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Transitions: Opportunities and Threats

12. Europäische Bevölkerungskonferenz vom 25. bis 28. Juni 2014 in Budapest

Vom 25. bis 28. Juni 2014 fand in Budapest die zwölfte Europäische Bevölkerungskonferenz (European Population Conference) statt. Organisiert und veranstaltet wurde die Konferenz von der „European Association for Population Studies” (EAPS) und dem „Hungarian Demografic Research Institute” (HDRI).

Welche Themen bestimmen derzeit, 25 Jahre nach dem epochalen Wandel der osteuropäischen Gesellschaften, die demografische Forschung? Auch wenn die Transformation der Bevölkerungsprozesse noch längst nicht abgeschlossen ist, war ein Ziel der 12. Europäischen Bevölkerungskonferenz der Versuch einer Bestandsaufnahme – gibt es neue Muster demografischen Verhaltens, wie unterscheiden sich diese von denen anderer Regionen, welche Mechanismen bestimmen die Bevölkerungsentwicklung in Europa.
In über 100 Sessions befassten sich ca. 850 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit aktuellen Forschungsansätzen und -ergebnissen aus dem weiten Feld der Demografie. Dabei richtete sich das Augenmerk vor allem auf das Thema demografischer Übergänge und die damit verbundenen Möglichkeiten und Probleme in Europa. Diesem Thema „Transitions: Opportunities and Threats“ war auch eine spezielle Session der Tagung gewidmet.

Der Präsident der EAPS, Prof. Dr. Francesco C. Billari, betonte in seiner in seiner Begrüßungsrede die kulturelle Vielfalt der europäischen Länder, die sich auch in der demografischen Forschung wiederfinde, was letztlich auch die Themen der Tagung bestätigten.

Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem BiB präsentierten Ergebnisse und Poster aus ihren jeweiligen Forschungsbereichen, ihre Beiträge sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt werden:

Mitarbeiter des BiB am Stand der Zeitschrift CPoS CPoS-StandVon links: A. Ette, K. Schiefer, Prof. Dr. N. Schneider, Dr. A. Mergenthaler, Dr. J. Dorbritz, Dr. H. Rüger, R. Panova Quelle: Dr. Christian Fiedler

Das BiB auf der EPC: Mit insgesamt sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie zahlreichen Vorträgen und Postern präsentierte sich das BiB auf der European Population Conference (EPC) 2014 – hier vor dem Stand des BiB, an dem sich interessierte Besucher über die Publikationen, insbesondere die begutachtete Zeitschrift „Comparative Population Studies (CPoS)“, informieren konnten.



Dr. Heiko Rüger (in Zusammenarbeit mit Gil Viry, University of Edinburgh): Mobilität und die Folgen für die Familie
(Relating migration and commuting histories to fertility histories using multi-channel sequence analysis) [Abstract]

So untersuchte Dr. Heiko Rüger den Einfluss des Mobilitätsverhaltens auf das Familienleben. Auf der Basis der zweiten Welle der Studie „Job Mobilities and Family Lives in Europe“, die sich mit der berufsbedingten räumlichen Mobilität der 25- bis 58-Jährigen in ausgewählten europäischen Ländern befasst, betrachtete er, wie sich Mobilitätshistorien auf die Familienentwicklung auswirken. Im Falle Deutschlands wies er in diesem Zusammenhang klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern nach: Bei den Frauen geht häufiges Pendeln über längere Zeiträume, das bereits früh in der beruflichen Laufbahn begann, mit einer niedrigeren Fertilität und einem zeitlichen Aufschub der Geburt des ersten Kindes einher. Bei den Männern gibt es dagegen eine deutlichere Entkopplung zwischen der Mobilitätshistorie und der Fertilitätsentwicklung. Diese Resultate deuteten auf einen Zielkonflikt in den verglichenen Gesellschaften hin, in denen wachsende Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen von Arbeitnehmern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Geschlechtergleichheit in Frage stellen, betonte Dr. Rüger.

In einem Poster präsentierte er zudem zusammen mit Stine Waibel, Julika Hillmann sowie Prof. Dr. Norbert F. Schneider geschlechterspezifische Effekte von internationaler Mobilität auf die Familiengründung am Beispiel des Auswärtigen Dienstes in Deutschland.


Wie wirkt sich intensive berufliche Mobilität, etwa im Diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amtes, auf die
Familienentwicklung aus? Dieser Frage ging Dr. Heiko Rüger (links) in seinen Präsentationen nach.




