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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Band 36

Lebensstile, Lebensphasen, Lebensqualität

Interdisziplinäre Analysen von Gesundheit und Sterblichkeit aus dem Lebenserwartungssurvey des BiB

von Karla Gärtner, Evelyn Grünheid und Marc Luy (Hrsg.)

Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung Bd. 36, 2005, 416 S., Wiesbaden: VS Verlag. ISBN: 978-3-531-14905-9 – beim Verlag vergriffen

Wie sieht die gegenwärtige gesundheitliche Situation der Menschen in West- und Ostdeutschland tatsächlich aus und welche Erkenntnisse können daraus unter Umständen für die Zukunft abgeleitet werden? Welche gesundheitlichen Veränderungen bringt die Alterung für jeden Einzelnen mit sich? Wie wirken sich soziale Lage, die finanziellen Rahmenbedingungen und vor allem das Gesundheitsverhalten auf den tatsächlichen und den subjektiv empfundenen Gesundheitszustand aus? Mit diesen und vielen damit mehr oder weniger in Verbindung bestehenden Aspekten beschäftigt sich der vorliegende Band. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ist diesen Fragestellungen mit einer Untersuchung zu Lebensstilen und deren Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung (Lebenserwartungssurvey) nachgegangen. 1998 wurden deshalb West- und Ostdeutsche der Geburtsjahrgänge von 1912 bis 1952 befragt, die bereits einmal im Rahmen des Nationalen Gesundheitssurveys 1984-86 (Westdeutschland) bzw. 1991/92 (Ostdeutschland) über viele Fragen im Zusammenhang mit ihrer gesundheitlichen Situation Auskunft gegeben hatten. Das Spektrum der Themenfelder reicht vom theoretischen Hintergrund der Gesundheitslebensstile über Determinanten der Gesundheit wie soziale Lage, Einkommen, familiäre Situation, Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und Freizeitinteressen bis hin zum Themengebiet Lebenserwartung, das sowohl die Lebenserwartung in Gesundheit als auch Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen West- und Ostdeutschland beziehungsweise zwischen den Geschlechtern umfasst.

Das zugrunde gelegte Auswertungskonzept basiert auf der Theorie der Gesundheitslebensstile. Dabei wird nicht nur das gesundheitsbewusste Verhalten, sondern es werden auch gesundheitsrelevante Einstellungen und Denkweisen mit einbezogen. Auch die Gesundheit selbst und die Zufriedenheit mit ihr hängen zu einem gewissen Grade von den individuellen Lebensstilen ab, wozu u. a. auch Rauchen und Alkoholkonsum gehören. Die nachfolgenden empirischen Untersuchungen machen deutlich, dass z. B. die Raucheranteile bei den Männern deutlich höher als sind bei den Frauen. In der Regel nimmt der Anteil der Raucher mit dem Alter und damit auch mit der Beobachtungszeit des Surveys ab. Neben Alter und Geschlecht stellt sich das Rauchverhalten bezüglich der Sterblichkeit als die einflussreichste Determinante dar. Aus gesundheitlicher Sicht positive Ergebnisse zeigten sich bei den Untersuchungen zum Alkoholkonsum. Dieser ist zwischen den Erhebungen sowohl in West- als auch in Ostdeutschland bei beiden Geschlechtern zurückgegangen und liegt in der Regel im Bereich eines moderaten Verbrauchs. Dabei befinden sich die Männer jedoch deutlich am oberen Rand dieses Bereichs, während Frauen mehr am unteren Rand zu finden sind. Auch ergibt sich bei den jüngeren Altersgruppen – insbesondere den jüngeren Männern – ein höherer Alkoholkonsum als bei den älteren.

Die Inhalte des zweiten Teils über die Determinanten der Gesundheit stellen gewissermaßen die Grundlage für die empirisch-konzeptionelle Ableitung von Gesundheitslebensstilen dar. Im ersten Beitrag werden einführend der Gesundheitsbegriff und die Einflussfaktoren auf Gesundheit und Lebenszeit erläutert. Des Weiteren werden die Methoden der Datenanalyse und die verschiedenen Gesundheitsindizes (Index der funktionalen Beeinträchtigung, Index der Krankheitsbelastung, Index der subjektiven Beschwerden, Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit) vorgestellt und mit den Daten des Lebenserwartungssurvey analysiert. Im Beitrag über den Zusammenhang zwischen sozialer Lage, Gesundheitslebensstilen und Gesundheitsverhalten kommen die Autoren zu dem Schluss, dass sich Bildung und Sozialstatus als entscheidende Determinanten des Gesundheitszustandes erweisen. Zusammen mit dem Alter bestimmen diese Variablen die Gesundheit in der zweiten Lebenshälfte sogar stärker als die gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass die Zufriedenheit mit der Gesundheit positiv mit der Einkommenshöhe zusammenhängt, d. h. also je höher das Einkommen, desto besser der Gesundheitszustand und die entsprechende Zufriedenheit. Dies gilt allerdings nur innerhalb von Altersgruppen. Werden unterschiedliche Altersgruppen vergleichend analysiert, so ist der Einfluss des Alters auf die Gesundheit wesentlich stärker als der des Einkommens.

