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„Deutschland, deine Kinder…“

Informationsveranstaltung des BiB zur Geburtenentwicklung in Deutschland am 15. Oktober 2012 in Berlin

Zum mittlerweile fünften Mal präsentierte das BiB am 15. Oktober seine jährliche Informationsveranstaltung zu Fragen des demografischen Wandels für die Mitarbeiter/innen von Behörden und Ministerien in Berlin. Anders als in den vorangegangenen Veranstaltungen stand diesmal ein einziges Schwerpunktthema im Fokus, nämlich Analysen zur Geburtenentwicklung in Deutschland. Vor gut 30 interessierten Zuhörern betrachteten Wissenschaftler/innen des BiB das Thema Fertilität aus unterschiedlichen Blickwinkeln und präsentierten neue Forschungsergebnisse.

In seinem Eröffnungsvortrag stellte der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, zunächst die Frage, wieso Deutschland seit 40 Jahren eine der niedrigsten Geburtenziffern weltweit aufweist. Er wies darauf hin, dass das generative Verhalten – also die für eine Bevölkerung oder Bevölkerungsgruppe typischen Handlungsmuster, die die Fertilität beeinflussen – sich aus mehreren Dimensionen zusammensetzt, wie z. B. der Anzahl der Geborenen in einer bestimmten Periode, der durchschnittlichen Kinderzahl von Frauen und Männern, differentiellen Fertilitätsmustern, ehelicher und nichtehelicher Fertilität sowie Schwangerschaften und biologischer und sozialer Elternschaft. Die Ursachen für das niedrige Geburtenniveau lägen in einem Zusammenspiel von ökonomischen, strukturellen und kulturellen Faktoren, die sich negativ auswirkten. Dazu gehörten unter anderem ökonomische Unsicherheiten, hohe Opportunitätskosten von Elternschaft sowie eine elternunfreundliche soziale Infrastruktur. Hinzu komme ein unzureichendes Angebot von flexibel gestaltbaren Arbeitszeiten, kritisierte der Familiensoziologe. Auf kultureller Ebene wirkten sich Konflikte zwischen moderner Frauen- und traditioneller Mutterrolle sowie wachsende Erwartungen an eine verantwortungsvolle Elternschaft negativ aus. Zudem sei Elternschaft heutzutage eine Option unter mehreren wählbaren.

Was die Rahmenbedingungen für das politische Handeln angehe, so appellierte Prof. Schneider gegen eine Regelung durch staatliche Institutionen, was die Entscheidung für Kinder betreffe. Diese müsse allein in der Verantwortung der Paare liegen. Die Aufgabe der Politik liege nicht darin, generative Handlungen aktiv zu beeinflussen, sondern sie solle das generative Verhalten legitimieren. Wichtig sei hierbei, dass nur eine zielorientierte gesellschaftspolitische Gesamtstrategie hier Erfolg versprechend sei und nicht Einzelmaßnahmen.

Martin Bujard: Trendwende oder Trendende? Zur aktuellen Geburtenentwicklung von Akademikerinnen