Andreas Ette (in Zusammenarbeit mit Barbara Heß, BAMF und Dr. Lenore Sauer): Bleibeabsichten von Neuzuwanderern
(Tackling Germany’s demographic skills shortage: permanent settlement intentions of the recent wave of labour migrants) [Abstract]

Mit der aktuellen Arbeitsmigration in Deutschland und Europa beschäftigte sich Andreas Ette in seinem Vortrag. Im Kontext des demografischen Wandels und eines potenziellen Fachkräftemangels wies er zunächst darauf hin, dass sich die Zuwanderung im Zuge neuer Arbeitsmigrationspolitiken in Deutschland in der letzten Dekade maßgeblich verändert hat. Die Bedeutung der Zuwanderung für den Arbeitsmarkt und die Nachhaltigkeit dieser Maßnahmen hängt dabei weitgehend von den Absichten der Migranten ab, in ihrem neuen Zielland langfristig zu bleiben. Trotz der wachsenden Bedeutung von gut ausgebildeten Arbeitsmigranten gebe es allerdings nur wenige Informationen über die Dynamik dieser neuen Welle der Migration, zumal sich existierende Forschungsansätze mit ihrem Fokus auf die ältere Migrantengeneration auf die neue Lage kaum anwenden ließen, betonte Ette. Auf Grundlage etablierter theoretischer Ansätze untersuchte er die Determinanten der Bleibeabsichten von aktuell nach Deutschland zugewanderten Migranten auf der Basis neuer Daten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vor. Er zeigte, dass sich innerhalb der Gruppe der Neuzuwanderer grundlegend unterschiedliche Mechanismen zur Erklärung ihrer Bleibeabsichten finden. Bei temporär zugewanderten Migranten spielten vor allem ökonomische Überlegungen eine Rolle, während bei Zuwanderern aus geringer entwickelten Staaten sozio-kulturelle und institutionelle Faktoren einen positiven Effekt auf längerfristige Bleibeabsichten haben.

Darüber hinaus präsentierten Lenore Sauer, Andreas Ette, Rabea Mundil-Schwarz (Statistisches Bundesamt) sowie Harun Sulak ein Poster, in dem sie die Arbeitsmarktintegration von Neuzuwanderern in Deutschland darstellten. Im Vergleich der unterschiedlichen Entwicklungen von Migranten aus klassischen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und Drittstaaten untersuchten sie den Einfluss der veränderten institutionellen Rahmenbedingungen für den Erfolg der Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt.

Andreas Ette Andreas EtteAndreas Ette, BiB Quelle: Dr. Christian Fiedler






Ein neues Bild der Migration: Andreas Ette befasste sich in seinem Vortrag und dem Poster mit der veränderten Situation der Migration im Hinblick auf Bleibeabsicht und Arbeitsmarktintegration der Zuwanderer.




Ralina Panova (in Zusammenarbeit mit Isabella Buber-Ennser, Wittgenstein Centre): Einstellungen zu berufstätigen Eltern
(Attitudes towards parental employment) [Abstract]

Die Zahl der berufstätigen Mütter in Europa variiert stark – allerdings gibt es gegenwärtig mehr Mütter mit Kindern, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, als in der Vergangenheit. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit und ob das Modell der arbeitenden Mutter gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist und somit einen Beitrag zur Geschlechtergleichheit liefern könne, wie Ralina Panova in ihrem Vortrag betonte. Sie untersuchte daher in einem mulitvariaten Forschungdesign auf der Basis von Daten des Generations and Gender Survey (GGS) die Einstellungen zur Akzeptanz berufstätiger Eltern und die Folgen für die Kinder in 12 europäischen Ländern und Australien in der Gesellschaft. Die Auswertungen zeigten eine große Varianz hinsichtlich der Einstellungen zur Berufstätigkeit der Eltern von Kindern im Vorschulalter im Ländervergleich. Dabei stehe die Positionierung in den Ländern in engem Zusammenhang mit der Entwicklung des zweiten demografischen Übergangs dort und einem damit verbundenen Wertewandel. Zudem gebe es auch zwischen den Geschlechtern Unterschiede, wie Frau Panova betonte. So äußerten Männer deutlich traditionellere Positionen als Frauen, wobei die Geschlechterunterschiede am deutlichsten in Österreich, Westdeutschland und Norwegen sichtbar waren. Hier stimmten die Männer am häufigsten der Auffassung zu, dass ein Kind leide, wenn die Mutter arbeite. Hingegen waren in Georgien, Bulgarien und Australien wiederum die Frauen deutlich traditioneller eingestellt und in stärkerem Maße als die Männer überzeugt davon, dass die Kinder Schaden trügen, wenn die Mutter arbeite. Auch bei der Frage, ob Kinder leiden, wenn der Vater zu viel arbeite, gab es länderspezifische Unterschiede, so Frau Panova. Demnach stimmten dieser Äußerung vor allem die Männer in Österreich, Norwegen, Belgien und Frankreich zu, während Männer in Bulgarien und Australien hier deutlich weniger Zustimmung äußerten als die Frauen.

Leiden die Kinder, wenn die Mütter arbeiten gehen und die Väter Überstunden machen? Dieser Frage ging Ralina Panova in ihrem Vortrag nach und zeigte dabei, dass es deutliche Unterschiede in den einzelnen Ländern hinsichtlich der Einstellungen zu berufstätigen Müttern gibt.




