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Ageing and Innovation

Gemeinsamer Expertenworkshop des BiB und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zu den Auswirkungen des demografischen Wandels am 9. Mai 2012 in Berlin

Welche Auswirkungen die tiefgreifende Veränderung der demografischen Struktur auf die Arbeits- und Lebensprozesse hat und welche Rolle ältere Menschen in der Gesellschaft und im Wirtschaftsprozess auch im internationalen Vergleich spielen, untersuchte der Expertenworkshop des BiB in Zusammenarbeit mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) am 09. Mai 2012 in Berlin unter der Leitung des Direktors des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider sowie Dr. Norbert Kloppenburg, Vorstandsmitglied der KfW-Bankengruppe.

In seinem einführenden Vortrag betonte Professor Schneider die großen Herausforderungen der demografischen Alterung für Wohlstand und Lebensqualität sowohl in den industrialisierten Ländern als auch in den Entwicklungsländern. Dabei werde unser Verständnis des Alterns meist mit zwei bisher wissenschaftlich noch nicht adäquat geprüften Annahmen verbunden, so Professor Schneider: Erstens, dass alternde Gesellschaften an einem Rückgang der Produktivität, der Innovationsfähigkeit und damit mangelndem Wettbewerb leiden und zweitens, dass die Leistungsfähigkeit eines Menschen mit zunehmendem Alter unweigerlich abnimmt. Ob diese Annahmen stimmen, wurde in den einzelnen Vorträgen immer wieder thematisiert.

Alterung: Demografische Dividende oder demografische Last?

So widmete sich der erste Themenblock der Frage, wie sich die demografische Dividende im Zuge der Alterung verändert. Daniela Weber vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) untersuchte in ihrem Vortrag die Produktivität Älterer in globaler Perspektive: Sie konstatierte zunächst, dass der demografische Wandel mit den Folgen von weniger Menschen im berufsfähigen Alter und einem Altern der Arbeitnehmer einen starken Einfluss auf die Arbeitsmärkte haben werde. Ihre Projektionen zeigten dabei, dass ein längeres Arbeitsleben die effektivste Antwort für eine alternde Bevölkerung ist, um die finanzielle Nachhaltigkeit zu erhalten. Dabei spielen das Produktivitätspotenzial und die kognitiven Fähigkeiten einer alternden Belegschaft eine große Rolle. Es zeige sich nämlich, dass Länder, die stärker in Bildung, Gesundheit und lebenslanges Lernen investiert haben oftmals effektiv jünger sind, auch wenn sie eine ältere Bevölkerung haben. Die Belastung der Alterung ist demnach geringer für Nordeuropa und die USA, während Länder wie Indien oder China eine relativ hohe Alterslast haben, obwohl sie eine relativ junge Bevölkerung haben.
Die Bedeutung der Bildung für einen Gewinn bei der demografischen Dividende betonte auch Professor Gavin W. Jones vom Asia Insitute and Department of Sociology der National University of Singapore. Es werde deutlich, dass sich die Entwicklungsländer mit einer nach wie vor hohen Fertilität (z. B. Nigeria, Pakistan, Philippinen) signifikanten Herausforderungen bei der Ausbildung ihrer rapide gewachsenen jungen Bevölkerungen gegenübersehen. Die Länder mit einer Fertilitätsrate nahe dem Reproduktionsniveau wie Indonesien und Indien können dagegen ihr Bildungsniveau und die Qualität ihrer Bildung leichter anheben, zumal sie von der demografischen Dividende profitieren, da sie eine jüngere Bevölkerung haben. Gerade bei den jüngeren Kohorten müsse so schnell wie möglich das Bildungsniveau angehoben werden – schließlich liegen die verfügbaren Indikatoren der Bildungsqualität beim Lesen und Schreiben in den Entwicklungsländern nach wie vor allesamt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

Alterung und Innovation

Der Anteil der Arbeitnehmer im Alter 50 und mehr wird sich in vielen industrialisierten Ländern innerhalb der nächsten 20 Jahre mehr als verdoppeln, erläuterte Dr. Matthias Weiss vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA) at the Max-Planck-Institute for Social Law and Social Policy. Diese Entwicklung wirft die Frage nach der Produktivität vieler älterer Arbeitnehmer auf. Verändert sich diese im Lebensverlauf? Eine Untersuchung der Beziehung zwischen dem Alter der Arbeitnehmer und ihrer Arbeitsproduktivität zeige keinen Rückgang der Produktivität bis zum Alter 60 Jahre, resümierte Dr. Weiss.
Anders hingegen sehe es bei der Innovationsfähigkeit aus, wie Dr. Hans-Dieter Schat vom Fraunhofer Institute for Systems and Innovation Research (ISI) zeigte. Er stellte die Frage, ob die Innovationsfähigkeit von Unternehmen durch alternde Belegschaften gefährdet werde. Analysen zeigten, dass sich ältere Beschäftigte weniger an Aktivitäten des Ideenmanagements beteiligten, was dazu führe, dass die Betriebe auch betriebswirtschaftlich weniger erfolgreich seien. Insgesamt zeige der Zusammenhang zwischen Alter der Belegschaft und Innovationen einen Rückgang bei der Innovationsfähigkeit bei den 35 Jährigen und älteren, so Dr. Schat. Wie sich die Mischung von Alten und Jungen in Belegschaften auf die Produktivität auswirkt, lasse sich derzeit nur andeuten, da die Forschung sich hier noch in einem frühen Stadium befinde. Es lasse sich aber konstatieren, dass Altersdiversifizierung in Teams in manchen Situationen von Vorteil sei, in anderen sich hingegen nachteilig auswirke.

