soziale Nutzen, der mit der Entscheidung für ein Kind verbunden ist. Erst das Abwägen aller Kosten und Nutzen durch die potenziellen Eltern erfasst die rationale Entscheidung für oder gegen ein Kind vollständig. Ausgehend von der systematischen Erfassung aller Kosten und Nutzen, die mit der Entscheidung für ein Kind verbunden sind, lassen sich familienpolitische Empfehlungen ableiten, die zu einer Erhöhung der Fertilität führen können. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Gruppe der potenziellen Eltern sehr heterogen ist. Neben unterschiedlichen Einstellungen zu Familie und Beruf sind auch Unterschiede bei den finanziellen Restriktionen und bei den sozialen Netzwerken, in denen potenzielle Eltern leben, zu beachten. Einzelne familienpolitische Maßnahmen werden bei verschiedenen Typen von potenziellen Eltern unterschiedliche Wirkungen erzielen. Da der ökonomische Nutzen von Kindern in entwickelten Gesellschaften nur noch eine geringe Bedeutung hat, kommt dem emotionalen Nutzen eine besonders hohe Relevanz bei der Familienpolitik zu. Ohne eine Änderung der Präferenzen dahingehend, dass Kinder als ein sinnstiftendes Element des Lebens ihrer Eltern angesehen werden, kann kaum mit einer steigenden Geburtenrate gerechnet werden. Auch wenn eine systematische Änderung der Präferenzen und Einstellungen von Menschen schwierig und langwierig ist, liegt hier der Schlüssel für eine Erhöhung der Geburtenziffer. Parallel dazu ist sicherzustellen, dass Personen mit Kinderwünschen in die Lage versetzt werden, diesen Wunsch auch zu verwirklichen.

* begutachteter Beitrag

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