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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Aktuelle Befunde aus der Bevölkerungsforschung

Informations- und Diskussionsveranstaltung zum demografischen Wandel am 30. Oktober 2013 in Berlin

Wie geht es weiter mit dem demografischen Wandel? Welche aktuellen Trends und Themen spielen derzeit in der bevölkerungswissenschaftlichen Forschung des BiB eine wichtige Rolle? Diese und weitere Fragen standen im Fokus der mittlerweile sechsten Informationsveranstaltung für Beschäftigte von Ministerien und Behörden in Berlin am 30. Oktober, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des BiB und des Statistischen Bundesamts durchgeführt wurde.

Dr. Jörg Bentmann, Leiter der Abteilung G im BMI Infotagung des BiB in Berlin am 30.10.2013Dr. Jörg Bentmann

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit über 70 Teilnehmern und Teilnehmerinnen durch den Leiter der Abteilung G im Bundesministerium des Innern, Dr. Jörg Bentmann. Er freute sich über die große Resonanz der Veranstaltung und betonte, dass das Thema Demografie auch in der Zukunft Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigen werde, zumal die demografische Entwicklung alle relevanten Politikbereiche berühre und gegenwärtig auch bei den Koalitionsgesprächen in Berlin in allen Arbeitsbereichen größte Aufmerksamkeit genieße.

Der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, berichtete in seiner Begrüßungsansprache über die Forschungsarbeit des BiB und stellte die folgenden Vorträge kurz vor.

Ein neuer (Forschungs-)Blick auf den Wandel der Familie und die Ursachen
Welche Vorstellungen, Erwartungen und Meinungen von Familie haben junge Erwachsene? Dieser Frage ging Dr. Sabine Gründler im ersten Beitrag des Tages auf der Basis des Leitbild-Konzeptes nach. Unter der Annahme, dass Leitbilder als Orientierungspunkte für die Lebensgestaltung dienen und damit auch Einfluss auf die Familienplanung und Geburtenentwicklung in Deutschland nehmen, präsentierte sie erste Ergebnisse des BiB-Surveys „Familienleitbilder“. Am Anfang stand zunächst die Frage, was unter Familie eigentlich verstanden wird. Dabei zeigten die Antworten insgesamt, dass Familie letztlich da ist, wo Kinder sind, betonte Frau Dr. Gründler. Bei den individuellen Vater- und Mutterleitbildern gebe es interessante Geschlechterdifferenzen. So zeigten sich konkurrierende Mutterleitbilder auf der persönlichen Ebene im Hinblick auf die mütterliche Präsenzkultur zuhause vs. berufliche Unabhängigkeit. Bei den Vaterleitbildern werde deutlich, dass Männer signifikant häufiger väterliche Sorgearbeit wollten. Trotzdem favorisierten sie die väterliche Ernährerrolle stärker als die Frauen. Die Annahme, dass Eltern bei der Erziehung vieles falsch machen können, werde bei den Antworten auf die Frage nach einer verantworteten Elternschaft deutlich – und zwar sowohl auf der persönlichen als auch auf der allgemeinen Ebene. Damit seien die wahrgenommenen Ansprüche an Eltern enorm, resümierte Frau Dr. Gründler. Was den Zusammenhang zwischen Leitbild und dem gelebten Alltag angehe, gebe es hinsichtlich Wunsch und Wirklichkeit nach ersten Ergebnissen zum einen durchaus Übereinstimmungen, etwa beim Zusammenhang zwischen den Arbeitsstunden und den Elternleitbildern, zum andern auch teilweise Widersprüche. Die Unterscheidung zwischen der persönlichen Einstellung und der allgemeinen Meinung zeige, dass vor allem „klassische“ Familienleitbilder wahrgenommen würden, die im Widerspruch zu den persönlichen Ideal-Vorstellungen stünden. Die künftige Forschung werde sich vor allem auch der Frage widmen, wie diese konkurrierenden Leitbilder und der wahrgenommene Druck auf die Eltern die Geburtenentwicklung in Deutschland beeinflussten, so Frau Dr. Gründler.

