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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Gender, Policies and Population

11. Europäische Bevölkerungskonferenz vom 13. bis 16. Juni 2012 in Stockholm

Bei der diesjährigen European Population Conference (EPC) der European Association for Population Studies (EAPS) in Kooperation mit der Stockholm University Demography Unit (SUDA) vom 13. bis 16. Juni 2012 in Stockholm stand neben der Präsentation aktueller Forschungsergebnisse und -stände vor allem das Schwerpunktthema „Geschlecht, Politik und Bevölkerung“ im Mittelpunkt. An der internationalen Konferenz mit gut 900 Teilnehmern waren auch Wissenschaftler des BiB mit der Präsentation eigener Forschungsergebnisse in Vorträgen bzw. Poster-Sessions aus ihrem Forschungsbereich beteiligt, die hier in kurzer Form vorgestellt werden sollen.

Tineke Fokkema, Robert Naderi: Warum haben ältere türkische Migranten ein höheres Risiko, sich einsam zu fühlen?

Mit der Frage, ob und warum ältere türkische Migranten in Deutschland, die eine wachsende Bevölkerungsgruppe darstellen, ein höheres Risiko haben, sich einsam zu fühlen, als ältere Personen ohne Migrationshintergrund, beschäftigten sich Tineke Fokkema und Robert Naderi in ihrem Vortrag. Hierfür untersuchten sie die Gründe für Einsamkeit im Alter zwischen 50 und 79 Jahren auf der Basis der Daten des Generations and Gender Survey (GGS) der ersten Welle. Es zeigt sich, dass ältere türkische Staatbürger tatsächlich ein höheres Risiko aufweisen, sich einsam zu fühlen. Als besondere Risikofaktoren stellten sich ein schlechter selbsteingeschätzter Gesundheitszustand, niedrige Bildung und die ökonomische Situation heraus. Vor Einsamkeit hingegen schützen eine zufriedenstellende Partnerschaft und der Kontakt zu den eigenen Kindern. Von den Befragten positiv bewertete Eltern-Kind-Beziehungen auf Distanz kompensieren die Koresidenz eigener Kinder. Betrachtet man die Risikofaktoren, so kann gesagt werden, dass mit der schlechteren Gesamtsituation türkischer Befragter niedrigere Partizipationsmöglichkeiten einhergehen und daher ein stärkeres Gefühl von Einsamkeit im Alter im Vergleich zu Deutschen ohne Migrationshintergrund festzustellen ist.

Robert Naderi, Jürgen Dorbritz: Die Entwicklung nichtehelicher Partnerschaften im Vergleich zwischen in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürgern und Deutscher ohne Migrationshintergrund innerhalb von drei Jahren

Welche Faktoren beeinflussen die Dauerhaftigkeit einer nichtehelichen Partnerschaft und welche Umstände bewirken, dass eine Ehe eingegangen oder die Beziehung beendet wird? Ist die nichteheliche Partnerschaft mehr oder weniger eine „Vorübung“ für die Ehe oder eine echte Alternative? Gibt es hier Unterschiede zwischen türkischen Migranten und Deutschen ohne Migrationshintergrund? Diese Fragen untersuchten Robert Naderi und Jürgen Dorbritz auf der Basis der Daten zweier Wellen des Generations and Gender Survey (GGS), die in einem Abstand von drei Jahren erhoben wurden. Hierzu wurden alle Befragten, die in der ersten Welle eine nichteheliche Paarbeziehung geführt haben, dahingehend untersucht, wie sich die Situation mit diesem Partner in der zweiten Welle entwickelt hat. Ihre Hypothesen folgten dabei der Vorstellung, dass die Werte und Meinungen zur Eheschließung, welche selbst durch kulturelle Faktoren beeinflusst sind, eine entscheidende Rolle für die Pfade in Richtung Dauerhaftigkeit, Eheschließung oder Trennung spielen. So zeigte sich, dass die türkischen Befragten stärker positive Einstellungen zur Ehe haben und im Vergleich zu den deutschen Befragten ohne Migrationshintergrund eine niedrigere Akzeptanz gegenüber nichtehelichen Partnerschaften aufweisen. In den Ergebnissen zeigt sich folglich zum einen, dass generell nichteheliche Paarbeziehungen bei türkischen Staatsbürgern kaum vorkommen, selten innerhalb eines gemeinsamen Haushalts praktiziert werden und schon gar nicht dauerhaft bestehen bleiben. Auffallend ist, dass nichteheliche Paarbeziehungen bei Türken häufiger in eine Trennung mündeten als bei Deutschen ohne Migrationshintergrund. Wesentlicher Faktor für den Übergang zur Ehe ist bei beiden Untersuchungsgruppen die Geburt eines Kindes. Generell zeigt sich, dass Änderungen in den Einstellungen und der Familiensituation eine Veränderung der Lebensform mit sich bringen, Veränderungen in Beruf und der ökonomischen Situation hingegen aber keinen Einfluss haben.

