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Demografischer Wandel – Chance zur Erneuerung?

Thementag der SCHUFA in Kooperation mit dem BiB am 21. November 2012 in Berlin

Welche Veränderungen bringt der demografische Wandel durch die Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung für die Gesellschaft und die Finanzwirtschaft mit sich? Wie vielfältig werden die Auswirkungen auf Lebensformen und Aktivitäten sowie auf das Einkommen und den Konsum sein? Diese Fragen standen im Fokus des SCHUFA-Thementages am 21. November 2012 in Berlin, der in Kooperation mit dem BiB durchgeführt wurde. In den Vorträgen und Diskussionen zeigte sich unter anderem deutlich, dass auch aus Sicht der Wirtschaft, des Handels und der Banken zum Teil noch erheblicher Handlungsbedarf besteht, um sich im Prozess des Wandels zu behaupten. Gleichwohl bestand unter den Teilnehmern, darunter Wissenschaftern, (ehemaligen) Politiker/innen sowie Praktikern aus der Finanzwirtschaft Einigkeit darüber, dass die Folgen des Wandels unter bestimmten Voraussetzungen beherrschbar seien und es mehr Chancen als Risiken gebe.

In ihrem Eröffnungsvortrag betonte die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder, dass die Bewältigung des demografischen Wandels nur in einem übergreifenden Ansatz, der nicht nur einzelne Politikfelder, sondern die Gesellschaft insgesamt umfasse, gelingen könne. Dabei bestehe ihrer Ansicht nach die größte Herausforderung des demografischen Wandels darin, die Beziehungen in der Gesellschaft zu stärken und den Zusammenhalt zwischen Jung und Alt zu sichern.



Veränderung der Lebensformen und -läufe und die Folgen für das Alter

Wie werden sich die bedeutenden Veränderungen in der Lebensführung in den letzten 50 Jahren auf Alter und Alterung auswirken? Diese Frage stand im Fokus des Beitrags des Direktors des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, der zunächst einen Überblick über die veränderten Lebensformen und Lebensläufe gab. Trotz eines Wandels hin zu einer Pluralität an Lebensformen gebe es allerdings einen weitgehenden Fortbestand traditioneller geschlechtstypischer Elternrollen mit deutlichen Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland. Der Wandel der Lebensformen und der Lebensführung wirke sich insofern auf das Alter und die Alterung aus, dass es zum einen immer mehr ältere Personen ohne Kinder gebe und zum anderen zwischen den Generationen größere räumliche Distanzen herrschten. Dies werde sich vor dem Hintergrund einer steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen und einer abnehmenden Zahl jüngerer Menschen vor allem im Pflegebereich auswirken.

Potenziale des Alters zwischen 55 und 70 Jahren
Dabei werden die Menschen nicht nur immer älter, sondern auch ihre Aktivitätsspektren verändern sich. Das verdeutlichte der Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse in seinem Vortrag, der vor allem die Potenziale des Alters in den Mittelpunkt stellte. Ein verbesserter Gesundheitszustand der heute 70-Jährigen sowie erweiterte finanzielle und kognitive Ressourcen zeichneten die Älteren aus, was mittlerweile auch von den Unternehmen erkannt und genutzt werde. Die Chancen des demografischen Wandels lägen in der Interaktion der Potenziale der Älteren mit den innovativen Strategien der Jüngeren, so dass dieser Prozess für beide Seiten gewinnbringend sei.

Wirtschaftsfaktor Alter: Finanzkraft, hohe ökonomische Zuverlässigkeit und Konsumverhalten der „Jungen Alten“
Wie groß die Bedeutung der Altersgruppe 60+ am Kreditmarkt ist, zeigte die Professorin für Konsumentenverhalten und Verbraucherverhalten von der Copenhagen Business School, Dr. Lucia Reisch, anhand des SCHUFA-Kreditkompasses 2012, der eine wachsende Teilnahme der über 60-Jährigen am Kreditmarkt erkennen lässt. Sie betonte die hohe Kaufkraft dieser Gruppe, die über ein großes Geldvermögen verfüge und deren Kreditausfallquote rund ein Drittel unter dem Gesamtdurchschnitt liege. Hinzu komme, dass die Älteren ihr Geld auch ausgeben und nicht immer nur sparen wollten.

Dies wirke sich positiv auf die Konsumwirtschaft aus, die sich allerdings einem veränderten Konsumverhalten der über 50-Jährigen gegenübersehe, wie der Direktor des Instituts für Gerontologie, Dr. Gerhard Naegele, von der TU Dortmund ausführte. In der „Seniorenwirtschaft“ käme es nämlich durch die Zunahme älterer Menschen und einen Rückgang der Jüngeren bei den Bedarfsgütern zu Veränderungen der Anteile: So werde beim Alltagsbedarf ein Rückgang erwartet, während die Anteile für Gesundheit und Freizeit deutliche Zuwächse zeigen werden. Mit der Ausdehnung der Lebensphase Alter folgten die Älteren in ihren Konsumhandlungen und -entscheidungen lebensphasentypischen Bedürfnissen, die aber ausdifferenzierter geworden seien und sich auf immer mehr Lebensjahre verteilten.

