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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Das Miteinander von Jung und Alt im Blick

9. Demographie-Kongress „Best Age” am 27. und 28. August 2014 in Berlin

Angesichts der tiefgreifenden demografischen Veränderungen stellt sich die Frage, wie sich das Verhältnis von Jung und Alt in den nächsten Jahrzehnten gestalten lässt – und zwar auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Dass dabei bereits heute gehandelt werden muss, zeigte sich in den Diskussionen und Foren des 9. Demographie-Kongresses, an dem auch in diesem Jahr über 300 Wissenschaftler, Entscheider und Gestalter aus Bund, Ländern und Kommunen teilnahmen um zu einer „Partnerschaft der Generationen“ einen Beitrag zu leisten. In einem eigenen Forum zum Thema „Familie im Kontext von Leitbildern, Politik und Arbeit“ präsentierten Wissenschaftler des BiB aktuelle Forschungsergebnisse laufender Projekte.

Zudem stellte sich das Demografieportal des Bundes und der Länder mit seiner Arbeit vor.

Demografischer Wandel: Zeit zum Handeln
Wie sehr die Zeit bereits drängt, machte die Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens, in der Eröffnungsrunde deutlich. Es gelte, den derzeitigen gesellschaftlichen Zustand zu reflektieren und notwendige Veränderungen vorzunehmen, appellierte sie. Wenn jetzt damit nicht angefangen werde, gebe es später Engpässe, da sich allein in Nordrhein-Westfalen die Zahl der Pflegebedürftigen und Demenzkranken bis 2050 verdoppeln werde. Das Gesundheits- und Pflegesystem müsse auf allen Ebenen angepasst werden, zumal die Zahl Jüngerer zurückgehen werde. Wenn nichts getan werde, fahre das System an die Wand, betonte sie.
Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Caren Marks, richtete den Blick auf die jungen Menschen, die stärker an gesellschaftspolitischen Prozessen beteiligt und mitgenommen werden müssten. So gebe es seit Juli 2014 eine Förderrichtlinie „Jugend stärken im Quartier”, die Kommunen darin unterstütze, passgenaue Hilfsangebote für junge Menschen am Übergang von der Schule in den Beruf zu entwickeln. Darüber hinaus müssten die Bedürfnisse von Familien stärker berücksichtigt werden, wobei Partnerschaftlichkeit die Leitidee der deutschen Familienpolitik sei.

In der „Demografiefalle“: Das Problem des fehlenden Nachwuchses im öffentlichen Dienst
Im Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels sind vor allem Ideen gefragt, wie der Bundesvorsitzende des Deutschen Beamtenbundes (dbb), Klaus Dauderstädt, am Beispiel der Nachwuchsprobleme im öffentlichen Dienst darstellte. So liege derzeit das Durchschnittsalter im öffentlichen Dienst bei 44,6 Jahren, bei den Beamten in den Kommunen gar bei 45,8 Jahren. Bis 2030 werde sich allerdings der Anteil der über 60-Jährigen verdreifachen. Schon heute seien 30 Prozent aller Beschäftigten zwischen 50 und 60 Jahre alt. Es gelte somit, junge Menschen für den öffentlichen Dienst zu interessieren, um zu verhindern, dass es künftig zu Unterbesetzungen etwa bei der Polizei oder in Schulen komme. Im kommunalen Bereich gebe es beispielweise einen aktuellen Fehlbedarf von 25.000 Beschäftigten, darunter 5.000 im Feuerwehrdienst und 6.000 in den Job-Centern. Hier gehe es um ein längerfristiges Problem, das nicht mit einmaligen Aktionen gelöst werden könne. Um die Attraktivität des öffentlichen Dienstes unter den jungen Menschen zu erhöhen, müsste unter anderem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie von Erziehungs- und Pflegepflichten stärker betont werden. Zudem müssten unbefristete Übernahmen mit einer Karriereperspektive angeboten werden. Gleichwohl sei nicht nur die Nachwuchsgewinnung, sondern auch der Erhalt der Arbeitsfähigkeit des älteren Personals von entscheidender Bedeutung, wie der Virzepräsident des dbb, Hans-Ulrich Benra, auf dem Kongress betonte. So müssten die Bedürfnisse älterer Menschen stärker berücksichtigt werden, da etwa in der Bundesverwaltung ein erheblicher Anteil der Fehlzeiten auf Langzeiterkrankungen zurückzuführen sei, die bei Personen über 45 Jahren statistisch gesehen häufiger auftreten. Somit müsse die Gesundheitsprävention dringend gestärkt werden, denn sie schone nicht nur die Gesundheit, sondern auch den Haushalt, betonte der Vizepräsident im Rahmen des Forums zum Thema „Gesundheitsmanagement als Führungsaufgabe”.

