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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Rainer Mackensen (2000)

Nachwuchsbeschränkung: Ansatz, Theorie und Methode bei Hans Linde

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 25, 2/2000, S. 291-325, Opladen: Verlag Leske + Budrich, ISSN: 0340-2398

Die Untersuchung von Hans Linde über „Nachwuchsbeschränkung“ aus dem Jahr 1984 wurde in der Literatur hinsichtlich ihres Gehalts und innovativen Ansatzes nicht angemessen rezipiert. Die von ihm vorgestellte Theorie kritisiert das Konzept des „demographischen Übergangs“ und argumentiert anhand von empirischen Originaldaten, dass eine Nachwuchsbeschränkung nicht mit dem Sterblichkeitsrückgang, im späten 19. Jahrhundert, sondern viel früher einsetzte.

Dieser Rückblick versucht, Lindes Beweisführung seiner Hypothesen - besonders die empirischen Belege - erneut auszuwerten. Anlass dazu waren kürzliche Kolloquien zur Bevölkerungsforschung in Deutschland, bei denen eine gründliche erneute Untersuchung der empirischen Theorieuntermauerungen angemahnt wurde. Linde propagierte Gunther Ipsens Bevölkerungstheorie aus dem Jahr 1933, kritisierte sie aber auch.

Nach Darstellung der Hauptgedanken seines Buchs werden in diesem Beitrag insbesondere die statistischen Tabellen, die Linde einbringt, zur Überprüfung seiner Hypothesen untersucht. Diese Untersuchung konzentriert sich auf die Tabellen 11 bis 15, während die vorherigen Tabellen inhaltlich nur einfache Proportionen aus veröffentlichten amtlichen Statistiken enthalten. die letzteren Tabellen benutzen dagegen Ipsens „Aufwuchsziffern“, ein Konstrukt, das Kuczynskis NRR ähnelt und zur gleichen Zeit eingeführt wurde. Im Gegensatz zur NRR beabsichtigen „Aufwuchsziffern“ nicht, die Bestandserhaltung der Bevölkerung durch rechnerischen Vergleich der Töchter- mit der Müttergeneration zu messen, sondern dem Einblick in familiale Entscheidungen für oder gegen eine Geburt unter Bezugnahme auf den sozioökonomischen Status der Familien. Das Konzept hat damit nicht einen demographischen, sondern einen soziologischen Hintergrund. Und Linde unterstreicht den individualistischen Erklärungsansatz und konfrontiert ihn mit Ipsens kollektivistischem Denken. Damit geht die Argumentation über eine bloße Kritik des demographischen Übergangs hinaus und kritisiert auch die Demographie als Analyse künstlicher statistischer Aggregate, wie anlässlich des ersten Kolloquiums in Bad Homburg gefordert.

Im Ergebnis hat die Untersuchung keinen Anlass, Lindes empirische Ansätze und Belege zu verwerfen, trotz ihrer etwas spekulativen Vorgehensweisen. Der soziohistorische Ansatz und das Verwenden statistischen und idiographischen Materials einschließlich der Untersuchungen von Imhof und der Cambridge Group zur Argumentation werden im Gegenteil anerkennend gewürdigt.

Die These, Nachwuchsbeschränkung sei ein „säkularer“ Prozess während der letzten Jahrhunderte, wohingegen der „demographische Übergang“ für Deutschland auf die Periode von 1900 bis 1930 – und dabei überlagert vom säkularen Prozess – zu beschränken ist, verbleibt zur weiteren Diskussion. Die empirische Untersuchung deckt nicht den Prozess der „zweiten“ Geburtenbeschränkung seit 1965 ab. Hierfür schlägt Linde eine soziokulturelle Erklärung, die sich auf den Deinstitutionalisierungsprozess von Ehe und Familie bezieht, vor. Allerdings läuft auch dieser Prozess seit den letzten Jahrhunderten ab und deckt somit auch den Prozess der Nachwuchsbeschränkung ab – als doppelte Erklärung. Linde zufolge kommt dieser Prozess mit dem Ehereformgesetz aus dem Jahr 1977 zum Abschluss und zur Kulmination, so dass wenige Gründe für eine Heirat (außer den gesetzlichen) bleiben und nicht widerrufbare Entscheidungen für Kinder zur schweren Bürde für die Akteure werden. Diese Erklärung ist freilich bei Linde nur experimentell und dem Buch vermutlich nur im Hinblick auf die damalige aktuelle öffentliche Debatte des Themas hinzugefügt.

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