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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Evelyn Grünheid und Juliane Roloff (2000)

Die demographische Lage in Deutschland 1999 mit dem Teil B „Die demographische Entwicklung in den Bundesländern – ein Vergleich“

In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 25, 1/2000, S. 3-150, Opladen: Verlag Leske + Budrich, ISSN: 0340-2398

1998 war erstmalig in diesem Jahrzehnt die Bevölkerungszahl in Deutschland geringer als im Vorjahr, nachdem in den letzten Jahren die Dynamik des Zuwachses kontinuierlich abgenommen hatte. Ursache dafür waren sowohl gesunkene Geburtenzahlen als auch sinkende Wanderungsgewinne in Westdeutschland und ein seit 1991 erstmals wieder negativer Gesamtwanderungssaldo in Ostdeutschland.

Die Zahl der Eheschließungen ist in Deutschland seit Jahren rückläufig. Dabei brachte das Jahr 1998 einen Anstieg der Eheschließungszahl für die neuen und einen weiteren Rückgang für die alten Bundesländer. Im Jahr 1999 führte das „magische Datum 9.9.1999“ zu einem Heiratsboom im September, die Zahl der Eheschließenden lag etwa beim Anderthalbfachen früherer Septemberwerte. Das durchschnittliche Erstheiratsalter steigt bereits seit Mitte der 70er Jahre an, 1997 waren die erstmalig heiratenden Männer bereits über 30 Jahre alt, die Frauen knapp 28 Jahre. Rund zwei Drittel der erstmalig Heiratenden wählten Ehepartner, die ebenfalls noch ledig waren, während geschiedene Personen am häufigsten ebenfalls bereits geschiedene Ehepartner heirateten.

Die Scheidungsneigung hat sich 1998 gegenüber den Vorjahren weiter erhöht und erreichte in Westdeutschland das höchste Niveau seit Bestehen der Bundesrepublik. Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist deutlich mehr als jede dritte Ehe von Scheidung bedroht, dabei besteht das höchste Scheidungsrisiko für Ehen mit einer Dauer zwischen 5 und 9 Jahren. Aber auch für ältere Ehen zwischen 10 und 14 Jahren Ehedauer ist das Scheidungsrisiko deutlich angestiegen. Dabei ist die Bereitschaft gewachsen, sich auch dann scheiden zu lassen, wenn Kinder zur Familie gehören.

Nach einer zweijährigen Phase steigender Geburtenzahlen sank die Zahl der Lebendgeborenen im Jahr 1998 um 3,3 % gegenüber dem Vorjahr ab. Diese negative Entwicklung beruht ausschließlich auf den Ergebnissen des früheren Bundesgebietes; in den neuen Ländern erhöhte sich die Zahl der Lebendgeborenen gegenüber 1997, wenn auch in deutlich geringerem Maße als in den Vorjahren. Diese Tendenzen scheinen sich 1999 fortsetzen. Im Vergleich zu 1990 zeigte sich der stärkste Rückgang bei erstgeborenen Kindern im früheren Bundesgebiet und bei zweitgeborenen Kindern in den neuen Ländern, am deutlichsten gehen die Geburtenzahlen bei Frauen unter 30 Jahren zurück.

Die Zahl der Gestorbenen ist sowohl im früheren Bundesgebiet als auch in den neuen Ländern weiter rückläufig, trotzdem führen der Rückgang der Geburtenzahlen in Westdeutschland und das insgesamt niedrige Geburtenniveau in Ostdeutschland in beiden Gebieten zu einem Sterbefallüberschuss.
Das Sterblichkeitsniveau in den neuen Ländern hat sich in den letzten Jahren deutlich schneller verringert als im früheren Bundesgebiet, so dass es sich an das westliche Sterblichkeitsniveau annähert. Sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland hat sich die Lebenserwartung kontinuierlich erhöht und liegt 1996/98 für neugeborene Jungen bei 74,4 (West) bzw. 72,4 Jahren (Ost) und für neugeborene Mädchen bei 80,5 (West) bzw. 79,5 Jahren (Ost). Damit ist die Lebenserwartung im Westen immer noch deutlich höher als im Osten und zweitens liegt sie bei Mädchen weiterhin erheblich (6-7 Jahre) über der von Jungen. Die häufigsten Todesursachen waren auch 1998 in Deutschland – wie schon seit Jahren – Erkrankungen des Kreislaufsystems, denen fast jeder zweite Gestorbene erlag, wobei insbesondere ältere Menschen von dieser Todesursache betroffen sind.

