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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Karl Schwarz (2001)

Bericht 2000 über die demographische Lage in Deutschland

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 26, 1/2001, S. 3-54, Opladen: Verlag Leske + Budrich, ISSN: 0340-2398

Zu Beginn des Jahres 2000 lebten in Deutschland 82,2 Millionen Menschen, darunter 7,3 Millionen oder 9 % Ausländer. In den letzten Jahren hat sich die Bevölkerungszunahme verlangsamt. Es gibt dafür zwei Gründe: Der anhaltende Überschuss der Sterbefälle über die Geburten, von im Jahr 1999 fast 80.000, und der geringer gewordene Überschuss der Zuzüge über die Fortzüge. Durch die Rückkehr vieler Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien und dem Kosovo entstand in den Jahren 1997/98 bei den Ausländern sogar eine negative Wanderungsbilanz, welche durch die andauernde Zuwanderung von deutschstämmigen Spätaussiedlern aber ausgeglichen wurde.

Der Bevölkerungsanteil der 60-Jährigen und Älteren beträgt jetzt 23 %, der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 20 Jahren 21 %. Bei den in Deutschland lebenden Ausländern sind es dagegen 8 bzw. 27 %. Ohne weitere Zuwanderung wäre in den kommenden Jahrzehnten eine sich beschleunigende Bevölkerungsabnahme, verbunden mit einem sich 40 % nähernden Anteil von Personen im Alter von 60 und mehr Jahren zu erwarten. Doch ist selbst bei einer einen allzu großen Bevölkerungsrückgang verhindernden Zuwanderung davon auszugehen, dass der Bevölkerungsanteil der über 60-Jährigen weiter auf über 30 % steigt.

Innerhalb Deutschlands ist das Ausmaß der Bevölkerungsverschiebung von den neuen in die alten Bundesländer geringer geworden, denn inzwischen besteht eine fast ausgeglichene Wanderungsbilanz. Für die alten Bundesländer ergaben sich Ende 1998 66,7 und für die neuen Bundesländer 15,3 Millionen Einwohner. Im Jahr 1990 waren es 63,7 bzw. 16,0 Millionen.

Seit etwa 30 Jahren ist eine sehr große Abnahme der Heiratsbereitschaft zu verzeichnen. Das könnte dazu führen, dass von jüngeren Männern und Frauen fast ein Drittel zeitlebens ledig bleiben wird. Anders als früher ist Heiraten also nicht mehr selbstverständlich. Die bisherige Entwicklung war mit einer starken Zunahme des Heiratsalters verbunden. Für 1998 wurden zwar rund 2 Millionen nichteheliche Gemeinschaften zusammenwohnender Männer und Frauen ermittelt, ihre starke Zunahme blieb jedoch hinter der Zunahme der Zahl der im Heiratsalter stehenden Ledigen bei weitem zurück. Nur in 28 % der nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben Kinder.

Neuerdings wird jede dritte Ehe geschieden. Wiederverheiratungen finden seltener als früher statt. Von den 1998 über 192 000 geschiedenen Ehen hatten 52 % minderjährige Kinder. Bleibt es bei der heutigen Scheidungshäufigkeit, wird fast jedes fünfte ehelich geborene Kind eines Tages Scheidungswaise.

Schon seit etwa 25 Jahren liegt das Geburtenniveau um etwa ein Drittel unter dem Stand, der für den sog. Generationenersatz erforderlich ist. Nach der sog. Zusammengefassten Geburtenziffer gab es 1998 in Westdeutschland 141 Kinder je 100 Frauen, nach der Mikrozensuserhebung 1998 kamen auf 100 35- bis 39-jährige Frauen 143 im Haushalt lebende Kinder. Bei den verheirateten und mit dem Mann zusammenlebenden Frauen waren es 173 Kinder. Von allen 35- bis 39-jährigen Frauen waren 26 % kinderlos geblieben, von den verheirateten 13 %. Noch weit größer ist die Kinderlosigkeit in den großen Städten, wo schon heute bis zu einem Drittel der fast 40 Jahre alten Frauen unverheiratet geblieben sind. Der Anteil der nichtehelich geborenen Kinder hat in Westdeutschland 16 und in den neuen Bundesländern 47 % erreicht. Dabei ist allerdings in Betracht zu ziehen, dass rund ein Drittel der Kinder durch spätere Heirat beider Eltern ehelich wird und ein weiteres Drittel durch Heirat der Mutter mit einem anderen Mann als den Vater des Kindes in einer vollständigen Familie aufwächst.

