Navigation und Service

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Jürgen Dorbritz und Dimiter Philipov (2002)

Der Wandel in den Mustern der Familienbildung und der Ehescheidungen in den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas – Die Folgen des Austausches der Wirtschafts- und Sozialordnung

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 27, 4/2002, S. 427-463, Opladen: Verlag Leske + Budrich, ISSN: 0340-2398

Der Transitionsprozess in den ehemals sozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas ist der Übergang von einer zentralistisch organisierten, politisch dominierten, auf gemeinschaftlichem Eigentum beruhenden und in einer geschlossenen Gesellschaft stattfindenden Art des Wirtschaftens in eine demokratische, offene und auf einer marktwirtschaftlichen Ordnung basierende Gesellschaft. Für die Individuen stellt sich dieser Übergang als der komplette Austausch aller sozialen Institutionen dar. Es wird untersucht, wie die Menschen in den ehemals sozialistischen Ländern auf den sozialen Wandel mit Veränderungen in den Familienbildungsmustern reagiert haben.

Die ökonomischen Trends in den 90er Jahren zeigen für alle Transitionsländer, dass sie in der ersten Phase des Übergangs in eine marktwirtschaftliche Ordnung in eine tiefe Strukturbruchkrise geraten sind. Weite Teile der Bevölkerungen dieser Länder sind dabei über Arbeitslosigkeit, Inflation, Verarmung, Entwertung von Bildung und Qualifikationen oder soziale Umschichtungen in eine wirtschaftlich schwierige Lage geraten, auf die sie mit einem massiven Geburtenrückgang reagiert haben. Mittel- und Osteuropa ist damit zu einer Lowest-Low-Fertility Region geworden.

Im Prozess der sozialen Transition wirken zwei Faktorengruppen: Mit dem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel entfallen zunächst die Faktoren, die die Familienbildungsmuster der ehemals sozialistischen Länder mit einer relativ hohen Geburtenhäufigkeit, niedrigen Kinderlosigkeit, einer fast vollständigen Verheiratung der Generationen und einem frühen Beginn der Familienbildungsphase gestützt haben. Dazu gehören, dass in den geschlossenen Gesellschaften individuelle Autonomie oder Toleranz gegenüber individualistischen Verhaltensmustern kaum möglich waren, ein ideeller Wandel, wie er in Westeuropa stattgefunden hatte, also ausgeblieben ist und somit traditionelle Familienbildungsmuster konserviert wurden. Gestützt war dies durch eine pronatalistische Familien- und Bevölkerungspolitik, eine auf die Gleichstellung der Geschlechter gerichtete Politik, die vor allem über ein problemloseres Vereinbaren von Familie und Erwerbstätigkeit für Frauen erreicht werden sollte, und der Tatsache, dass langfristige biographische Entscheidungen wie Kinderhaben durch ein hohes Maß an sozialer Sicherheit (Garantie von Arbeithaben, niedrige Kinderkosten, Stabilität von Einkommen und Preisen) flankiert waren.

Parallel zum Wegfall dieser Bedingungen kommt es zu einer Auflösung der traditionellen Werte. Soziale Anomie tritt ein. Der Verlust traditioneller Werte ist einerseits mit einem verstärkten Individualismus verknüpft, von dem aus Heiraten und Kinderhaben neu bewertet werden. Hierbei ist zu sehen, dass sich mit der Auflösung der geschlossenen sozialistischen Gesellschaften die Handlungsoptionen zu erweitern beginnen, Familie also nicht mehr quasi zwangsläufig als Biographieoption gewählt wird. Andererseits bedeutet die Auflösung traditioneller Werte, dass ökonomische Rationalität stärker zur Grundlage von Entscheidungen wird. Kinderhaben wird aus Sicht der Kinderkosten und den Risiken für den Lebensstandard, die berufliche Karriere oder die soziale Sicherheit gesehen.

Der These, dass in den 90er Jahren „Europe's Second Demographic Transition“ nachgeholt wurde, stimmen die Autoren nur eingeschränkt zu. Es scheint nicht erklärbar, dass mit dem Ende der sozialistischen Gesellschaften sofort ein solcher Normen- und Wertewandel einsetzte, der augenblicklich weite Teile der Bevölkerung ergriff und den Geburtenrückgang auslöste. Mit der Auflösung der sozialistischen Gesellschaften sind die Voraussetzungen für Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen geschaffen worden, die längerfristig die Muster der Familienbildung bestimmen können.

Diese Seite

© Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung - 2017