Die Wanderungen über die Außengrenzen werden vor allem durch zwei große Gruppen geprägt: zum einen deutsche Aussiedler aus den osteuropäischen Staaten und zum anderen Asylbewerber vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien, die im Zusammenhang mit den dort geführten Kriegen Zuflucht in Deutschland suchten und jetzt zum Teil in ihre Heimat zurückkehren. Insgesamt war der Wanderungssaldo Deutschlands gegenüber dem Ausland 1998 zwar positiv wie in allen Jahren seit Mitte der 80er Jahre, er ging jedoch in seiner Größenordnung weiter deutlich zurück. Dabei spielten sowohl die rückläufigen Zuwanderungsüberschüsse bei den Deutschen – 1998 bildete mit rund 103.000 aufgenommenen Aussiedlern den Tiefpunkt der letzten 10 Jahre – eine Rolle als auch die bereits im zweiten Jahr in Folge auftretenden Abwanderungsüberschüsse bei den ausländischen Personen, bei denen die Zahl der Fortzüge um rund 33.500 Personen höher war als die Zahl der Zuzüge.

1998 lebten rund 7,3 Millionen ausländische Personen in Deutschland, damit besaßen knapp 9 % Gesamtbevölkerung eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit, dabei war sogar ein Rückgang der ausländischen Bevölkerung gegenüber 1997 zu verzeichnen. In ihrer Geschlechts- und Altersstruktur unterscheidet sich die ausländische deutlich von der deutschen Bevölkerung, sie stellt eine deutlich jüngere Population dar.

Nach wie vor sind die Einpersonenhaushalte im Westen Deutschlands der Haushaltstyp mit dem größten prozentualen Anteil; im Osten sind es immer noch die Zweipersonenhaushalte. Anteilig zurückgehend sind die größeren Haushalte, wobei diese Tendenz bereits bei den Dreipersonenhaushalten beginnt. Am häufigsten unter den Bewohnern von Einpersonenhaushalten ist die Altersgruppe der Senioren ab 65 Jahre vertreten. Ihr Anteil sinkt jedoch tendenziell zugunsten jüngerer Altersgruppen. Das ergibt sich nicht nur durch steigende Zahl von jüngeren Singles sondern auch durch eine sinkende Zahl älterer alleinstehender Personen. Hierbei wird ein neuer Trend erkennbar: der Anteil alleinlebender älterer Menschen geht zurück. Es rücken Geburtsjahrgänge in das Seniorenalter auf, die nicht mehr überproportional von Kriegsverlusten gekennzeichnet sind. Damit nimmt der Verheiratungsgrad auch der Frauen zu und schrittweise geht die Zahl alleinlebender älterer Frauen zurück, die bisher einen großen Teil der Einpersonenhaushalte bewohnt haben. Kompatibel damit steigt die Zahl der Zweipersonenhaushalte in den höheren Altersgruppen an.

Die Ehe ist die hauptsächliche Lebensform der erwachsenen Personen in Deutschland. Mehr als die Hälfte aller 20jährigen und älteren Personen waren 1998 verheiratet. Auch minderjährige Kinder leben immer noch zum überwiegenden Teil bei verheiratet zusammenlebenden Ehepaaren. Vollständige Familien – also Mutter und Vater – sind aber nicht nur der Familientyp, in dem die meisten Kinder aufwachsen, sie sind auch der Familientyp, in dem die meisten Kinder geboren werden. Die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften hat 1998 mit 2 Millionen Partnerschaften einen neuen Höchststand erreicht. Gegenüber Anfang der 90er Jahre hat sich damit diese Lebensform bedeutend erhöht, inzwischen wird sie in Westdeutschland von jedem 20. und in Ostdeutschland bereits von jedem 14. Haushalt gewählt.

