Navigation und Service

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Jürgen Dorbritz (2000)

Europäische Fertilitätsmuster

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 25, 2/2000, S. 235-266, Opladen: Verlag Leske + Budrich, ISSN: 0340-2398

In diesem Artikel soll anhand der zusammengefassten Geburten- und Erstheiratsziffern, der Durchschnittsalter bei der Geburt und Erstheirat, den Anteilen der von unverheirateten Müttern geborenen Kindern und der Kinderlosigkeit nach Mustern in der Familienbildung in Europa gesucht werden. Die Datenbasis ist in der jährlichen Veröffentlichung des Europarats Recent demographic developments in Europe gegeben.

Bis auf die Ausnahmen Türkei, Albanien und Georgien sind alle europäischen Länder sogenannte Niedrig-Fertilitäts-Länder, in denen Frauen im Verlauf ihres Lebens durchschnittlich weniger als 2,1 Kinder zur Welt bringen. Das ist das übergreifende gemeinsame Merkmal, das sich im Verlauf von Europe's second demographic transition herausgebildet hat. Aber bereits der Geburtenrückgang ist im Hinblick auf Beginn und Ausmaß unterschiedlich verlaufen. Er setzte zunächst in West- und Nordeuropa ein, danach folgte Südeuropa und schließlich in den 90er Jahren die mittel- und osteuropäischen Reformstaaten. Für Westeuropa stellte sich nach Abschluss des Geburtenrückgangs ein stabil niedriges Niveau ein. Nordeuropa verzeichnete einen begrenzten Wiederanstieg, während die Geburtenrückgänge in Südeuropa und den Transformationsländern zu einem außerordentlich niedrigen Niveau führten. Abgesehen von Ostdeutschland sind derzeit Lettland, Bulgarien, Tschechien, Spanien und Italien die europäischen Niedrigst-Fertilitäts-Länder.

Einheitlichkeit zeigt Europa lediglich in den Trendrichtungen – neben den niedrigen und zum Teil weiter sinkenden Geburten- und Heiratshäufigkeiten sind diese das steigende Durchschnittsalter bei der Familiengründung, Anstiege der Nichtehelichenquote und der Kinderlosigkeit. Auch diese Trends sind auf unterschiedlichem Niveau verlaufen und haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingesetzt und ihren Abschluss gefunden. Vorläufer waren wie beim Geburtenrückgang in aller Regel die Länder Nord- und Westeuropas (bei der Nichtehelichenquote: Nordeuropa, bei der Kinderlosigkeit: Westeuropa), denen Südeuropa folgte. Der Wandel in den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas hatte erst sehr spät mit dem Eintritt in die Transformationsphase in den 90er Jahren eingesetzt.

Die Analysen zeigen sehr deutlich, dass es kein wirklich europäisches Muster in der Familienbildung gibt. Aufgefunden wurde eine breite Vielfalt im Zusammenspiel von Geburten- und Heiratshäufigkeit, Durchschnittsaltern bei der Geburt, Nichtehelichenquote und Kinderlosigkeit. Auffällig ist, dass der Wandel in den Mustern der Familienbildung in Europa noch keinen Abschluss gefunden hat. Dies trifft insbesondere auf die Reformstaaten zu, für die zukünftige Trends kaum abschätzbar sind. Das gilt aber auch für das übrige Europa. Weiter im Anstieg begriffen sind die Durchschnittsalter bei der Familiengründung, die Entkoppelung von Ehe und Geburt der Kinder schreitet voran und Kinderlosigkeit scheint sich auszubreiten.

Der Wandel in den Fertilitätsmustern hat u. a. dazu geführt, dass klassische demographische Zusammenhänge, wie der vom Alter bei Beginn der Familiengründung und Kinderzahl und der von Heiratshäufigkeit und Geburtenhäufigkeit bzw. der Verknüpfung von Geburt der Kinder und dem Verheiratetsein, sich abgeschwächt haben. Die Länder Nordeuropas zeigen, dass bei niedriger Heiratshäufigkeit und später Geburt der Kinder dennoch höhere zusammengefasste Geburtenziffern möglich sind. Einige Länder Südeuropas sind ein Beispiel dafür, dass eine höhere Heiratsneigung mit sehr niedriger Geburtenhäufigkeit einher gehen kann.

In den europäischen Niedrig-Fertilitätsländern gibt es gegenwärtig keine Anzeichen für einen Wiederanstieg der Geburtenhäufigkeit. In den Niedrig-Fertilitäts-Ländern findet man bereits seit längerem Stabilität und in den Ländern mit höherer Geburtenziffer einen sinkenden Trend vor. Dazu gehört auch, dass der Geburtenanstieg in Nordeuropa ein temporärer Effekt bleiben dürfte. Gegen einen Wiederanstieg spricht der vermutete Anstieg der Kinderlosigkeit.

Diese Seite

© Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung - 2017