Wie ist die Lage? Aktuelle Beispiele und Lösungsansätze in 13 Foren
Wie sich die aktuelle Situation des Miteinanders von Jung und Alt in diversen Bereichen darstellt, wurde in insgesamt 13 Foren diskutiert. So befasste sich das Forum I mit der „Ressource Personal“. Hier stand vor allem das Thema der demografieorientierten Personalentwicklung im Mittelpunkt. Im Forum II ging es um die Frage, welchen Beitrag die Politik auf der lokalen Ebene für die Situation älterer Menschen liefern kann. Forum III widmete sich der Zukunft der Pflege und insbesondere der Frage, wie Pflege und Beruf miteinander vereinbart werden können. Die Diskussion in Forum IV zeigte, welchen Beitrag Forschung und Innovationen in den Kommunen und Regionen zu einem besseren Leben im Alter leisten können. Dazu gehören auch die Kommunen, die sich angesichts der Alterung neuen Herausforderungen gegenübersehen und nach Möglichkeiten und Lösungsansätzen kommunaler Steuerung altersgerechter Quartiere suchen, wie in Forum V gezeigt wurde.
Dass sich die Arbeitswelt von morgen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels anderen Herausforderungen stellen muss, war Thema in Forum VI. Dies gilt in besonderem Maße für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Um die Gestaltung von regionalen Räumen ging es dann im Forum VII, wobei am Beispiel der Planungs- und Gestaltungskonzepte unterschiedlicher Städte vorgestellt wurde, wie bürgerschaftliches Engagement vor Ort gefördert und gefordert werden kann. Hier geht es vor allem darum, die Bürger vor Ort an der Gestaltung einer Stadt unter dem Motto: „Bürger machen Stadt“ teilhaben zu lassen.


Wie sich die Familie im Kontext von Leitbildern, Politik und Arbeit verändert hat und verändern wird und welche Folgen ein niedriges Geburtenniveau und eine steigende Alterung haben, untersuchten Wissenschaftler des BiB in Forum VIII.