Die Erwerbsbeteiligung ist mit Ausnahme der Frauen im früheren Bundesgebiet generell rückläufig. Die Erwerbslosigkeit dahingegen ist in den 90er Jahren angestiegen und zwar bei den Männern deutlich schneller als bei den Frauen. In Ostdeutschland hat die Erwerbslosigkeit ein beträchtlich höheres Niveau erreicht als in Westdeutschland. Dabei unterliegen Familien bzw. Alleinerziehende mit Kindern Ende der 90er Jahre einem erheblich höheren Erwerbslosigkeitsrisiko als Haushalte ohne Kinder.
Fast 6 Millionen Menschen waren im April 1998 in einem Teilzeitarbeitsverhältnis beschäftigt. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber Anfang der 90er Jahre. Die Teilzeitarbeit konzentriert sich fast ausschließlich auf Frauen. Im April 1998 waren 40 % der erwerbstätigen westdeutschen Frauen teilzeitbeschäftigt, in den neuen Ländern und Berlin-Ost betraf das nur 22 % der Frauen. Dabei war durchaus nicht immer der Wunsch der Frauen nach einer kürzeren Beschäftigungsdauer ausschlaggebend für die Aufnahme einer Teilzeitbeschäftigung, im Westen waren familiäre oder persönliche Verpflichtungen der Hauptgrund für die verkürzte Arbeitszeit, im Osten war für mehr als die Hälfte dieser Frauen bestimmend, dass sie keinen Vollzeitarbeitsplatz finden konnten. Auch bei den sogenannten geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen waren die Frauen überproportional stark vertreten, rund drei Viertel aller im Mikrozensus erfassten geringfügig Beschäftigten waren Frauen. Deutlich höher als in den alten Bundesländern ist nach wie vor die Erwerbsbeteiligung ostdeutscher verheirateter Mütter mit Kindern unter 15 Jahren.

Die demographische Alterung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland ist ein unvermeidbarer Prozess, der sich in den nächsten Jahrzehnten in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verstärkt auswirken wird. Im Teil B des Berichtes zur demographischen Lage wird der Frage nachgegangen, ob sich dieser Alterungsprozess in allen Bundesländern gleichermaßen stark vollzieht oder ob es hier regionale Unterschiede gibt.

Eine Vorabanalyse des Durchschnittsalters der Bevölkerung, als eine der Messgrößen der demographischen Alterung, ergibt, dass im letzten Untersuchungsjahr 1997 Sachsen mit rund 41 Jahren die älteste, Ostberlin dagegen mit rund 37 Jahren die jüngste Bevölkerung hatte; der Altersunterschied zwischen beiden Ländern machte somit rund 4 Jahre aus.

Des weiteren ist festzuhalten, dass die Bevölkerungen der ostdeutschen Länder innerhalb der letzten fast zehn Jahre schneller als die Bevölkerungen der westdeutschen Länder gealtert sind – 1997 gegenüber 1989 um durchschnittlich rund 4 Jahre gegenüber durchschnittlich knapp 1 Jahr in den alten Bundesländern. Dies ist das Ergebnis sich stärker vollzogener Veränderungen der Altersstrukturen in den neuen Ländern. Auf diese wird in dem Bericht näher eingegangen und zudem ein Vergleich der Altersstrukturen der Bevölkerung aller Bundesländer vorgenommen. Dies erbrachte, dass nicht nur zwischen west- und ostdeutschen Ländern, sondern auch zwischen allen Bundesländern Unterschiede in deren Altersstrukturen gegeben sind. Diese sind das Ergebnis in den Bundesländern unterschiedlich verlaufender demographischer Prozesse – Geburtenentwicklung, Sterblichkeit, Migration, deren Analyse der Hauptinhalt des Beitrages ist. Dabei lässt sich für die alten Bundesländer gleichermaßen feststellen, dass bei einem allgemeinen stabilen Geburten-/Fertilitätsniveau auf niedrigem Stand, wobei auch hier durchaus Unterschiede zwischen den Ländern gegeben sind, das Wanderungsgeschehen, hier vornehmlich die Außenwanderungen, einen bestimmenden Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung insgesamt hat, d. h. den Alterungsprozess verlangsamte. Innerhalb der Hierarchie der alten Länder weisen Baden-Württemberg und Bayern die günstigste Bevölkerungsentwicklung auf.

Für die neuen Bundesländer gilt allgemein, dass der starke Geburtenrückgang und die gleichzeitig hohen Binnenwanderungsverluste die Ursachen für die im Beitrag aufgezeigte Beschleunigung des Alterungsprozesses nach der Wende sind. Innerhalb der neuen Länder ließen sich aber auch hier regionale Unterschiede nachweisen. Die in den letzten Jahren vergleichsweise günstigste Bevölkerungsentwicklung hat das Land Brandenburg, bedingt durch hohe Umlandwanderungsgewinne, zu verzeichnen.

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