Im dritten Hauptteil dieses Buches geht es schließlich um Gesundheit in verschiedenen Lebenslagen. Dabei stehen der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand und die damit verbundenen Veränderungen im subjektiven Gesundheitszustand im Zentrum eines der bearbeiteten Kapitel. Hier wird untersucht, inwieweit die letzte berufliche Tätigkeit und die früheren Arbeitsbelastungen mit der Gesundheit im Ruhestand in Zusammenhang stehen und ob sich der so genannte „Pensionierungsschock“ empirisch nachweisen lässt. Dabei konnte die These des gesundheitlichen „Pensionierungsschocks“ im Wesentlichen widerlegt werden: Die heutigen Altersruheständler beziehungsweise Pensionäre zeigen beim Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand im Allgemeinen eine positive Gesundheitsentwicklung und eine geringere Beschwerdenintensität. Bei der Analyse der Freizeitinteressen und ihres Einflusses auf die Gesundheit der Menschen wird ein besonderes Augenmerk auf die Bedeutung der sportlichen Aktivität zu den beiden Befragungszeitpunkten sowie der Entwicklung im Zeitverlauf gerichtet. Als ein wichtiges Ergebnis stellte sich heraus, dass die Gruppe der Teilnehmer, die durchgängig sportlich aktiv waren, sich mit ihrer Gesundheit zufriedener zeigten, als die Befragten, die gar keinen oder nur zeitweilig Sport trieben. In einem weiteren Kapitel werden Personen in den Mittelpunkt gestellt, die kranke Angehörige pflegen. Dabei werden neben den soziodemographischen Charakteristika der Pflegenden vor allem ihr Gesundheitsverhalten, ihr subjektiver Gesundheitszustand sowie die von ihnen berichteten Beschwerden, Krankheiten und die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems betrachtet. Dass die familiäre Situation, Probleme im familiären Umfeld und insbesondere auch finanzielle Schwierigkeiten in einem Zusammenhang mit der Gesundheit stehen, zeigt ein weiterer Beitrag. Insbesondere für Geschiedene und Personen, die zu beiden Erhebungszeitpunkten nicht verheiratet waren, zeigten sich deutlich ungünstigere Resultate hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes. Auch Befragte, die angaben, maximal eine Person zu kennen, mit deren Unterstützung sie rechnen können, beklagten häufiger eine schlechte Gesundheit und zeigten auch eher eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes im Zeitverlauf zwischen den Befragungen.

Die im letzten Themenblock Lebenserwartung dieses Sammelbandes zu findenden Beiträge befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Mortalität. Dabei konnte gezeigt werden, dass die verwendeten Daten zur Analyse der Sterblichkeit offensichtlich ausgesprochen gut geeignet sind. Die aus der Gesamtbevölkerung bekannten Trends bezüglich der West-Ost- bzw. der Geschlechterunterschiede werden nahezu exakt wiedergegeben.
Bezüglich der Sterblichkeitsunterschiede zwischen West- und Ostdeutschland konnte allerdings kein direkter Einfluss der allgemein als bedeutsam vermuteten Faktoren Lebensstil und Lebensqualität festgestellt werden. Da das Rätsel der markanten Entwicklung der Sterblichkeitsdifferenzen zwischen West- und Ostdeutschland nach wie vor zu den ungeklärten Fragestellungen der Mortalitätsforschung gehört, bietet sich hier ein großes Potenzial für weiterführende Forschungsarbeiten. Als mögliche Grundlage wurde eine neue Hypothese aufgestellt, die einen bislang unerwartet großen Einfluss in der Versorgung mit Vorsorge- und Rehabilitations-Einrichtungen zur Grundlage hat.
Bei der Analyse der geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsunterschiede zeigte sich, welche signifikante Bedeutung das Lebensstilkonzept für die Mortalitätsanalyse haben kann. Die herausgearbeiteten komplexen Gesundheitslebensstile verdeutlichen einen ganz erheblichen Einfluss auf das Sterberisiko. Bezüglich der männlichen Übersterblichkeit wurde deutlich, dass Männer zum Großteil in den ungesünderen Lebensstilgruppen mit erhöhtem Sterberisiko zu finden sind, während Frauen überwiegend den gesunden Lebensstilgruppen angehören. Auch innerhalb der Lebensstilgruppen zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede bezüglich der geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsdifferenzen zuungunsten der Männer. Es kann daher abgeleitet werden, dass diese beiden Faktoren gemeinsam zu einem bedeutenden Lebensstileffekt führen, der sich ganz erheblich auf das Ausmaß der festzustellenden Sterblichkeitsunterschiede zwischen Frauen und Männern auswirkt. Trotz eines gesünderen Lebensstils fühlen sich Frauen aber häufig kränker als Männer, was sich in der in einem weiteren Kapitel untersuchten „Lebenserwartung in Gesundheit“ niederschlägt. Somit zeigen sich Vorteile für die Männer bezüglich des Anteils der in Gesundheit verbrachten Lebenszeit. Insgesamt sind west­deutsche Männer und Frauen mit ihrem Gesundheitszustand zufriedener als ostdeutsche.

Abschließend lässt sich feststellen, dass für das Verständnis von Lebensstilen, Lebensphasen und Lebensqualität als wesentliche Determinanten des individuellen und allgemeinen Gesundheitszustands die Zusammenstellung dieser verschiedenen interdisziplinären Studien sicher eine wichtige Grundlage und hoffentlich gleichzeitig den Grundstein für weitere und noch intensivere Analysen aus diesen Themenbereichen bietet, die wohl gerade vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung zu den wichtigsten Fragestellungen für die Allgemeinbevölkerung gehören.

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