Die Lebenserwartung, das zusammenfassendste Maß der Sterblichkeitsentwicklung, hat weiter zugenommen. Für neugeborene Knaben beträgt sie jetzt 74 und für Mädchen 80 Jahre. Ein 60-jähriger Mann kann nach der Sterbetafel 1996/98 noch mit weiteren fast 19 Jahren rechnen und eine gleichaltrige Frau mit 23 Jahren. Das bedeutet für die 60-Jährigen in den vergangenen rund 25 Jahren eine Lebensverlängerung um rund vier Jahre. Nach der Tafel 1996/98 sterben nur noch 14 % der Männer und 7 % der Frauen vor dem 60. Lebensjahr. Die Bedeutung dieser Entwicklung für die Altersversorgungssysteme, das Gesundheitswesen und die Altenpflege ist offensichtlich und schwerwiegend. Es ergeben sich daraus aber auch Auswirkungen auf die Struktur des Erwerbspotentials, die Familie, die Kultur und die Machtverhältnisse in der Gesellschaft.

Wegen der Abnahme der Heiratsbereitschaft und der Kinderzahlen, aber auch wegen der Zunahme der Ehescheidungen und der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung hat sich die durchschnittliche Personenzahl der Haushalte stark vermindert. Die Haushalte aus nur einer Person machen jetzt 35 % aller Haushalte aus, in denen allerdings nur 16 % der Bevölkerung leben. Von 1972 bis 1999 hat sich ihre Zahl verdoppelt. Rund ein Drittel der Haushalte besteht aus Eheleuten bzw. Alleinerziehenden mit ihren Kindern. Vor 25 Jahren waren das noch 46 %. Haushalte, deren Mitglieder drei oder mehr Generationen angehören, gibt es fast überhaupt nicht mehr. Aus solchen und ähnlichen Befunden darf aber nicht vorschnell auf Vereinsamung der Menschen geschlossen werden.

Im April 1999 wurden im Rahmen des Mikrozensus 40,5 Millionen Erwerbspersonen (Erwerbstätige plus Erwerbslose) ermittelt, davon 32,3 Millionen im Gebiet der alten und 8,2 Millionen im Gebiet der neuen Bundesländer. 4,1 Millionen oder 10 % waren erwerbslos. Von den 7,3 Millionen Ausländern in Deutschland, darunter 3,6 Millionen Erwerbspersonen, waren 18 % erwerbslos.

Die stark gestiegene Erwerbsbeteiligung der Frauen kommt darin zum Ausdruck, dass sich 1999 für 15- bis 64-jährige Frauen in den alten Bundesländern eine Erwerbsquote von 62,2 % (1972 erst 47,7 %) ergab und in den neuen von 73,2 %. Die hohe Zunahme der Erwerbsbeteiligung der Frauen in den alten Bundesländern, trotz Verlängerung der Schulbesuchszeiten und früherem Ruhestand, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass insbesondere der Anstieg der Erwerbsquoten der verheirateten Frauen weitgehend auf einer sehr starken Zunahme der Teilzeitbeschäftigung beruht. In den alten Bundesländern haben 1999 42,5 % der als Beamtinnen, Angestellte oder Arbeiterinnen beschäftigen Frauen angegeben, dass ihre Wochenarbeitszeit nicht mehr als 31 Stunden beträgt. Die Hälfte dieser Frauen arbeiteten weniger als 20 Stunden. Dagegen beträgt die Teilzeitquote der abhängig beschäftigten Männer nur 5 %. Es wäre gut, wenn bei der Beurteilung der Frauenerwerbstätigkeit dieser sehr große Unterschied mehr Beachtung finden würde. Sicher ist, dass viele Frauen mit Teilzeitbeschäftigung keinesfalls den Lebensunterhalt bestreiten und für eine ausreichende Alterssicherung sorgen können.

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