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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Jürgen Dorbritz (2004)

Demographisches Wissen, Einstellungen zum demographischen Wandel und Ursachen des Geburtenrückgangs

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 29, 3-4/2004, S. 329-361, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Die Bevölkerung in Deutschland ist über den demographischen Wandel zum Teil relativ gut informiert und bewertet die Trends differenziert. Recht genau ist die Bevölkerungszahl und die Lebenserwartung bekannt, während starke Überschätzungen bei den Angaben zur Zahl der Ausländer und dem Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung festzustellen waren. Beide Themen sind häufig in den Medien präsent und werden, vor allem das Altern der Bevölkerung, außerordentlich negativ bewertet. Der Zusammenhang zwischen der demographischen Alterung und der Gefährdung der sozialen Sicherungssysteme wird in der Bevölkerung wahrgenommen. Beides, häufige Medienpräsenz und die Kenntnisse über die Konsequenzen des demographischen Wandels tragen zur deutlichen Überschätzung der tatsächlichen Größenordnungen bei. 
Hinsichtlich der familiendemographischen Trends werden all die Veränderungen ungünstig bewertet, die auf die Gefährdung partnerschaftlichen Zusammenlebens mit Kindern hinweisen. Das betrifft die niedrige Geburtenhäufigkeit ebenso wie die steigende Zahl der Ehescheidungen oder die wachsende Kinderlosigkeit. Lediglich gegenüber der Ehe wird ein distanziertes Verhältnis offensichtlich. Wenn man Partnerschaft leben oder Kinder haben möchte, muss dies nach Meinung der Befragten nicht unbedingt mit einer Ehe verbunden sei. Betont wird hingegen die Bedeutung von Partnerschaft für die Erfüllung des Kinderwunsches. Kinder sollen mit beiden Eltern in einem Haushalt aufwachsen.
Festzustellen ist in der Bevölkerung ein starkes Interesse am Vereinbaren von Familie und Erwerbstätigkeit. Nach dem idealen Modell gefragt, hat sich die Mehrheit der Bevölkerung für ein Vereinbarkeitsmodell entschieden, wobei eine Teilzeiterwerbstätigkeit favorisiert wird. Das Vereinbarkeitsstreben ist in den neuen Bundesländern unverändert stark ausgeprägt, hat sich aber auch im früheren Bundesgebiet im Vergleich zur ersten Hälfte der 1990er Jahre erhöht. Neben der allgemeinen Orientierung auf Familie und Teilzeiterwerbstätigkeit ist im Westen häufiger der Wunsch anzutreffen, dem gegenwärtigen Vereinbarkeitsmodell (keine Erwerbstätigkeit, solange die Kinder klein sind) zu folgen. In den neuen Bundesländern wird dagegen das Modell der ehemaligen DDR, Vollzeitvereinbaren, als wichtiger angesehen. 
Familienpolitisch außerordentlich relevant ist eine Gruppe in der Bevölkerung, die dauerhaft kinderlos bleiben möchte. Als Gründe gegen die Geburt von Kindern werden individualistische Motive („ich könnte mein Leben nicht mehr so genießen”, „ich müsste meine Freizeitinteressen aufgeben”), die Beibehaltung des Lebensstandards und die ungünstige Vereinbarkeitssituation deutlich wichtiger als im Durchschnitt der Bevölkerung eingestuft. Es ist zu vermuten, dass hier eine soziale Gruppierung entstanden ist, in der der individualistisch geprägte Wunsch, kinderlos zu bleiben, so verfestigt ist, dass für die Familienpolitik kaum noch eine Chance der Geburtenförderung gegeben ist. 

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