Ein konkretes Beispiel für Änderungen im Konsumverhalten Älterer präsentierte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes des deutschen Versandhandels, Christoph Wenk-Fischer, am Beispiel des Online-Versandhandels, der besonders in der Gruppe ab 50 Jahre deutliche Zuwächse zu verzeichnen hat. So zeigten Verbraucherbefragungen dass dreiviertel der 50- bis 59-Jährigen und über die Hälfte der über 60-Jährigen bereits im Internet eingekauft haben, was belege, dass die Sparte „E-Commerce“ letztlich in allen Altersgruppen angekommen sei und das Internet auch bei den Älteren keine unüberwindliche Hürde mehr darstelle.

Die Folgen der Alterung für Finanzdienstleistungen
Welche Folgen die Alterung für Finanzdienstleistungen hat, machte Professor Dr. Michael Lister von der School of Management and Innovation Steinbeis Hochschule Berlin, deutlich. Am Beispiel der privaten Rentenabsicherung zeigte er auf, wie sich das Rentenverhalten der Jüngeren verändern muss, um ein höheres Niveau zu erreichen. Auch wenn alle früher, länger und mehr sparen müssten, sei es damit nicht getan, auch die Lebensarbeitszeit müsse steigen, so seine Schlussfolgerung. Für die Banken habe der Wandel erhebliche organisatorische und geschäftspolitische Auswirkungen, gerade in dünn besiedelten Gebieten mit einem hohen Anteil älterer Bevölkerung wie in Ostdeutschland.

Wie sich dies auf die Kundenbetreuungsstrategien vor Ort konkret auswirken werde, berichtete der Direktor Projektservice des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Jürgen Engelhardt, aus der Praxis. Der bereits erwähnten Tatsache, dass alle früher und länger sparen müssten, werde bei der Geschäftspolitik der Sparkassen schon lange Rechnung getragen, indem es jugendgerechte Finanzprodukte für die Nachwuchskundschaft gebe, um so zur Sensibilisierung der Thematik schon in jungen Jahren beizutragen, betonte er.

Fazit: Der demografische Wandel als Chance, die bewältigt werden kann – mit viel Geduld und Zeit
Insgesamt zeigten alle Tagungsbeiträge, dass der demografische Wandel als Chance und Herausforderung zugleich betrachtet wurde und keineswegs als Ursache für Schreckensszenarien dienen müsse. Dies wurde zum Schluss auch in der Podiumsdiskussion mit Professorin Dr. Rita Süssmuth, Professorin Dr. Dres. h.c. Ursula Lehr sowie dem Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, Wolfgang Gründinger und der Sprecherin der Arbeitsgruppe zum Miteinander der Generationen im demografischen Wandel der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Bätzing-Lichtenthäler, deutlich. So biete nach Ansicht des Politologen Wolfgang Gründinger eine schrumpfende Gesellschaft auch Vorteile, etwa was den Umgang mit den natürlichen Ressourcen angehe.

Für die ehemalige Bundesfamilienministerin, Frau Prof. Lehr, sei die zunehmende Alterung durchweg positiv zu bewerten, da so auch der Erfahrungsreichtum in der Gesellschaft wachse. Besonders bedeutsam sei der damit verbundene Wandel des Altersbildes, der sich in der Gesellschaft bemerkbar mache.


Bild von Professor Dr. Rita SuessmuthProf. Dr. Rita Suessmuth bei der Podiumsdiskussion (Quelle: Schufa)

Dass man die Sorgen und Nöte der Menschen im Umgang mit dem demografischen Wandel ernst nehmen müsse, betonte Frau Prof. Süssmuth. Gleichwohl müsse auch die Politik den Menschen zeigen, welche enormen Chancen der Wandel biete. Positiv wertete sie, dass das Thema nach langer Zeit endlich auch in der Politik aktiv angepackt werde. In den Medien dargestellte Schreckensszenarien eines aussterbenden Landes entbehrten jeder Grundlage, kritisierte sie.

Auch Frau Bätzing-Lichtenthäler betonte die großen Potenziale, die eine alternde Gesellschaft für Alt und Jung biete, auch wenn es große Herausforderungen gebe, etwa bei den sozialen Sicherungssystemen und der Gestaltungskraft der Kommunen, die vor Ort mit den demografischen Veränderungen direkt konfrontiert werden.

Für Wolfgang Gründinger hängt eine positive Entwicklung letztlich auch davon ab, ob bereits heute insbesondere in den Bereichen Bildung, Kinderbetreuung, Arbeitsmarkt und Infrastruktur etwas unternommen werde oder nicht. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer schließlich in der Prognose, dass die Bewältigung des Wandels einen langen Atem benötigen wird.

Eine erweiterte Fassung des Beitrags ist in Bevölkerungsforschung Aktuell 1/2013 verfügbar.

Zudem wurde ein Tagungsband in Zusammenarbeit mit dem F.A.Z.-Institut für Management, Markt- und Medieninformationen GmbH veröffentlicht, der auf Anfrage zugeschickt werden kann.


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