Deutschland im (Un-)Ruhestand?
Vor dem Hintergrund der demografischen Alterung und einem schrumpfenden Anteil Jüngerer in der Erwerbsbevölkerung untersuchte Frank Micheel die Ursachen und Motivationen älterer Erwerbstätiger im Rentenalter. Da die Rentenpolitik eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit anziele, stelle sich die Frage, wer eigentlich länger arbeitet und welche Gründe hinter dieser Entscheidung stecken sowie in welchem Umfang länger gearbeitet werde. Amtliche Daten weisen darauf hin, dass die Erwerbstätigkeit der Menschen im Ruhestandsalter zwischen 1996 und 2011 deutlich zugenommen habe. Mithilfe von Daten der Studie „TOP – Transitions and Old Age Potentials“ des BiB aus dem Jahr 2013 mit rund 5.000 Teilnehmern im Alter zwischen 55 und 70 Jahren zeigte er, dass fast ein Viertel der befragten Ruheständler eine berufliche Tätigkeit ausführten. Es waren eher Männer als Frauen, die länger arbeiteten. Zudem belegten sie in ihren früheren Berufen eher höhere als mittlere oder niedrigere Position und sie seien in einem gesünderen Zustand. Es seien nicht unbedingt die Ruheständlerinnen und Ruheständler mit geringen Einkommen, die eine Verlängerung ihres Berufslebens anstrebten, analysierte Micheel. Insgesamt konnte eine deutliche Neigung zu einer Weiterbeschäftigung im Ruhestand festgestellt werden. Als Gründe für eine Erwerbstätigkeit im Ruhestand gaben 95 % an, sie hätten Spaß an der Arbeit. Geld verdienen war für 71 % der Motivationsanreiz und ganz am Ende der Rangliste gaben 48 % an, es gehe ihnen vor allem um einen geregelten Tagesablauf. „Geistig fit“ halten wollten sich 90 % und 89 % war es wichtig, soziale Kontakte auch im „Unruhestand“ zu pflegen.

Gibt es ein neues Bild der Migration?
Vor dem Hintergrund eines immer wieder beklagten „Fachkräftemangels“ und damit der einhergehenden Forderung nach stärkerer Einbindung von ausländischen Arbeitskräften in den Arbeitsmarkt stellte Andreas Ette die Frage, wie sich die Arbeitsmarktintegration heutiger Zuwanderer im Vergleich zu früheren Migrantengenerationen entwickelt hat und welche Faktoren diese Veränderung erklären könnten. Auf der Grundlage der Mikrozensus-Daten der Jahre 1996 bis 2010 bestätigte er einerseits ein „neues Bild der Migration“ insofern, als sich die sozio-ökonomische Struktur der Neuzuwanderer nach Deutschland im Laufe der untersuchten Jahre grundlegend gewandelt hat. Es lasse sich eine veränderte Altersstruktur bei den Migranten feststellen und es gebe Verschiebungen zwischen den Herkunftsregionen. Die größte Veränderung betreffe allerdings den Anstieg des formalen Bildungsniveaus der Neuzuwanderer. Gleichzeitig zeigte er, dass sich die Arbeitsmarktintegration von Neuzuwanderern gemessen an der Beteiligung am Arbeitsmarkt während der vergangenen 15 Jahre um mehr als 40 % verbessert hat. Gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt durchgeführten Modellrechnungen zeigten, dass diese positive Entwicklung nicht allein auf die veränderte sozio-ökonomische Struktur zurückzuführen ist. Einen deutlichen Einfluss hatten auch die institutionellen Reformen, wozu im vergangenen Jahrzehnt die stärkere Orientierung an arbeitsmarktbezogener Zuwanderung und die schrittweise Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für Migranten beigetragen haben. Er betonte, dass gerade für Zuwanderer aus Staaten außerhalb der Europäischen Union die Wahrscheinlichkeit erwerbstätig zu sein heute deutlich über dem Niveau der 1990er Jahre liegt, weshalb gerade für diese Gruppe bisherige Bilder der Migration nur noch bedingt auf die heutige Situation übertragbar seien.

