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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Aktuelle Befunde zum demografischen Wandel

Informations- und Diskussionsveranstaltung des BiB am 05. November 2014 in Berlin

Zum mittlerweile siebten Mal informierte das BiB gut 50 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Behörden und Ministerien in Berlin über aktuelle Forschungsergebnisse aus seinen Projekten. Im Fokus standen dieses Mal vier Themen: die (Erwerbs-)Potenziale Älterer, die Bedeutung von Familienleitbildern in Deutschland, die Erfahrungen und Wege von ungewollt kinderlosen Paaren in der Kinderwunschbehandlung sowie die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Städte und Regionen in Deutschland. Abgerundet wurde das Programm mit einer Präsentation des Demografieportals des Bundes und der Länder.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den Leiter der Abteilung G (Grundsatzfragen; EU- und internationale Angelegenheiten) im Bundesministerium des Innern, MinDir Dr. Jörg Bentmann. Er betonte die Bedeutung des demografischen Wandels als wichtige gesellschaftliche Herausforderung und wies auf die eingeleiteten demografiepolitischen Maßnahmen im Rahmen der Demografiestrategie der Bundesregierung hin.
Der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, kündigte in seiner Begrüßungsansprache die Leitlinien bei der künftigen Ausrichtung der Forschungsarbeit des Instituts an. Dazu zählte er vor allem eine stärkere theoretische Fundierung und mehr Datenanalysen auf der Grundlage von „scientific usefiles“. Darüber hinaus nannte er unter anderem eine Intensivierung europäischer Vergleiche in der Forschungsarbeit sowie erweiterte Forschungen im Lebensverlauf. Hinzu komme eine stärkere internationale Vernetzung. Insgesamt müssten die wissenschaftlichen Erträge des Instituts noch stärker in internationalen Publikationen sichtbar werden, betonte Prof. Schneider.

Produktiv im Alter: Ergebnisse der TOP-Studie des BiB

Im ersten Vortrag beleuchtete Dr. Andreas Mergenthaler Wunsch und Wirklichkeit bei der Erwerbsarbeit im Alter auf der Basis von Ergebnissen der BiB-Studie „Transitions and Old Age Potential“ (TOP). Er stellte zunächst das Forschungsdesign vor und erläuterte die Fragestellungen des Projekts. Die Auswertungen zeigten, dass es unter den 5.002 Befragten im Alter von 55 bis 70 Jahren eine relativ hohe Erwerbsbeteiligung, insbesondere im Ruhestand, gibt. Dabei hätten Männer über alle Altersgruppen hinweg eine höhere Erwerbsbeteiligung als Frauen, betonte Dr. Mergenthaler. Was die Arbeitszeit betreffe, so finde Erwerbsbeteiligung im Ruhestand typischerweise in Teilzeit statt. Bei der Absicht, auch im Ruhestand einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, ließen sich keine Unterschiede nach Geschlecht beobachten. Allerdings seien Erwerbstätigkeit und -absicht im Ruhestand abhängig von den individuellen Ressourcen, wie z.B. dem gesundheitlichen Zustand sowie den betrieblichen Rahmenbedingungen. Im Zeitvergleich der Jahre 2013 und 2014 zeige sich, dass vier von fünf Ruheständlern ihre Erwerbstätigkeit binnen Jahresfrist reduziert hatten, bzw. sie gaben sie ganz auf. Nur eine Minderheit erhöhte ihren wöchentlichen Arbeitsumfang. Die zweite Erhebungswelle der Studie TOP, die für das Jahr 2015 geplant ist, kann Antworten zu den Ursachen der Dynamik der Erwerbsbeteiligung Älterer liefern.

