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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Johan Surkyn und Ron Lesthaeghe (2004)

Wertorientierungen und 'second demographic transition' in Nord-, West- und Südeuropa: Eine aktuelle Bestandsaufnahme

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 29, 1/2004, S. 63-98, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

Zentraler Gegenstand dieses Artikels ist die empirische Untersuchung des Zusammenhangs einer Vielzahl von Wertorientierungen sowie Lebensentwürfe und Familienbildung betreffende Lebenszyklusentscheidungen. Die Existenz eines solchen Zusammenhangs ist ein entscheidendes Element der so genannten Theorie der Second Demographic Transition (SDT).

Das zugrundeliegende Modell ist von rekursiver Natur und basiert auf zwei Effekten. Erstens: Werte basierte Selbstselektion von Individuen in alternative Lebensentwürfe oder Haushaltstypen und Zweitens: Ereignis basierte Adaption von Werten an die neu gewählte Haushaltssituation. Jeder Test eines solchen rekursiven Models verlangt die Nutzung von Paneldaten. Ohne diese können von Querschnittsdaten nur "Fußabdrücke" der zwei Effekte abgeleitet und verfolgt werden. Hier wird die letzte Runde des European Values Surveys von 1999/2000 genutzt, hauptsächlich weil keine andere Quelle eine so große Auswahl an Werte-Items bietet. Der Vergleich beinhaltet zwei iberische Länder, drei westeuropäische und zwei skandinavische Stichproben.

Die Profile der Werteorientierung basieren auf 80 Items, die eine große Bandbreite von Dimensionen abdecken (z. B. Religiosität, Ethik, bürgerliche Moral, Familienwerte, soziale Kohäsion, expressive Werte, Gender Rollenorientierung, Vertrauen in Institutionen, Protestneigung, Postmaterialismus, Toleranz gegenüber Minderheiten usw.). Diese werden hinsichtlich acht unterschiedlicher Haushaltspositionen, basierend auf: Übergang zu unabhängigem Leben, Zusammenleben, Heirat, Elternschaft und Auflösung von Partnerschaft, analysiert. Um verwirrende Effekte anderer relevanter Co-Variablen (Alter, Geschlecht, ökonomische Aktivität und Schichtung, Urbanität) zu kontrollieren, wird die Multiple Classification Analysis (MCA) angewendet. Anschließend wird die Korrespondenzanalyse genutzt, um die Nähe zwischen den 80 Werte-Items und den acht Haushaltspositionen darzustellen.

Für die drei Ländergruppen werden hinsichtlich der Haushaltspositionen sehr ähnliche Werteprofile gefunden, mit Ausnahme der Tatsache, dass das Einsetzen der SDT in Skandinavien dem in den iberischen Ländern rund 20 Jahre vorausgeht. Außerdem bleibt die Profilähnlichkeit intakt, wenn der Vergleich auf eine zusätzliche Gruppe von sieben ehemals kommunistischen Ländern in Zentral- und Osteuropa ausgedehnt wird. Solche Muster der Robustheit unterstützen die Behauptung, dass der "ideationelle" und "kulturelle" Faktor tatsächlich ein nicht redundantes und notwendiges (aber nicht hinreichendes) Element bei der Erklärung des demographischen Wandels der SDT ist. Ferner weisen die Profilähnlichkeiten auf die Wirkung vergleichbarer Mechanismen der Selektion und Adaption in den gegensätzlichen europäischen Umgebungen.

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