Can Aybek, Gaby Strassburger (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) sowie İlknur Yüksel und İsmet Koç (beide Hacettepe Universität, Ankara): Heiratsmigration aus der Türkei nach Deutschland

Tiefgehende Analysen zu den Charakteristika der Paarbeziehungen bei transnationalen Paaren sowie den Prozessen der Heiratsmigration sind das Ziel des Projekts „Marriage Migration from Turkey to Germany – A Qualitative Longitudinal and Dyadic Perspective“ von Can Aybek, Gaby Strassburger, İlknur Yüksel und İsmet Koç, dessen zentrale Resultate die Wissenschaftler auf der Konferenz vorstellten. Sie befragten dazu Paare in transnationalen Beziehungen (Männer und Frauen), die im Zeitraum des ersten Interviews in der Türkei bzw. in Deutschland lebten, zu Themen auf welchem Weg sich die Paare kennengelernt haben oder welche Faktoren ihre (transnationale) Partnerwahl beeinflussten. Dabei erlauben die Daten des Projekts einen Blick auf unterschiedliche Aspekte der Partnerschaft. Für ihren Beitrag zur Konferenz konzentrierten sich die Soziologen auf die Phase, in der die/der in der Türkei lebende Partner/in noch nicht nach Deutschland gezogen war. Die untersuchten Faktoren, wie unter anderem die Kommunikation zwischen den Partnern bzw. ihre Erwartungen an den Anderen und die Art der Beziehungserfahrungen vor der Hochzeit erlaubten es, ein besseres Verständnis über die Paarformierungs- und Partnerwahlprozesse im transnationalen Kontext zu entwickeln, betonten die Wissenschaftler.

Thomas Skora, Gil Viry und Heiko Rüger: Berufsbedingte räumliche Mobilitätsverläufe und ihre Beziehung zur Sozialstruktur am Beispiel Deutschland

Der technologische Fortschritt und die Intensivierung internationaler Wirtschaftsbeziehungen haben einen Wandlungsprozess in Gang gebracht, der die Menschen in zunehmendem Maße mit Flexibilitäts- und Mobilitätserfordernissen konfrontiert. Während Zeitdiagnosen betonen, dass eine Bereitschaft zu Mobilität zunehmend notwendig ist, um die eigene Integration in den Arbeitsmarkt zu sichern, verweisen mehrere empirische Forschungsarbeiten auf einen positiven Zusammenhang zwischen Mobilitätserfahrungen und beruflichem Erfolg (z. B. in Form eines höheren Einkommens). Diese Arbeiten blieben jedoch vornehmlich auf eine Analyse von Umzügen beschränkt.
Vor diesem Hintergrund analysierten Thomas Skora (BiB), Gil Viry (Universität Lancaster) und Heiko Rüger (BiB) den Zusammenhang zwischen bisherigen Mobilitätserfahrungen im Lebensverlauf und gegenwärtigen sozioökonomischen und soziodemografischen Merkmalen auf Basis der 2010 in Deutschland erhobenen zweiten Welle der Studie Job Mobilities and Family Lives in Europe. Mit den Methoden der Sequenzmusteranalyse extrahierten die Wissenschaftler aus Informationen zu vergangenen Berufs- und Mobilitätsepisoden typische Berufs- und Mobilitätsverläufe, wobei neben Umzügen auch zirkuläre Formen beruflicher Mobilität, wie tägliches Fernpendeln oder häufiges Übernachten fern von Zuhause im Zuge der Typenbildung Berücksichtigung fanden.
Die Befunde der anschließenden Zusammenhangsanalyse ergänzen die Erkenntnisse aus bisherigen Forschungsarbeiten: Personen, die in Vergangenheit über ausgedehnte Zeitepisoden zirkulär mobil waren, sind überdurchschnittlich häufig in den höheren Einkommensgruppen zu finden. Die Resultate zeigten darüber hinaus, dass Personen, deren Berufsverlauf durch eine häufige berufsbedingte Abwesenheit von zuhause geprägt war, zum Befragungszeitpunkt eher Führungspositionen einnahmen. Für langjährige Fernpendler ließ sich ein derartiger Zusammenhang hingegen nicht feststellen.

