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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Max Wingen (2002)

Ein erneutes Plädoyer für eine bevölkerungsbewusste Familienpolitik

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 27, 1/2002, S. 69-85, Opladen: Verlag Leske + Budrich, ISSN: 0340-2398

Ausgang aller nachfolgend angestellten Überlegungen sind zwei Punkte. Erstens: Das Geburtenniveau in Deutschland ist zu niedrig, gemessen an einem gemeinwohlorientierten demographischen Allgemeininteresse; aber die politische Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten eines Gegensteuerns ist höchst unbefriedigend. Zweitens: Es gilt ein grundlegendes Recht für alle Menschen und Paare, frei, verantwortlich und informiert über die Zahl ihrer Kinder (was Kinderlosigkeit einschließt) zu entscheiden. Dieses Recht ist grundgesetzlich geschützt und genau daraus leiten sich für Staat und Gesellschaft die Pflicht ab, die gegen die Erfüllung der Kinderwünsche gerichteten Barrieren abzubauen. Das ist eine grundlegende Aufgabe der Familienpolitik, die im Kontext des Alterns der Bevölkerung eine bevölkerungsbezogene Dimensionen erhält. Damit ist aber ausdrücklich nicht eine Familienpolitik gemeint, die in die individuellen Entscheidungsprozesse der Paare eingreift, sondern eine Politik, die Paaren hilft, gewollte Kinder auch zu bekommen. Aus diesem Grund versteht sich der vorliegende Beitrag als Plädoyer für eine bevölkerungsbewusste Familienpolitik, ohne sie als Bevölkerungspolitik im herkömmlichen Sinn zu instrumentalisieren, hier also Kinderwünsche und ihre Erfüllung von außen festzulegen. Bei der Familienpolitik und der davon zu unterscheidenden Bevölkerungspolitik handelt es sich um zwei unterschiedliche Ziel=Mittel=Systeme.

Familienpolitik ist schon längst in das Spannungsfeld von individuellen Entscheidungen und den bestehenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geraten und muss daher nach Konzepten suchen, die Bedingungen für das Leben mit Kindern in der Familie zu gestalten. Politische Entscheidungsträger sollten sich dabei nicht von der in der Bevölkerungswissenschaft gelegentlich vertretenen These abhalten lassen, Familienpolitik könne bei der Gestaltung der Lebensbedingungen für das Erleichtern generativer Entscheidungen ohnehin nichts bewirken. Voraussetzung einer in dieser Hinsicht erfolgreichen Politik ist es, eine ganzheitliche Familienpolitik systematisch in die Gesellschaftspolitik zu integrieren. Grundzüge einer solchen Politik werden in diesem Beitrag vorgestellt.

Der demographische Prozess – auch die Geburtenentwicklung – ist kein schicksalhafter Prozess, der unabwendbar hinzunehmen ist. Politische Entscheidungsträger sollten daher den Willen aufbringen, eine nachhaltige Politik zu verwirklichen, die Paaren konfliktfreier ermöglicht, von ihrer Freiheit zur Übernahme von Elternverantwortung unter zumutbaren Bedingungen in verantwortlicher Weise auch tatsächlich Gebrauch machen zu können – mit „Vernunft und Anstand“, wie es in der bevölkerungswissenschaftlichen Diskussion schon vor einem halben Jahrhundert formuliert worden ist.

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