Leitbilder der Elternschaft in Deutschland

Welchen Stellenwert genießen Familie und Kinder in Deutschland? Gibt es Leitbilder, die Einfluss nehmen auf die Familienplanung und Geburtenentwicklung in Deutschland? Diese Fragen untersuchte Kerstin Ruckdeschel auf der Basis der BiB-Studie zu „Familienleitbildern in Deutschland“. Sie stellte zunächst das Leitbild-Konzept vor und betonte, dass es sich dabei sowohl um ein individuelles als auch ein gesellschaftliches Phänomen handle. Die Ergebnisse zeigten, dass für die überwiegende Mehrzahl der Befragten Kinder zum Leben dazu gehörten und einen hohen Stellenwert genießen. Damit stelle sich die Frage, warum trotzdem in Deutschland relativ wenige Kinder geboren würden. Es zeigt sich, dass die eigenen und wahrgenommenen Ansprüche an Eltern so hoch sind, dass dies eine Hemmschwelle zur Familiengründung und -erweiterung darstellen kann. In der Altersgruppe der 20- bis 39-jährigen Deutschen herrscht große Einigkeit bei der Meinung, dass Eltern bei der Erziehung vieles falsch machen können und sich „daher gut informieren müssen“. Dies stellt einerseits einen Anspruch dar, den junge Menschen an sich selbst stellen (84%), den sie aber auch als gesellschaftliche Anforderung an Eltern wahrnehmen (83%). Dagegen gebe es beispielsweise eine deutliche Diskrepanz, zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Leitbildern, was die Berufstätigkeit von Müttern von unter 3-Jährigen angehe: So vertraten 15% der Befragten die persönliche Meinung, dass es für Kinder unter 3 Jahren das Beste ist, wenn sie nur von der Mutter betreut werden. Als gesellschaftliche Meinung hingegen nehmen 57% diesen Anspruch wahr. Somit gab es insbesondere bei der Einstellung zur Fremdbetreuung große Diskrepanzen zwischen der persönlichen und gesellschaftlichen Ebene.
Damit stelle sich aus gesellschaftspolitischer Sicht die Frage, wie man den wahrgenommenen gesellschaftlichen Druck auf die Eltern mindern könne, um Elternschaft attraktiver zu machen. Die detaillierten Ergebnisse der Studie werden Anfang 2015 in einem Band der Reihe „Beiträge zur Bevölkerungswissenschaft“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung veröffentlicht. Zudem sei in 2015 und 2016 eine zweite Erhebungswelle geplant, um Kausalitäten noch besser aufdecken zu können, kündigte sie an.

Immer späterer Wunsch nach Kindern

Immer mehr Paare wünschen sich in einem höheren Lebensalter Kinder. Da die natürliche Fertilität mit dem Alter der Frau und des Mannes abnimmt, gewinnt die medizinisch assistierte Kinderwunschbehandlung an Bedeutung. Aus diesem Grund untersucht das BiB in Kooperation mit der Universitätsmedizin Mainz und der EH Darmstadt im Rahmen einer Längsschnittbefragung im Projekt „Paare in Kinderwunschbehandlung“ (PinK) die Wege von ungewollt kinderlosen Paaren in die Kinderwunschbehandlung sowie deren Erfahrungen. Jasmin Passet-Wittig stellte das Konzept sowie erste Ergebnisse der Studie vor. Die Analysen zeigten, dass es eine Vielfalt an Zielgruppen gibt; insgesamt konnten fünf „Typen“ von Kinderwunschpaaren identifziert werden, die sich in jeweils unterschiedlichen Lebensphasen befinden. So seien nicht nur ältere, sondern auch jüngere Paare betroffen. Letztere weisen einen eher niedrigen sozioökonomischen Status auf. Allen gemeinsam sei ein ausgeprägter Kinderwunsch, der andere Lebensziele wie Ausbildung bzw. Beruf oder Kontakte und Freundschaften dominiere. Die hohen Behandlungskosten stellen indes ein wichtiges Thema für die Betroffenen dar, das manche Paare belastet. Erschwerend komme hier hinzu, dass 19% der in der gesetzlichen Krankenkasse versicherten Frauen die Bedingungen für eine Kostenübernahme durch die Kasse nicht erfüllten, bei den Männern sind es 10%, betonte Frau Passet-Wittig. Für das kommende Jahr steht die Auswertung der Wiederholungsbefragung an. Unter anderem soll erforscht werden, wie die Paare mit Erfolg bzw. Misserfolg im Lauf der Therapie umgehen.

Renaissance der Städte – Zukunft der Dörfer?