Katharina S. Becker: Was wissen Sie? Was wissen wir? Widersprüche in den Äußerungen von Partnern zur praktizierten Verhütungsmethode des Paares

Studien, die die Verhütungsmethoden in Beziehungen untersuchen, basierten meist auf den Informationen nur eines Partners, nämlich der weiblichen Seite. Nur wenige Untersuchungen konnten sich auf Informationen beider Partner stützen, wie Katharina S. Becker in ihrem Vortrag einleitend betonte. Um dieses Forschungsdefizit zu beheben, berücksichtigte sie die Äußerungen beider Partner zur gewählten Verhütungsmethode und konstatierte widersprüchliche Äußerungen beider Partner zur gewählten Form der Geburtenkontrolle in jedem vierten Paar. Erste Resultate ihrer Untersuchung auf der Basis des Pairfam-Surveys zeigten deutlich differierende Aussagen bei der Frage, ob in der Beziehung überhaupt verhütet wird (ja oder nein), und wie konsequent Verhütung praktiziert wird. Vor diesem Hintergrund betrachtete Frau Becker die Ursachen für die divergierenden und konvergierenden Aussagen der Partner. Erste Ergebnisse der Analyse zeigten, dass eine Übereinstimmung der Aussagen dann wahrscheinlicher ist, wenn das Paar zusammenlebt, wenn die Partner Kindern einen ähnlichen Stellenwert beimessen oder wenn bereits gemeinsame Kinder vorhanden sind. Insgesamt überrasche es, dass Faktoren wie Altershomogenität, ein ähnlicher sozioökonomischer Status oder die Partnerschaftsdauer keine signifikanten Effekte zeigten.

Frank Micheel, Ines Wickenheiser: Der Einfluss sozioöokonomischer Charakteristika auf die Bereitschaft zur Weiterbeschäftigung im Rentenalter

Lassen sich auf der Grundlage von Informationen über den sozioökonomischen Status – gemessen an der beruflichen Stellung und dem verfügbaren Haushaltseinkommen – zuverlässige Aussagen, über die Bereitschaft im Ruhestandsalter weiter zu arbeiten, treffen? Frank Micheel und Ines Wickenheiser zeigten anhand der Daten ihrer Studie Weiterbeschäftigung im Rentenalter, dass der sozioökonomische Status einen statistisch bedeutsamen Beitrag zur Erklärung der Weiterbeschäftigungsbereitschaft leisten kann. Beschäftigte in einer höheren beruflichen Stellung waren – im Vergleich zu Arbeitnehmern in einer unteren bzw. mittleren beruflichen Position – signifikant stärker bereit, länger im Erwerbsleben zu bleiben, wobei dieser Zusammenhang allerdings geschlechtsspezifisch zu sein scheint. Insbesondere für die Frauen könne die berufliche Stellung als ein Motivationsfaktor für eine Weiterbeschäftigung gesehen werden, erläuterte Micheel. Der zweite untersuchte Indikator, das Einkommen, erwies sich in der Analyse hingegen als ein bedeutender negativer Einflussfaktor. Hier zeigte sich, dass die Bereitschaft zur Weiterbeschäftigung im Rentenalter umso größer war, je niedriger das monatliche Nettohaushaltseinkommen der Beschäftigten war. Dieser Befund deute, so Micheel, auf einen ökonomischen Anreiz der Weiterbeschäftigung im Renten- und Ruhestandsalter hin, wobei auch hier der Zusammenhang geschlechtsspezifisch unterschiedlich zu sein scheine.

Lenore Sauer, Kerstin Ruckdeschel, Robert Naderi: Zum Problem der Reliabilität eines retrospektiven Forschungsansatzes im deutschen „Generations and Gender Survey

