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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Jürgen Dorbritz (2005)

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa – Daten, Trends und Einstellungen*

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 30, 4/2005, S. 359-408, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Der Anteil kinderloser Frauen ist für Deutschland nicht exakt bekannt, das Thema generell untererforscht. Wissenslücken bestehen hinsichtlich der Wege in die Kinderlosigkeit, den Anteilen von gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit oder den familienpolitischen Möglichkeiten, Kinderlosigkeit einzudämmen. Anliegen dieses Artikels ist es daher, die Dimensionen von Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa vergleichend darzustellen, der Frage nachzugehen, wer die Kinderlosen sind und deren Einstellungen zu Ehe und Familie zu zeigen.

Analysen anhand verschiedener Datensätze der amtlichen Statistik, des Mikrozensus bzw. soziologischer Befragungen bestätigen, dass Kinderlosigkeit zumindest in Westdeutschland auf dem Wege ist, die 30 %-Marke bei den in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Geborenen zu erreichen oder diese bereits erreicht hat. Inzwischen wird in diesem Kontext über eine Kultur der Kinderlosigkeit gesprochen. Kinderlosigkeit könnte in Deutschland, falls kein Rückgang eintritt, zu einem weiteren Fertilitätsrückgang beitragen. Allerdings gibt es für Westdeutschland auch niedrigere Angaben, so zum Beispiel von Sobotka oder von Schmitt und Wagner zur Kinderlosigkeit der Akademikerinnen.

Hinsichtlich des Vergleichs von West- und Ostdeutschland ist auf die deutlich niedrigere Kinderlosigkeit in den neuen Bundesländern hinzuweisen. Im Rahmen der Diskussion über die Kinderlosigkeit in Westdeutschland wird immer wieder der hohe Anteil an kinderlosen Akademikerinnen erwähnt. Die vorgenommenen Analysen lassen den Schluss zu, dass hier eine Überschätzung vorzuliegen scheint. Wenn überhaupt, ist eine Kinderlosigkeit von über 40 % erst in den Geburtsjahrgängen ab 1966 zu erwarten. Es ist aber durchaus möglich, da noch Erstgeburten stattfinden können und auch werden, dass keiner dieser Jahrgänge einen solchen Wert erreicht.

Kinderlosigkeit in der Dimension von Westdeutschland findet sich in Europa nur noch in der Schweiz. Für die nach 1970 Geborenen könnte in einigen osteuropäischen Ländern (Datenunsicherheit, da hohe Schätzanteile) ebenfalls ein deutlicher Anstieg möglich werden. In der Tendenz ist ein Anstieg der Kinderlosigkeit in Europa zu beobachten. Dimensionen und Trendverläufe gehen aber sehr weit auseinander. Größenordnungen in der Nähe von 30 % stehen Anteilen kinderloser Frauen von weniger als 10 % (z. B. Portugal) gegenüber. Relativ früh waren ansteigende Trends in West- und Nordeuropa eingetreten, während es für Südeuropa und die ehemals sozialistischen Länder ein neuartiges Phänomen ist. Mit den unterschiedlichen Dimensionen der Kinderlosigkeit haben sich die europäischen Fertilitätsmuster ausdifferenziert. Den Geburtsjahrgang 1935 kennzeichnete noch ein Einheitsmuster mit hohen endgültigen Kinderzahlen und niedriger Kinderlosigkeit. Im Geburtsjahrgang 1965 lassen sich verschiedene Muster der Verknüpfung von endgültiger Kinderzahl und Anteilen kinderloser Frauen finden, z. B. das westdeutsche Muster mit hoher Kinderlosigkeit und einer niedrigen endgültigen Kinderzahl oder das irische Muster mit relativ hoher Kinderlosigkeit und noch sehr hohen endgültigen Kinderzahlen. Im Trend gilt allerdings: Je höher die Kinderlosigkeit, desto niedriger die endgültige Kinderzahl.

Auffällig in der soziologischen Datenanalyse anhand der Population Policy Acceptance Study sind die besonderen Meinungen und Einstellungen der Kinderlosen (hier: keine Kinder, kein Kinderwunsch) zu den Gründen gegen eine Erfüllung des Kinderwunsches und den Einstellungen zu Ehe, Familie und Kindern. In der Bevölkerung ist nach diesen Ergebnissen eine Gruppe entstanden, die aufgrund individualistischer Orientierungen (z. B. mit Kindern kann man das Leben nicht mehr so genießen) keine Kinder möchte. Familienpolitische Maßnahmen haben für diese Gruppe eine geringere Bedeutung, so dass zu vermuten ist, dass die Entscheidung gegen Kinder stark verfestigt ist und somit der Familienpolitik kaum Möglichkeiten bleiben, für ein Umdenken zu wirken.

* begutachteter Beitrag

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