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Demografiestrategie – Work in Progress?

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) vom 12. bis 14. März 2014 in Berlin

Unter dem Motto „Demografiestrategie – Work in Progress?“ veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für Demographie ihre Jahrestagung vom 12. bis 14. März 2014 in Berlin mit gut 170 Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Dabei bildete die von der Bundesregierung entwickelte Demografiestrategie den thematischen Hintergrund, vor dem zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, unter anderem auch aus dem BiB, aktuelle Forschungsergebnisse aus unterschiedlichen Bereichen der demografischen Forschung vorstellten und diskutierten. Während der Tagung wurde in feierlichem Rahmen im Allianz-Forum in Berlin auch der „Allianz-Nachwuchspreis für Demografie“ der DGD an fünf junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verliehen.

Prof. Dr. Tilman Mayer zur Frage der Wirksamkeit von Demografiepolitik

In seiner Eröffnungsrede begrüßte der Präsident der DGD, Prof. Dr. Tilman Mayer, die von der Bundesregierung eingeleitete Demografiestrategie, wies zugleich aber darauf hin, dass es der kritischen Prüfung bedürfe, was Anspruch und Wirklichkeit der demografiepolitischen Maßnahmen angehe. Er stellte die Frage, in welchen Feldern Demografiepolitik überhaupt Einfluss nehmen könne. Dazu zähle für ihn das Feld der Migration, da hier Akzente gesetzt werden könnten und Spielräume durchaus vorhanden seien. Auch bei dem Thema der Alterung gebe es eine demografische Chance, wenngleich hier die Politik nur begleitend tätig sein könne, indem zum Beispiel das medizinische Versorgungssystem erhalten oder gesundheitspolitische Akzente gesetzt würden. Bei der Fertilität sei man sich einig, dass ein direkter Eingriff in das generative Verhalten nicht akzeptabel sei. Man könne hier zwar viel tun, aber die Wirkung auf die Fertilität hänge von vielen Umständen ab, so Prof. Mayer.

Prof. Dr. Tilman Mayer Prof. Dr. Tilman MayerProf. Dr. Tilman Mayer, Präsident der DGD Quelle: Dr. Jürgen Dorbritz

Letztlich gehe es vor allem darum, zwei dilemmatische Konflikte stärker zu thematisieren, nämlich die Frage, ob der Erhalt der Produktivität einer Gesellschaft (also die Ökonomie) oder der Erhalt einer Bevölkerung (die Demografie) wichtiger sei. Beide Optionen stießen nämlich in modernen Gesellschaften aufeinander und führten zu Entscheidungszwängen in der sogenannten Rushhour des Lebens.
Insgesamt sollte daher davon gesprochen werden, dass es neben der Energiewende auch eine Demografiewende brauche mit dem Ziel, die Fertilitätsschwäche in Deutschland zu überwinden und ein ausgeglicheneres Verhältnis von Zuwanderung und Geburten zu erreichen. Dazu müsste eine Demografiepolitik gestärkt und der Generationenvertrag neu durchdacht werden, resümierte Prof. Mayer.

Dr. Günter Krings: Weiterentwicklung der Demografiestrategie bleibt wichtiges Ziel

In seinem Grußwort zur Jahrestagung meinte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Dr. Günter Krings, dazu, dass die Schwerpunktthemen der Demografiestrategie weiterentwickelt und der Arbeitsgruppenprozess fortgesetzt werde.

Ziel sei es, vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, die Voraussetzungen für eine gute Versorgung und gleichwertige Entwicklung in Stadt und Land zu verbessern.
Er wies zugleich darauf hin, dass bereits ein Verfahren namens Demografiecheck eingerichtet wurde, das Gesetzesvorhaben und Richtlinien auf ihre Bedeutung für künftige Generationen hin prüfe. Zudem komme der Wissenschaft im Rahmen der Demografiestrategie besondere Bedeutung zu, wie die hervorragende Arbeit des 1973 gegründeten Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung belege.

BiB-Forscher dem demografischen Wandel auf der Spur

Wie vielfältig und thematisch ausdifferenziert sich die demografische Forschung mittlerweile entwickelt hat, zeigten die zahlreichen Vorträge zu den einzelnen Themenschwerpunkten, zu denen auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des BiB beitrugen, deren Arbeiten hier kurz vorgestellt werden:

So beschäftigten sich Dr. Lenore Sauer, Andreas Ette und Barbara Heß mit der Frage: Bleiben Arbeitsmigranten in Deutschland?