Wir sind dann mal weg! Mobilität im Auswärtigen Dienst und die Folgen
Was Auslandsrotation, Dienstreisen oder lange Pendelzeiten für Beschäftigte und ihre Familien bedeuten, zeigte Silvia Ruppenthal in ihrem Beitrag schwerpunktmässig am Beispiel einer Studie des BiB zu „Mobilitätskompetenzen im Auswärtigen Dienst“. Diese widmet sich den Risiken und protektiven Faktoren bei der Bewältigung der Auslandsrotation im Auswärtigen Amt. Ziel sei es, die Chancen und Risiken für Beschäftigte, Partner und Kinder sowie die Faktoren, Kompetenzen und Strategien, die Beschäftigte und deren Angehörige vor negativen Konsequenzen schützen, zu ermitteln. Dabei gehe es vor allem darum, Empfehlungen für die Praxis zu geben, betonte Frau Ruppenthal., Ein großer Teil der ausgesprochenen Empfehlungen sei bereits im Auswärtigen Amt umgesetzt worden, berichtete sie.
Insgesamt sei die subjektive Einschätzung hinsichtlich der Auslandsrotation, bei der der weltweite Einsatzort in der Regel im Abstand von 3 bis 4 Jahren wechsele, positiv: So waren rund drei Viertel der Beschäftigten (79 %) und der Partner (73 %) mit dem Rotationsverfahren zufrieden. Gleichwohl gebe es Risiken für Partnerschaft und Familie. Trotz einer insgesamt hohen Partnerschaftszufriedenheit gaben 26 % der Beschäftigten und 17 % der Partner und Partnerinnen an, in der Partnerschaft Konflikte aufgrund der Rotation auszutragen. Somit könne Rotation zur Belastung für die Partnerschaft werden, analysierte Frau Ruppenthal. Zudem erweisen sich im Rahmen der Auslandsrotation ein hohes generelles Stresserleben oder lange Anfahrtswege als Risikofaktoren, während bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und eigene Mobilitätskompetenzen als protektive Faktoren gelten könnten.
Für alle vom BiB untersuchten Mobilitätsformen stellte Frau Ruppenthal fest, dass das „Wegsein“ geschlechtsspezifische Folgen hat: So werde insbesondere für Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschwert. Insgesamt könne Mobilität auch negative Konsequenzen für Gesundheit und Wohlbefinden haben. Wie gravierend diese für den Einzelnen ausfallen, hänge von vielen Faktoren ab. So habe Mobilität zwar einen unbestreitbaren Nutzen, fordere oft zugleich aber auch ihren Preis.

Wie viele sind wir? Ergebnisse aus dem Zensus 2011
Im letzten Beitrag der Veranstaltung gab Steffen Klink vom Statistischen Bundesamt einen Einblick in die methodischen Grundlagen des Zensus 2011 und präsentierte erste Ergebnisse aus der Erhebung, in deren Verlauf mehrere Befragungen durchgeführt wurden, deren (Haupt-)Zweck es war, Über- und Untererfassungen in den Melderegistern aufzudecken und statistisch zu bereinigen. Dabei wurde für Gemeinden unter 10.000 Einwohnern und für Gemeinden ab 10.000 Einwohnern unterschiedlich verfahren. Der Statistiker stellte zunächst die Effekte der verschiedenen Korrekturmaßnahmen auf die Einwohnerzahlen dar und gab einen Überblick über die durchgeführten Maßnahmen zur Qualitätssicherung der Daten.
Im zweiten Teil seines Vortrags präsentierte er Ergebnisse der im Zensus 2011 festgestellten Einwohnerzahlen. So zeigten die Ergebnisse des Zensus eine im Vergleich zur Bevölkerungsfortschreibung (Stand: 30.04.2011) gesunkene Bevölkerungszahl in Deutschland (ein Rückgang um 1,8 %). Unter den Bundesländern gab es dabei deutliche Unterschiede bei der Differenz der Einwohnerzahlen im Zensus im Vergleich zur Bevölkerungsfortschreibung 2011. So hatte zum Beispiel Berlin einen deutlichen Rückgang der Bevölkerung im Zensus zu verzeichnen, während Rheinland-Pfalz die geringste Differenz im Vergleich aufwies.
Im letzten Teil des Vortrages wurden erste Ergebnisse zu demografischen und regionalen Strukturen von Karteileichen (Übererfassungen in den Melderegistern) und Fehlbeständen (Untererfassungen in den Melderegistern) in der Haushaltebefragung auf Stichprobenbasis vorgestellt. Insbesondere bei der ausländischen Bevölkerung sind hohe Registerfehler festgestellt worden.

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