Bei der Erforschung der Ursachen für die niedrigen Geburtenzahlen in Deutschland richtete sich der Blick in den vergangenen Jahren auf die Gruppe der Akademikerinnen, die eine vergleichsweise höhere Kinderlosigkeit aufwiesen als andere Frauen. So gab es Mitte 2000 eine ausgiebige Diskussion um die Höhe des Anteils kinderloser Akademikerinnen, der je nach Methodik zwischen 25 und 40 % lag. Realistisch seien allerdings etwa 30 % für die Ende der 1960er Jahre geborene Frauenkohorte betonte Dr. Martin Bujard in seinem Beitrag, wobei der Wert für ältere Kohorten und für Ostdeutschland geringer ist. Anhand von Auswertungen der Mikrozensen 1982-2011 zeigte er mithilfe eines neuen Schätzmodells, das auch aktuelle Trends des Geburtenniveaus erfasst, dass die Geburtenraten bei Akademikerinnen in Bewegung geraten sind: der Rückgang der Geburtenrate von Akademikerinnen ist gestoppt – ob es sich hier allerdings um eine Trendwende handle, bleibe abzuwarten, so der Politikwissenschaftler. Auf jeden Fall zeige sich hier ein Trendende, wobei der Rückstand der Geburtenzahl von Akademikerinnen ein rein westdeutsches Phänomen sei, da es in Ostdeutschland keine systematischen Differenzen zwischen Akademikerinnen und Nichtakademikerinnen gebe. Hervorzuheben sei der deutliche Anstieg der Geburten bei den 35- bis 44-jährigen Akademikerinnen in den letzten Jahren. So wurden in Westdeutschland 2011 38 % der Kinder von Akademikerinnen nach dem 35. Geburtstag geboren – bei den Nichtakademikerinnen hingegen waren es mit 16 % nicht einmal die Hälfte. Die Ursachen für diesen Anstieg liegen unter anderem in den längeren Ausbildungswegen begründet mit all den Folgen wie späterem Einkommen, befristeten Arbeitsverträgen und Bildungsrenditen. Darunter versteht man den prozentualen Zugewinn an Arbeitseinkommen, den eine Person durch zusätzliche Bildungsmaßnahmen erreicht. Eine Rolle spiele zudem die „biologische Uhr“, die besagt, dass die Fruchtbarkeit der Frauen ab Mitte 30 deutlich zurückgeht.

Welche politischen Konsequenzen ergeben sich aus diesen Trends? Aus der Sicht von Dr. Bujard gelte es, eine kohärente Lebenslaufpolitik zu entwickeln sowie auch in den alten Bundesländern ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen und -kitas zu etablieren.

Ralina Panova: Die Rushhour des Lebens und der Kinderwunsch Hochqualifzierter

Ergänzt wurden die Ausführungen von Dr. Bujard durch Ralina Panova, die sich mit den Kinderwünschen höher qualifizierter Männer und Frauen in der Rushhour des Lebens, also der Lebensphase zwischen Mitte 20 und Ende 30, beschäftigte.

Basierend auf Daten des Generations and Gender Survey (GGS) konzentrierte sie sich auf 2.187 Akademiker/innen im Alter zwischen 27 und 40 Jahren in Deutschland, Frankreich, Österreich, den Niederlanden und Norwegen. Sie zeigte, dass insbesondere in den Ländern mit traditionellen Geschlechterrollenbildern und geringem Institutionalisierungsgrad der Kinderbetreuung auch die Kinderwünsche kinderloser Akademiker/innen auf einem niedrigeren Niveau lagen und es in diesen Ländern substanzielle Unterschiede beim Kinderwunsch zwischen den Geschlechtern gab. Eine Rolle spielte darüber hinaus auch die Art der Beschäftigung (so wiesen Teilzeitbeschäftigte in Deutschland und Norwegen geringere Kinderwünsche auf ebenso wie kinderlose Beschäftigte in Zeitverträgen) sowie die Dauer der Beschäftigung. Insgesamt gelte es, so Frau Panova, die „Rushhour“ des Lebens zu entzerren, damit diese Altersgruppe ihre Kinderwünsche auch verwirklichen könne, die besonders in der Altersgruppe zwischen 30 und 34 Jahren hoch seien. Ziel müsse es sein, das subjektive Zeitfenster für Elternschaft zu verlängern.

Detlev Lück: Erklärungsansätze für die unterschiedlichen Fertilitätsniveaus in Europa

In Europa gehört Deutschland zu den Ländern mit der niedrigsten Fertilität. Auf der anderen Seite gibt es Länder wie Island, Irland, Frankreich oder Schweden mit dauerhaft deutlich höheren Geburtenraten. Wie lassen sich diese Unterschiede in der Fertilitätsentwicklung zwischen den Ländern erklären? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Beitrags von Dr. Detlev Lück, der zunächst einen Überblick über die wichtigsten sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätze gab, um dann einige grundsätzliche Thesen zu entwickeln.