Sie konstatierten zunächst, dass bisher nur sehr wenig Informationen über die Dynamik der aktuellen Phase der Zuwanderung vorlägen. Zudem seien vorhandene Forschungsergebnisse früherer Migrantengenerationen auf die heutige Situation nicht übertragbar.

Andreas Ette Andreas EtteAndreas Ette, BiB Quelle: Dr. Jürgen Dorbritz

Daher präsentierten sie auf der Grundlage eines neuen Datensatzes des BAMF erstmals einen Einblick in die Bleibeabsichten heutiger Arbeitsmigranten in Deutschland mit dem Ziel, die wichtigsten theoretischen Erklärungsansätze hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf heutige Migrationsprozesse zu testen. Sie zeigten dabei, dass sich innerhalb der Gruppe der Neuzuwanderer im Vergleich zu früheren Zuwanderern grundlegend unterschiedliche Mechanismen bei der Erklärung ihrer Bleibeabsichten fanden. So spielten bei den temporär zugewanderten Migranten vor allen wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle, während bei Zuwanderern aus geringer entwickelten Staaten sozio-kulturelle und institutionelle Faktoren einen positiven Effekt auf längerfristige Bleibeabsichten haben.

Michael Mühlichen untersuchte die Gründe der Mortalitätsunterschiede im deutschen Ostseeraum.

In der Session Alterung und Produktivität beschäftigte sich Michael Mühlichen vom BiB mit regionalen Sterblichkeitsunterschieden im deutschen Ostseeraum. Vor dem Hintergrund ungleicher regionaler Mortalitätsverhältnisse in Deutschland suchte er am Beispiel des nordöstlichsten Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern mit einer vergleichsweise geringen Lebenserwartung nach Ursachen für die Unterschiede bei der Sterblichkeit - auch im direkten Vergleich mit dem Nachbarland Schleswig-Holstein.

Dabei zeigte er, dass die Sterberaten in Mecklenburg-Vorpommern seit der Wiedervereinigung stark zurückgegangen sind. Inzwischen seien die Sterberaten in den kreisfreien Städten Mecklenburg-Vorpommerns bei Männern auf dem gleichen Niveau wie in den kreisfreien Städten Schleswig-Holsteins, bei den Frauen sogar geringer. In den Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns sei die Sterblichkeit im Vergleich jedoch immer noch deutlich höher. Da die Sterblichkeitsunterschiede vor allem im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu beobachten seien, sei neben sozioökonomischen Faktoren insbesondere die schlechter ausgebaute medizinische Infrastruktur in den ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns eine bedeutende Ursache für die Stadt-Land-Unterschiede.

Dr. Andreas Mergenthaler, Dr. Volker Cihlar, Frank Micheel, und Jakob Schröber zu den Potenzialen von Älteren im Erwerbsleben.

Immer mehr Ältere verlängern ihre Erwerbstätigkeit in den Ruhestand und engagieren sich in Ehrenämtern oder der Familie. In diesem Zusammenhang stellten Dr. A. Mergenthaler, Dr. V. Cihlar, F. Micheel und J. Schröber Ergebnisse eines aktuellen Surveys des BiB zu den Potenzialen von 55- bis 70-Jährigen für produktive Tätigkeiten vor und gingen dabei vor allem auf die Voraussetzungen und Einflüsse ein.

Dr. Andreas Mergenthaler Dr. Andreas MergenthalerDr. Andreas Mergenthaler, BiB Quelle: Dr. Jürgen Dorbritz

Die Ergebnisse zeigten, so Dr. Mergenthaler, dass für eine Erwerbsneigung im Ruhestand in erster Linie Faktoren wie der Gesundheitszustand, die Bewertung der finanziellen Lage, die Kontrollüberzeugungen und die Erwerbsbiografie von großer Bedeutung seien. Neben diesen „positiven“ Potenzialen werde aber auch deutlich, dass die Erwerbsneigung im Alter durch eine prekäre Situation am Arbeitsmarkt oder subjektive Mängel der materiellen Wohlfahrt beeinflusst werde. Diesen „negativen“ Potenzialen könnte durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen entgegengewirkt werden, resümierte er.