Die Potenziale älterer Menschen

Dr. Andreas Mergenthaler stellte zunächst die Erwerbstätigkeit älterer Menschen und die Übergänge in den Ruhestand auf Basis aktueller Befunde der Studie „Transitions and Old Age Potential (TOP)“ des BiB vor. Er wies darauf hin, dass es in der aktuellen Forschung zu einem Wandel des Altersbildes gekommen sei – weg von einem Bild, das das Alter als defizitär betrachtet und hin zu einem Modell, das nunmehr die erheblichen Fertigkeiten und Ressourcen Älterer und ihren Beitrag für die Gesellschaft betont. Dies spiegele sich auch im politischen Diskurs wider, so u.a. in der Demografiestrategie der Bundesregierung. Die TOP-Studie des BiB untersucht in diesem Zusammenhang, in welchem Ausmaß ältere Menschen in den Bereichen Erwerbsleben, Zivilgesellschaft und Familie tätig sind und welche Einstellungen sie zu ihren Tätigkeiten haben. Hinzu komme die Frage, welche Lebensbedingungen oder Lebensereignisse das Ausmaß solcher Tätigkeiten bei älteren Menschen bzw. deren Einstellung dazu beeinflussen. Aktuelle Ergebnisse zeigten, dass es in der untersuchten Gruppe der 55- bis 70-Jährigen eine relativ hohe Erwerbsbeteiligung insbesondere im Ruhestand gebe. Dabei hätten Männer über alle Altersgruppen hinweg eine höhere Erwerbsbeteiligung als Frauen. Die Gründe, warum im Ruhestand einer Erwerbstätigkeit nachgegangen wird, lägen in individuellen und sozialen Motiven. Allerdings seien Erwerbstätigkeit und Erwerbsabsicht im Ruhestand abhängig von individuellen Ressourcen (z. B. dem gesundheitlichen Zustand), der Einschätzung der finanziellen Lage sowie den betrieblichen Rahmenbedingungen. Um die Potenziale der 55- bis 70-Jährigen im Erwerbsleben zu fördern, gelte es, die Erwerbschancen älterer Frauen zu verbessern, die Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung auszubauen und die betrieblichen Rahmenbedingungen weiter anzupassen, resümierte Dr. Mergenthaler.

Eine weitere Facette in der Diskussion über die Potenziale im Alter betrachtete Frank Micheel.

Frank MicheelFrank Micheel, BiB Quelle: Behörden Spiegel

Er präsentierte Befunde der TOP-Studie zur Frage der Bereitschaft bürgerschaftlichen Engagements Älterer. Die Analysen zeigten allgemein erfreulich hohe Werte bezüglich des Engagements bzw. der Engagementbereitschaft in der untersuchten Altersgruppe zwischen 55 und 70 Jahren. Dabei werde vor allem bei den Frauen das Interesse an bürgerschaftlichem Engagement mit dem Alter geringer, während der Anteil der aktiven Männer über alle Altersgruppen relativ stabil bleibe. Allerdings gebe es innerhalb der Altersgruppen Unterschiede. Auffallend sei zudem ein hoher Anteil definitiv Nichtengagierter in Ostdeutschland. Eine große Rolle spiele auch der Bildungsstand. So gehe hohe Bildung mit hohem Engagement einher, während ein niedriger Bildungsstand hohe Anteile an definitiv Nichtengagierten aufweise. Um die Förderung der Potenziale Älterer weiter zu entwickeln müssten die Risiken im Lebenslauf (wie zum Beispiel niedrige Bildung oder schlechter Gesundheitszustand) minimiert werden. Dazu müssten adressatenorientierte Informations- und Weiterbildungsangebote ausgebaut werden, die auch Faktoren wie Bildungsunterschiede oder auch geschlechtsspezifische Unterschiede, vor allem im Hinblick auf familienbezogenes und bürgerschaftliches Engagement, mit beachteten.

Kinder ja, aber …: Ursachen für Kinderlosigkeit in Deutschland
Neben den Älteren spielen im demografischen Wandel vor allem die Jungen eine entscheidende Rolle und hier vor allem die, die sich gegen Kinder entscheiden.