Alterung und die Folgen für das Wohlbefinden

Wie wird sich eine schrumpfende Bevölkerung auf den Wohlstand und das subjektive Wohlbefinden auswirken? Dieser Frage ging Dr. Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung nach. Er betonte, dass der demografische Wandel einen direkten oder indirekten Effekt auf das subjektive Wohlbefinden habe. So werde etwa die Qualifikation und der Wert jedes einzelnen Menschen in Zeiten knapper, gutausgebildeter Arbeitnehmer wachsen. Das Gleiche gelte für die körperliche Fitness als Vorbedingung für eine hohe Produktivität älterer Beschäftigter. Insgesamt könnten die Menschen in einer stagnierenden oder schrumpfenden Wirtschaft glücklicher leben. Ein hohes Beschäftigungsniveau mit einem hohen Grad an subjektiver Zufriedenheit ist nicht unmöglich unter den Bedingungen des rapiden demografischen Wandels, betonte Dr. Klingholz.

Folgen der Migration für Herkunfts- und Zielländer

Mit der Frage, welche Folgen Migration für Herkunfts- und Zielländer hat, beschäftigten sich Peter Bonin (Centre for International Migration and Development (CIM), Frankfurt) und Vinod Thomas (Asian Development Bank, Manila) in ihrem Beitrag. Sie zeigten, dass Migration viele Dimensionen hat und nicht nur als Einbahnstraße gesehen werden könne, die zu einem Aderlaß der gut Ausgebildeten im Herkunftsland führe. Migration biete nämlich beträchtliches Potenzial sowohl für das Herkunfts- als auch das Zielland. Die deutsche Entwicklungspolitik arbeite mit Herkunfts-, Transit- und Gastländern zusammen und zugleich auch mit Migrantenorganisationen, um das Entwicklungspotenzial, dass die Migration biete, zu nutzen und Risiken zu minimieren.
Insgesamt zeigten die Beiträge und die anschließende Diskussion, dass der Zusammenhang zwischen Alterung und wirtschaftlicher Innovationsfähigkeit angesichts immer älter werdender Gesellschaften weiter an Bedeutung gewinnen wird.

„Weniger! Älter! Ärmer? – 63. Berliner Fachgespräch zur Globalisierung“

Im Anschluss an den Workshop fanden die 63. Berliner Fachgespräche zur Globalisierung statt, an denen der Direktor des BiB, Professor Dr. Norbert F. Schneider, der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium des Innern, Dr. Christoph Bergner, die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen, Kerstin Andrae und der Generaldirektor der Asian Development Bank, Dr. Vinod Thomas, teilnahmen. Im Mittelpunkt der von Dr. Melinda Crae von der Deutschen Welle TV moderierten Gespräche stand die Frage, wie ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem mit weniger, aber älteren Erwerbstätigen seine Produktivität steigern und Wachstum generieren könne. Welche gesellschaftlichen und betrieblichen Anpassungen müssen erfolgen, um die Potenziale der älteren Bevölkerung zu nutzen? In der Diskussion richtete sich der Blick auch auf die globale Entwicklung und es wurde darüber diskutiert, welche Erfahrungen bei der Integration älterer Menschen die Industrieländer mit den Entwicklungs- und Schwellenländern teilen können.

Das Foto zeigt die Teilnehmer am 63. Berliner Fachgespräch zur Globalisierung am 09.05.2012 in BerlinImmer weniger und immer ältere Erwerbstätige stellen die Wirtschaftssysteme vor neue Herausforderungen. Welche Folgen hat dies für die Produktivität und das wirtschaftliche Wachstum gerade in globaler Hinsicht? Diese Fragen diskutierten beim 63. Berliner Fachgespräch zur Globalisierung am 09. Mai 2012 von links Dr. Christoph Bergner (nicht auf dem Bild), Kerstin Andrae, Dr. Melinda Crae, Dr. Vinod Thomas sowie Prof. Dr. Norbert F. Schneider. Quelle: Foto: Michael Kirsten, Text: Bernhard Gückel

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