Die etablierten Erklärungsansätze beziehen sich überwiegend auf eine von drei Rahmenbedingungen: Neben unterschiedlichen familienpolitischen Maßnahmen der einzelnen Staaten und den Erfordernissen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt wird auch auf kulturelle Besonderheiten der verschiedenen Gesellschaften verwiesen. Beispielsweise führen die als Wertewandel und Individualisierung bezeichneten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zu Kinderlosigkeit, weil Lebensentwürfe nun zunehmend individuell geplant werden und weil Kinder nicht in jede individuelle Lebensplanung passen.

Der Vergleich der einzelnen Erklärungsansätze mit den tatsächlichen Fertilitätsentwicklungen in Europa zeige, so Dr. Lück, dass das Geburtenverhalten durch keinen Ansatz widerspruchsfrei erklärt werden könne. Offenkundig werde es durch viele Rahmenbedingungen beeinflusst, wobei eine genaue Quantifizierung der verschiedenen Einflüsse allerdings nicht möglich sei. Vielmehr interagieren die Rahmenbedingungen miteinander in ihrem Einfluss auf das Geburtenverhalten und beeinflussten sich auch wechselseitig. Insgesamt müsse die Erklärung internationaler Unterschiede im Geburtenverhalten daher immer viele Rahmenbedingungen in Erwägung ziehen. Die Antworten seien immer situationsspezifisch nach Land und Jahr zu betrachten, resümierte der Familiensoziologe.

Linda Lux: Das Geburtenverhalten türkischer Migrantinnen in Deutschland

Lässt sich das niedrige Geburtenniveau in Deutschland unter Mithilfe der ausländischen Frauen anheben? Linda Lux untersuchte dazu in ihrem Beitrag das Geburtenverhalten türkischer Migrantinnen in Deutschland und widmete sich dabei besonders der Frage, ob es Unterschiede zwischen westdeutschen Frauen und türkischen Migrantinnen der 1. und 2. Generation gibt und wie diese aussehen.

Auf der Basis von Daten des Generations and Gender Survey (GGS) konstatierte sie bei den türkischen Migrantinnen der 1. Generation häufiger 3 und mehr Kinder als bei den westdeutschen Frauen. Zudem bekämen sie tendenziell früher ihr erstes Kind und blieben dazu seltener kinderlos als die westdeutschen Frauen. In der 2. Generation zeigten sich allerdings Angleichungstendenzen an das westdeutsche Fertilitätsmuster. Die Analyse der Daten zeige, dass in der 2. Generation die Nachteile von Kindern deutlich stärker wahrgenommen würden als in der 1. Generation. Sie prognostizierte ein weiteres Voranschreiten der Angleichungsprozesse an Westdeutschland, so dass Prognosen und Schätzungen dieser Entwicklung Folge tragen und dementsprechend angepasst werden müssten. Schließlich werde auch in der Gruppe der 2. Generation türkischer Migrantinnen die Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie an Bedeutung gewinnen, zumal auch das Bildungsniveau türkischer Frauen über Generationen angestiegen sei.

Fazit: Komplexe und vielschichtige Ursachen für niedrige Fertilität

Die Veranstaltung mit den fünf Beiträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigte einmal mehr, dass es eine einfache Antwort auf die Suche nach Ursachen niedriger Fertilität und nach Lösungswegen in Deutschland und Europa nicht gibt. Zu vielschichtig und komplex sind die persönlichen Entscheidungsprozesse für oder gegen Kinder, zumal neben psychologischen auch sozialpsychologische, soziale und ökonomische Komponenten sowie biologisch-medizinische Aspekte ausschlaggebend dafür sind, ob Kinderwünsche realisiert und damit die Fertilitätsniveaus in Europa wieder steigen werden. Für den Familiensoziologen Prof. Schneider bleibt die Fertilitätsentwicklung der demografische Faktor, der die weitere Bevölkerungsentwicklung in Deutschland weiter entscheidend beeinflussen werde, wie er abschließend betonte.


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