Dr. Andreas Mergenthaler (in Zusammenarbeit mit Frank Micheel, Jakob Schröber und Volker Cihlar): Erwerbssituation im Ruhestand
(Working after retirement – evidence from Germany) [Abstract]

In der Session „Economics, human capital and labour markets“ stellte Dr. Andreas Mergenthaler ausgewählte Ergebnisse der Studie „Transitions and Old Age Potential” (TOP) des BiB vor. Im Vortrag wurden Befunde zur Erwerbssituation von Studienteilnehmern im Ruhestand präsentiert, d.h. von Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung eine Altersrente oder -pension aus eigener Erwerbstätigkeit bezogen. Drei Gruppen von Ruheständlern können identifiziert werden: 1. Personen, die noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen („Bridge Employment“), 2. Befragte, die sich eine zukünftige Erwerbstätigkeit zumindest vorstellen können und 3. Studienteilnehmer, die sich völlig aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Diese Gruppen unterschieden sich vor allem hinsichtlich individueller und arbeitsbezogener Merkmale, betonte Dr. Mergenthaler. So hätten z.B. „jüngere“ Männer aus Westdeutschland eine höhere Chance, einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand nachzugehen. Die Gesundheit wirke sich positiv auf die Erwerbstätigkeit und die Bereitschaft dazu aus, ebenso wie die Einschätzung, im Ruhestand nicht mit den vorhandenen finanziellen Mitteln auszukommen oder auch die Wahrnehmung von Erwerbsarbeit als sinnvolle Tätigkeit. Hinsichtlich der arbeitsbezogenen Merkmale spiele vor allem die Möglichkeit, beim Arbeitgeber auch nach dem Eintritt in den Ruhestand weiterarbeiten zu können, eine wesentliche Rolle sowohl für die Bereitschaft als auch die Ausübung von „Bridge Employment“. Um eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit in diesen Altersgruppen zu realisieren und bislang noch ungenutzte Potenziale älterer Menschen am Arbeitsmarkt auszuschöpfen, seien daher Strategien nötig, die sowohl auf der Nachfrageseite (Individuum) als auch auf der Angebotsseite (Arbeitgeber, Unternehmen) des Arbeitsmarktes ansetzten.

Dr. Andreas Mergenthaler Dr. Andreas MergenthalerDr. Andreas Mergenthaler, BiB Quelle: Dr. Christian Fiedler




Arbeiten im Unruhestand: Dr. Andreas Mergenthaler präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse der Studie „Transitions and Old Age Potential” (TOP) des BiB, die unter anderem untersucht, in welchem Ausmaß sich die Gruppe der „jungen Alten“ zwischen 55 und 70 Jahren aktiv im Erwerbsleben, der Zivilgesellschaft und in generationenübergreifenden Beziehungen innerhalb der Familie beteiligt.



Katrin Schiefer (in Zusammenarbeit mit Robert Naderi): Familienbildungsprozesse in Ost- und Westdeutschland: Welche Rolle spielen regionalspezifische Werte? (Poster)

Auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sind nach wie vor deutliche Unterschiede in der demografischen Entwicklung in Ost- und Westdeutschland erkennbar. So ist beispielweise Kinderlosigkeit vor allem ein Phänomen in Westdeutschland, während in Ostdeutschland die Ein-Kind-Familie im Trend liegt. Zudem ist das nichteheliche Zusammenleben im Osten Deutschlands stärker verbreitet als im Westen. Warum es diese Unterschiede insbesondere im Prozess der Familiengründung und Institutionalisierung der Beziehung (voreheliche und eheliche Geburten) gibt, war das Thema des Posters von Katrin Schiefer und Robert Naderi auf der Grundlage des Projekts zu Familienleitbildern in Deutschland. Sie nehmen an, dass die Existenz unterschiedlicher Verhaltensmuster in Ost- und Westdeutschland darin begründet ist, dass sich in beiden Teilen unterschiedliche familienbezogene Leitbilder etabliert haben, die sich auf das Verhalten der Menschen auswirken.

Prof. Dr. Norbert F. Schneider: Nächste EPC-Konferenz 2016 in Mainz vom 31. August bis 03. September 2016

Bei der gleichzeitig stattfindenden Mitgliederkonferenz der European Association for Population Studies gab der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, einen ersten Ausblick auf die für 2016 geplante European Population Conference, die dann in Mainz an der Johannes-Gutenberg-Universität vom 31. August bis zum 03. September 2016 stattfinden wird. Organisiert wird die Veranstaltung durch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Abschlussveranstaltung im ungarischen Parlament

Auf der Abschlussveranstaltung im ungarischen Parlament betonte der amtierende Parlamentspräsident, László Kövér, dass die Politik die wissenschaftlichen Ergebnisse sehr wohl ernst nehme. Die Politik habe bei ihren Entscheidungen immer ein Auge auf die demografische Forschung. Die Nähe zwischen Politik und Wissenschaft finde auch darin ihren Ausdruck, dass die Abschlussveranstaltung der Konferenz im Parlamentsgebäude stattfinde. Professor Billari zeigte sich erfreut, dass die Politik die Relevanz demografischer Forschung erkenne und die Ergebnisse in der politischen Diskussion beachte. Darüber hinaus lobte er die hohe wissenschaftliche Qualität der Konferenzbeiträge und die breite thematische Aufstellung, die zeige, welche Bedeutung die demografische Entwicklung mittlerweile für die Länder Europas habe.

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