Im Mittelpunkt ihres Vortrags standen methodische Probleme des Generations and Gender Survey (GGS). Dieser Survey bietet unter anderem Informationen zum Lebensverlauf der Befragten, die methodisch unterschiedlich erhoben wurden. Zum einen wurde ein prospektiver Ansatz mit einem Panel-Design gewählt, zum anderen wurde mit retrospektiven Fragen, deren Qualität im Falle der deutschen Daten allerdings teilweise als problematisch bezeichnet werden muss, gearbeitet. Insbesondere wird durch die vorliegenden Daten die Kinderlosigkeit bei den älteren Kohorten über- und in den mittleren Kohorten unterschätzt. Zudem war der Anteil jemals verheirateter Frauen in den älteren Kohorten zu niedrig. Als Ursache für diese Probleme wurde eine Kombination aus Stichprobenziehung auf Basis eines Random Route Verfahrens sowie Fehlkodierungen in Folge eines zu komplexen Fragebogens und in Folge von Interviewereffekten ausgemacht. Letztere nahmen besondere Bedeutung im Rahmen des Vortrages ein. Abschließend wurden mögliche Lösungsansätze für den Umgang mit den Daten diskutiert.
Im Rahmen der EPC fand zudem die neunte Sitzung des „Network of National Focal Points“ des „Generations and Gender Programme“ statt, an dem für das BiB Herr Robert Naderi teilgenommen hat. Hier wurde der Stand der Dinge in den einzelnen am GGS teilnehmenden Ländern präsentiert (u. a. Verwirklichung der Befragungen der 2. und 3. Welle) und über die zukünftige Entwicklung des Programms gesprochen.

Andreas Mergenthaler: Soziale Determinanten für gesundheitliche Resilienz (Widerstandsfähigkeit) bei Älteren

Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken folgen auch bei Senioren einem sozialen Gefälle: Je höher der während der aktiven Erwerbsphase erworbene sozioökonomische Status, desto besser der Gesundheitszustand im Rentenalter. Ältere Menschen aus benachteiligten Statusgruppen tragen somit die vergleichsweise höchsten Krankheits- und Sterblichkeitsrisiken. Wenig beachtet wurden bislang gesundheitliche Unterschiede innerhalb dieser Statusgruppen. Von besonderem Interesse sind Senioren, die trotz sozioökonomischer Risiken eine überdurchschnittlich hohe Gesundheit im Altersverlauf aufrechterhalten, da sie sich durch eine gesundheitliche Anpassungsfähigkeit bzw. Resilienz gegenüber solchen Gesundheitsrisiken auszeichnen. Genauere Kenntnisse über diese Prozesse sind für die Theorieentwicklung sowie für die Ableitung von Ansatzpunkten gesundheitlicher Interventionsprogramme mit dem Ziel der Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheiten bedeutsam. Dies gilt vor allem dann, wenn sich sozialstrukturell verankerte, gesundheitliche Schutzfaktoren bestimmen ließen, durch welche sich diese „abweichenden“ Fälle von gesundheitlich vulnerablen Alten der gleichen Sozialschicht unterscheiden.
Vor dem Hintergrund des Konzepts gesundheitlicher Resilienz präsentierte Andreas Mergenthaler empirische Ergebnisse zu gesundheitlicher Ungleichheit und Anpassungsfähigkeit älterer Menschen (65 Jahre und älter) auf der Grundlage des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP). Die physische gesundheitliche Lebensqualität der Männer folgt einem ausgeprägten Schichtgefälle. Bei den Frauen sind gesundheitliche Ungleichheiten schwächer ausgeprägt und zeigen sich nur hinsichtlich des mentalen gesundheitlichen Wohlbefindens. Ein Schwerpunkt der Ausführungen lag auf den Ergebnissen zu gesundheitlichen Schutzfaktoren, wie z. B. gesundheitsbezogenen Lebensstilen oder sozialem Kapital. Die Vermeidung einer lebensstilbedingten Kumulation gesundheitlicher Risikoverhaltensweisen und Einstellungen erhöht bei Männern und Frauen die Chance gesundheitlicher Anpassungsfähigkeit. Auch die Zufriedenheit mit der materiellen Wohlfahrt wirkt sich günstig auf die Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Resilienz bei den Männern aus. Hinsichtlich der mentalen gesundheitlichen Lebensqualität älterer Frauen kommen – neben „gesundheitsbewussten“ Lebensstilen – die Größe des Freundes- und Verwandtschaftsnetzwerkes sowie die Zufriedenheit mit Aspekten der materiellen Lage als gesundheitliche Schutzfaktoren in Betracht.

Bernhard Gückel, unter Mitarbeit von Katharina Becker, Thomas Skora, Robert Naderi, Andreas Mergenthaler, Frank Micheel, Lenore Sauer, Can Aybek, Heiko Rüger


Das Foto zeigt eine Mitarbeiterin des BiB am CPoS-Informationsstand und ein Konferenzteilnehmer bei der European Population Conference vom 13.-16. Juni in StockholmMit Informationsflyern und gedruckten Artikeln der Zeitschrift gewährte Redakteurin Katrin Schiefer interessierten Wissenschaftlern einen Einblick in die Online-Zeitschrift des BiB. Quelle: Foto: Katharina S. Becker, Text: Bernhard Gückel

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