Dr. Jürgen Dorbritz stellte daher Überlegungen über die Ursachen des niedrigen Geburtenniveaus in Deutschland zur Diskussion. Auf der Basis des Familienleitbildsurveys des BiB stellte er die Frage, ob es ein Leitbild der Kinderlosigkeit gibt. Es zeige sich, dass es sich bei Kinderlosigkeit um ein in Deutschland mittlerweile etabliertes, sozial akzeptiertes Verhaltensmuster handle, das in einer kleinen Gruppe der Bevölkerung kulturell verankert sei. Dabei kristallisierten sich zwei Leitbilder heraus: das der risiko-vermeidenden und das der autonomie-betonten Kinderlosigkeit. Im letzten Fall gehe es vor allem um die Frage der Betonung eines selbstbestimmten Lebens und Selbstverwirklichung in Beruf und Freizeit sowie um ausgeprägte Karriereorientierungen. Erschwerend komme hinzu, dass Kinderreichtum mit einem Negativimage belegt werde, wobei sich die Frage stelle, wie und wann dieses Image entstanden ist. Es manifestiere sich somit ein Leitbild der Distanz gegenüber Kinderreichtum. Ein wesentliche Faktor für Kinderlosigkeit stelle auch der Umgang mit der Norm der verantworteten Elternschaft dar. Eltern fühlten sich angesichts wachsenden gesellschaftlichen Drucks hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder überfordert und entscheiden sich in der Folge gegen Kinder. Hinzu komme die Angst, den Kindern nicht genug bieten zu können. Ein Problem stelle auch die Tatsache dar, dass das Erstgebäralter der Frauen angestiegen sei. Das ideale Alter für die Geburt des ersten Kindes liege nämlich unter dem realen Durchschnittsalter. Die Forschung zeige auch, dass diejenige Mutter, die früher das erste Kind bekommt, auch mehr Kinder habe. Somit gebe es hier eine familienpolitische Chance, dazu beizutragen, die Familiengründung früher zu ermöglichen.

Elterngeld wirkt sich auf fünf Ziele aus
Mit Wirkungsanalysen zum Elterngeld befasste sich Dr. Martin Bujard.

Dr.Martin BujardDr. Martin Bujard, BiB Quelle: Behörden Spiegel

Er analysierte zunächst die Ziele dieser Maßnahme und zeigte, dass in Politik und Medien unterschiedliche Zielhierarchien erkennbar waren. Dabei war die Einführung des Elterngeldes mit fünf Zieldimensionen (Einkommen, Zeit, Müttererwerbstätigkeit, Gleichstellung, Fertilität) verbunden, wobei sich die Effekte auf die Ziele unterschiedlich auswirkten. Besonders deutlich war demnach der steigende Anteil an Vätern, die Elternzeit nahmen. Auch auf das Einkommen wirkte sich das Elterngeld aus. So wurde der Einkommenseinbruch im Lebenslauf reduziert, wobei es allerdings Gewinner und Verlierer gab. Ein Gesamteffekt auf die Erhöhung der Geburtenrate lasse sich nicht nachweisen, da Wirkungen auf die Fertilität sich überwiegend langfristig vollzögen, erläuterte Dr. Bujard. Somit bleibe die Entwicklung der nächsten Jahre abzuwarten. Allerdings zeige sich, dass der Geburtenrückgang bei den über 35-jährigen Akademikerinnen gestoppt sei. Was die Reformoptionen des Elterngeldes angehe, so seien sowohl die Erhöhung der Partnerschaftsmonate von 2 auf 6 Monate als auch die Erhöhung des Sockelbetrags denkbar.

Aus der Praxis: Der demografische Wandel und seine Folgen aus unterschiedlichen Perspektiven
Mit der Verantwortungsgemeinschaft im Sozialraum befasste sich das Forum IX. Das Thema „Gesundheitsmanagement als Führungsaufgabe“ stand im Fokus des Forums X. Vor welchen Herausforderungen eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum steht, machten die Diskussionen in Forum XI deutlich. Mit welchen Demografiestrategien in Bund und Ländern die demografische Situation gemeistert werden kann, wurde in Forum XII diskutiert, an dem unter anderem auch der Abteilungsleiter für Grundsatzfragen im Bundesministerium des Innern, Dr. Jörg Bentmann, teilnahm.
Welche Möglichkeiten Unternehmen in ländlichen Räumen haben und wie der Generationswechsel in alternden bürgerschaftlichen Initiativen und Vereinen organisiert werden kann, stand im Mittelpunkt des Forums XIII zum Thema „Zukunftsfähige Ländliche Räume – Herausforderungen für KMUs und Vereine“.

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