Lob und Ansporn für den wissenschaftlichen Nachwuchs: Allianz und DGD würdigen junge Forscher

Neben vielen aufschlussreichen und anspruchsvollen Vorträgen wurde die Tagung auch in diesem Jahr als Ansporn und Plattform genutzt, um gemeinsam mit der Allianz SE junge Nachwuchsforscher für ihre innovativen demografischen Forschungsarbeiten auszuzeichnen. So empfingen im Allianz-Forum fünf junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen den Allianz- Nachwuchspreis für Demografie und zugleich ermutigende Worte vom Demografie-Experten der Allianz, Prof. Dr. Volker Deville. Die vorbehaltlose Forschung von Nachwuchswissenschaftlern zähle bei der Gestaltung des vielzitierten demografischen Wandels, betonte er.
Prämiert wurden zwei Doktorarbeiten und zwei Masterarbeiten. So erhielt Dr. Wiebke Rösler von der Humboldt-Universität zu Berlin einen Hauptpreis in der Kategorie Doktorarbeit für ihre Arbeit zu „Strukturwandel und Fertilität”. Wie die höhere Berufsausbildung der Frau die Geburtenrate beeinflusst. Quantitative Analysen für Deutschland im Zeitverlauf des „zweiten demografischen Übergangs”, in der sie den Ursachen für die besonders niedrige deutsche Geburtenrate nachgeht.

Stephanie Zylla von der Universität Rostock wurde für ihre Masterarbeit mit dem Titel „Der Prozess der Verrentung von ausländischen und einheimischen Bürgern in Deutschland - Eine vergleichende Analyse unter Verwendung der Forschungsdaten der gesetzlichen Rentenversicherung” ausgezeichnet. Das Ziel ihrer Arbeit bestand darin, die Einflussfaktoren der Ruhestandsentscheidung von Ausländern und Deutschen vergleichend zu betrachten, wobei die Frage im Mittelpunkt stand, wie sich die Verrentungsprozesse von Ausländern und Deutschen voneinander unterscheiden.
Diane Regnier und Marc Battenfeld (beide Universität Siegen) erhielten den Sonderpreis für anwendungsorientierte Demografie für ihre Arbeit: „Von Chancen und Risiken: Die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die soziale Infrastruktur im ländlichen Raum am Beispiel der Verbandsgemeinde Maifeld”. Hierin untersuchen sie die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Einrichtungen der sozialen Infrastruktur der Verbandsgemeinde Maifeld in einer Zeitperspektive bis zum Jahr 2030.
Ausgezeichnet wurde auch die Doktorarbeit von Dr. Philipp Deschermeier (Universität Mannheim), der sich mit dem Thema „Die Entwicklung der Bevölkerung und der Erwerbspersonen in der Metropolregion Rhein-Neckar” befasste. Ziel seiner Arbeit ist die Formulierung sowie Anwendung neuer und die Weiterentwicklung bestehender Ansätze zur empirischen Regionalforschung am Beispiel der Metropolregion Rhein-Neckar vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.
Entscheidende Faktoren für die Bewertung der Arbeiten waren zum einen die fachliche Qualität und zum anderen die gesellschaftliche Relevanz der Themen.

Der Demografische Wandel ist keine Bedrohung

Podiumsdiskussion PodiumsdiskussionAn der Podiumsdiskussion nahmen teil (von links nach rechts): Dr. Steffen Maretzke, Prof. Dr. Clemens Tesch-Römer, Prof.em. Dr. Josef Schmid, Prof. Dr. Martin Werding Quelle: Dr. Jürgen Dorbritz

Beendet wurde die Jahrestagung mit einer Podiumsdiskussion und der Frage „Demografiestrategie am Ende?”. Unter der Leitung von Prof. em. Dr. Josef Schmid diskutierten Dr. Steffen Maretzke (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), Bonn), Prof. Dr. Clemens Tesch-Römer (Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin) sowie Prof. Dr. Martin Werding (Ruhr-Universität Bochum) grundsätzliche Fragen zur demografischen Entwicklung. Eines werde hierbei vor allem deutlich, hob Prof. Tesch-Römer hervor, dass der demografische Wandel keine Bedrohung sei, vor dem man sich fürchten müsse. Es gebe auch keine so oft beschworene Trennlinie zwischen den Generationen Alt und Jung, diese verlaufe vielmehr innerhalb der Generationen, betonte er.

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