Wie sich die demografischen Problemgebiete in Deutschland und Europa hinsichtlich des Bevölkerungsrückgangs und der Alterung entwickeln werden, präsentierte Frank Swiaczny in seinem Beitrag. Er wies darauf hin, dass der natürliche Saldo aus Geburten und Sterbefällen in der Mehrzahl der deutschen Kreise in Folge der dauerhaft niedrigen Fertilität negativ sei. Damit hebe sich Deutschland im europäischen Vergleich deutlich ab. Insgesamt gebe es in Deutschland eine großflächige Konzentration von Regionen mit einem natürlichen Bevölkerungsdefizit und gleichzeitigen Abwanderungsüberschüssen. In diesen Regionen sind bereits heute rückläufige Bevölkerungszahlen die Regel. In der Gesamtschau zeigt sich ein Nebeneinander von Bevölkerungswachstum und Schrumpfung. So erreichten in Ostdeutschland neben Berlin und seinem Umland fast nur die größeren Städte noch ein punktuelles Wachstum. Seit der Wiedervereinigung haben die ostdeutschen Kreise mit wenigen Ausnahmen deutlich an Bevölkerung verloren. In den westdeutschen Kreisen hätten vor allem die strukturschwachen und peripheren Kreise Bevölkerung verloren. Die Prognosen des BBSR zeigten, dass sich der Bevölkerungsrückgang bis zum Jahr 2030 auf weitere westdeutsche Kreise ausdehnen werde, so Swiaczny.
Bei der Alterung ergebe sich jedoch ein etwas anderes Bild. So seien gegenwärtig die regionalen Unterschiede des Verhältnisses von Menschen im Rentenalter zur Bevölkerung im Erwerbsalter (der sog. Altenquotient) noch vergleichsweise gering. Dies werde sich nach den Zahlen des BBSR bis 2030 allerdings ändern und vor allem die Kreise in Ostdeutschland sehr schnell altern. Somit führe der demografische Wandel bis 2030 zu einer Zunahme der räumlichen Disparitäten bei Bevölkerungsentwicklung und Alterung sowohl zwischen den Regionen als auch den Kernstädten und ihrem Umland.
Bei den Binnenwanderungsbewegungen hat sich im Zeitraum zwischen 1995 und 2011 in Deutschland ein grundlegender Wandel vollzogen. So gebe es nun in den Großstädten Bevölkerungszuwächse vor allem durch den Zuzug der 18- bis 30-Jährigen, während in den übrigen suburbanen und ländlichen Raumkategorien die Wanderungsgewinne im weiteren Lebenszyklus stark zurückgehen. Diese Tendenz zeige sich in Ostdeutschland noch stärker. Die künftige Entwicklung sei hier allerdings schwer abzuschätzen. Nach einer Berechnung des BiB müsse aber davon ausgegangen werden, dass Bevölkerungsrückgänge vor allem nach 2030 weiter an Intensität zunehmen und bis 2060 die Mehrzahl der Kreise betreffen werde, wenn die derzeitige Präferenz für die Städte weiter anhalte. Die Ursachen der regionalen Bevölkerungsdynamik, die in den betroffenen Regionen große Herausforderungen darstellen, ließen sich dabei kurz- und mittelfristig kaum durch politische Maßnahmen beeinflussen, betonte Swiaczny.

Das Demografieportal des Bundes und der Länder als Medium zur Information, Diskussion und zum aktivem Handeln

Seit 2012 informiert das im Rahmen der Demografiestrategie der Bundesregierung eingerichtete Demografieportal des Bundes und der Länder umfassend über den demografischen Wandel und den Umgang mit seinen Folgen. Im letzten Beitrag des Tages präsentierte Yvonne Eich Aufbau und Funktionen des Portals. Ziel des Internetangebots sei es, durch die Bereitstellung von demografischen Daten und Fakten zu informieren und zu einem gesellschaftlichen Dialogprozess über demografische Themen anzuregen. Dabei gehe es auch ums Handeln, betonte Frau Eich. So werden aktuelle Praxisbeispiele und Handlungshilfen zum demografischen Wandel vorgestellt und Ansprechpartner auch auf regionaler Ebene genannt. Wichtig sei der Ansatz, dass das Portal die Informationen ebenenübergreifend – also nicht nur auf Bundesebene, sondern auch auf der Ebene der Länder und Kommunen – zusammentrage und beschreibe. Das Portal erfülle somit eine Schnittstellenfunktion und möchte einen Beitrag für eine bessere Vernetzung der unterschiedlichen Akteure der Demografiepolitik leisten. Wie das im konkreten Fall aussieht, zeigte Frau Eich in einer Live-Präsentation, in der am Beispiel der Rubrik „Informieren“ eigene Statistiken und Berichte der Ressorts und am Beispiel der Rubrik „Handeln“ Inhalte der Länder und Kommunen dargestellt wurden. Umfangreiche Verlinkungen zum Portal auf Internetangeboten des Bundes, der Länder, der Kommunen und Verbände wie dem Deutschen Städte- und Gemeindebund zeigen, dass das Angebot ebenenübergreifend wahrgenommen wird. Die Vorteile des Portals lägen vor allem in der Vielfalt und Vernetzung des Angebots bei den unterschiedlichsten Partnern. So könne eine Kommunikation mit den unterschiedlichsten Zielgruppen ermöglicht werden, beispielsweise über den You Tube-Kanal des Demografieportals.


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