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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Marc Luy (2004)

Verschiedene Aspekte der Sterblichkeitsentwicklung in Deutschland von 1950 bis 2000

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 29, 1/2004, S. 3-62, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISSN: 0340-2398

In diesem Beitrag wird die Entwicklung der Sterblichkeit in Deutschland mit Hilfe von neu berechneten Sterbetafeln für jedes Kalenderjahr von 1950 bis 2000 detailliert analysiert. Bezüglich der gesamtdeutschen Entwicklung zeigt sich, dass sich die Reduktion der Sterblichkeit im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den verschiedenen Altersstufen nicht in gleicher Weise vollzog. Die größten Fortschritte wurden bei der Säuglingssterblichkeit erzielt, wo das Niveau des Jahres 1950 um über 90 % reduziert wurde. Bei den 90-Jährigen und Älteren beträgt die Sterblichkeit heute etwa 60-70 % der Mortalität des Ausgangsjahres der Analyse. Die wichtigste Todesursachengruppe sind bei Frauen und Männern die Krankheiten des Kreislaufsystems, auf die etwa die Hälfte der heutigen Sterbefälle zurückzuführen sind. Danach folgen die Neubildungen mit rund 20 %, die übrigen Todesursachengruppen sind insgesamt gesehen weniger bedeutsam. Nach einer kontinuierlichen Auseinanderentwicklung zeigen die geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsunterschiede einen leichten Rückgang in den letzten Jahren. Im Jahr 2000 betrug der Vorteil der Frauen etwa 6 Jahre in der Lebenserwartung bei Geburt, zu Beginn der 1980er Jahre war die Lebenserwartung der Männer um etwa 6,5 Jahre geringer als die der Frauen. Neben einer in jedem Kalenderjahr festzustellenden erhöhten männlichen Übersterblichkeit im jungen und mittleren Erwachsenenalter zeigen speziell die zwischen 1935 und 1955 geborenen (in der Nachkriegszeit im Kindes- und Jugendalter befindlichen) Männerjahrgänge eine besonders hohe Übersterblichkeit.
Der Schwerpunkt der hier dargestellten Analysen liegt bei der Untersuchung der Differenzen zwischen den alten und neuen Bundesländern. Dabei ist zu beobachten, dass sich die seit den 1970er Jahren zugunsten des Westens öffnende Schere der west-ost-deutschen Sterblichkeitsunterschiede seit der Wiedervereinigung wieder sukzessive schließt. Bei den Männern sind für beide Entwicklungen überwiegend die Altersstufen ab Alter 30 und bei den Frauen die Altersstufen ab Alter 50 verantwortlich. Die altersspezifische Verteilung der Sterblichkeitsunterschiede ist bei den Männern daher breiter, dafür im Vergleich zu den Frauen von geringerem absoluten Ausmaß. Bei den Männern wirkt allerdings in den jüngeren und mittleren Erwachsenenaltersstufen eine erhöhte Sterblichkeit in Ostdeutschland dem allgemeinen Trend der Reduktion der west-ost-deutschen Sterblichkeitsunterschiede entgegen. Aus den dargestellten Ergebnissen geht hervor, dass für sämtliche Entwicklungen ausschließlich Periodeneffekte verantwortlich sind.
Die Analyse der Todesursachenstruktur erweist sich für die Zeit der staatlichen Trennung als nicht sinnvoll durchführbar. Nach 1990 liegt der größte Beitrag zu den gesamten Sterblichkeitsunterschieden zwischen den alten und neuen Bundesländern sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern bei den Kreislauferkrankungen. Bei den Männern kommen noch zwei weitere Todesursachen mit bedeutendem Einfluss auf die Sterblichkeitsunterschiede zwischen West- und Ostdeutschland hinzu, nämlich die Krankheiten der Verdauungsorgane und die Kategorie der Verletzungen und Vergiftungen, die im Wesentlichen von der Sterblichkeit im Straßenverkehr geprägt wird. Überraschenderweise können die Todesursachen, die auf das Niveau der medizinisch-technischen Versorgung zurückzuführen sind, die rasche Verringerung der west-ost-deutschen Sterblichkeitslücke seit der Wiedervereinigung nicht erklären.

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