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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

40 Jahre Forschen, Beraten, Informieren

Festveranstaltung zum 40-jährigen Bestehen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung am 21. Juni 2013 in Wiesbaden

Mit etwa 150 geladenen Gästen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft feierte das Institut am 21. Juni 2013 im Kurhaus Wiesbaden unter dem Motto „Demografische Entwicklung in Deutschland: Aktuelle Kontroversen und Zukunftsoptionen“ seinen runden Geburtstag, wobei die Inhalte der Veranstaltung zugleich auch die Arbeit und den Auftrag des BiB widerspiegelten. So gab es in drei Blöcken unter der Diskussionsleitung von ZDF-Moderator Ralph Szepanski neben einzelnen Vorträgen kontroverse Debatten zu den Themen Alterung, Fertilitätsentwicklung und Zuwanderung.

Hohes Niveau der Politikberatung des BiB

Das Wort hatte zunächst die Staatssekretärin aus dem Bundesministerium des Innern, Frau Cornelia Rogall-Grothe, die einen kurzen Rückblick auf die Entstehungsgründe des Instituts gab und darauf hinwies, dass es bis zum Gründungsjahr des BiB keine bevölkerungswissenschaftliche Forschung in Deutschland gegeben hatte und auch die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft heute steht, damals weitgehend noch nicht bekannt waren. Welche Bedeutung das Thema Demografischer Wandel mittlerweile habe, zeige auch die Tatsache, dass die Bundesregierung seit 2009 einen Demografiebericht und eine Demografiestrategie erarbeitet habe, wobei hier das BiB eine tragende Rolle einnehme. Sie lobte das hohe Niveau der Politikberatung des BiB, das seit 2009 seine wissenschaftliche Kompetenz gesteigert und neu ausgerichtet habe. Die Politik suche die Beratung des Instituts und nehme sie auch an, konstatierte sie.
Die von Anfang an enge Verbindung zwischen dem BiB und dem Statistischen Bundesamt betonte dann der Präsident des Amtes, Roderich Egeler, in seiner Begrüßungsrede. Schließlich sei das BiB unter dem Dach des Statistischen Bundesamtes zur Welt gekommen.
Wie es zur Gründung des Instituts kam und welche Entwicklung das Institut in den 40 Jahren seines Bestehens genommen hat, skizzierte der seit 36 Jahren im BiB tätige wissenschaftliche Direktor, Reiner Schulz.

Das BiB als multiperspektivisches Institut auf gutem Wege

Cornelia Rogall-Grothe, Prof. Norbert Schneider, Roderich Egeler, Dr. Sabine Bechtold, Reiner Schulz und Dr. Jürgen Dorbritz Festveranstaltung „40 Jahre BiB“Cornelia Rogall-Grothe, Prof. Norbert Schneider, Roderich Egeler, Dr. Sabine Bechtold, Reiner Schulz und Dr. Jürgen Dorbritz (v. l. n. r.)

Der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, betonte in seiner Ansprache, dass das BiB in erster Linie Bevölkerungsforschung und keine Demografie betreibe, und als multiperspektivisches Institut differenziert die demografischen Sachverhalte analysiere und wissenschaftlich interpretiere. Das BiB habe hier eine klare Position: So sei der demografische Wandel zwar eine sehr ernstzunehmende Herausforderung, die der Gesellschaft einiges abverlangen werde, aber es bestehe keineswegs ein Anlass, dies zu „katastrophisieren“, betonte der Soziologe, der sich durchaus optimistisch zeigte, dass die Bewältigung gelingen werde. Das Institut werde auch künftig an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit dazu beitragen, dass die Chancen des Wandels besser erkannt und die Folgen bewältigbar bleiben werden, so der Direktor.
Die anschließenden Themenblöcke befassten sich dann mit den Themen „Alterung der Gesellschaft“, „Fertilitätsentwicklung in Deutschland als Megathema in Wissenschaft und Politik“ sowie der Frage: „Zuwanderung als Strategie zur Bewältigung des demografischen Wandels“.

Alterung: Abkehr von traditionellen Altersbildern

In der ersten Diskussionsrunde zum Thema „Alterung der Gesellschaft: Gewonnene Jahre oder bedrohter Wohlstand?“ diskutierten Prof. Dr. Andreas Kruse (Universität Heidelberg), Prof. Dr. Stephan Lessenich (Universität Jena) und Dr. Henning Scherf unter anderem die Frage, wie Menschen ihren Alterungsprozess gestalten können und unter welchen Bedingungen die Menschen altern. Prof. Kruse und Prof. Lessenich warnten vor einer Zunahme sozialer Ungleichheit im Alter, die bereits heute mit Blick auf die materielle Güterausstattung festgestellt werden kann. Prof. Kruse plädierte für eine intragenerationale Umverteilung zwischen wohlhabenden und armen Älteren, um so auch die sozialen Sicherungssysteme zu entlasten. Prof. Lessenich warnte davor, den Ruhestand nur noch unter produktivistischen Aspekten zu sehen.

Dr. Henning Scherf beim Podiumsgespräch zur Alterung der Gesellschaft Festveranstaltung „40 Jahre BiB“Dr. Henning Scherf

Der frühere Senatspräsident und Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen, Dr. Henning Scherf, mahnte, dass man von traditionellen Altersbildern wegkommen müsse. In diesem Zusammenhang wehrte er sich gegen negative Altersbilder in den Medien und betonte, dass er seinen Beitrag dazu leisten wolle, den letzten Lebensabschnitt sinnvoll zu gestalten.


Fertilität: Anstieg der Kohortenfertilität auf 1,7 Kinder je Frau möglich?

Ist Deutschland bezüglich der Kohortenfertilität auf dem Weg zur europäischen Normalität? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Themenschwerpunkts zur „Fertilitätsentwicklung in Deutschland als Megathema in Wissenschaft und Politik“. Die nebenamtliche Direktorin des BiB, Dr. Sabine Bechtold (Statistisches Bundesamt), Prof. Dr. Johannes Huinink (Universität Bremen), Prof. Dr. Ilona Ostner (Universität Göttingen) und Prof. Dr. Tilman Mayer (Universität Bonn) diskutierten hier vor allem die These von Prof. Huinink, dass seiner Ansicht nach die Kohortenfertilität aufgrund des nachgeholten Kinderwunsches jüngerer Geburtskohorten künftig wieder auf 1,7 Kinder pro Frau steigen werde. Dr. Bechtold zeigte sich skeptisch angesichts eines Anstiegs, da dieser nur dann erfolge könne, wenn die Zahl der Geburten deutlich zunehme.
Die Frage, ob familienpolitische Maßnahmen die Geburtenentwicklung beeinflussen könnten, wurde von Prof. Ostner angezweifelt – sie zeigte sich „steuerungsskeptisch“, da die Entscheidung für oder gegen Kinder von vielen Faktoren abhänge, die politisch kaum beeinflussbar seien. Prof. Mayer widersprach an dieser Stelle und präsentierte sich als „Steuerungsoptimist.“ Seiner Ansicht nach sei es sogar die Pflicht des Staates, das Kinderhaben zu fördern und mit entsprechenden Steuerungsmechanismen könnte er sehr wohl die Kohortenfertilität beeinflussen.

Zuwanderung hält den Wandel nicht auf, mildert ihn aber ab

Moderator Ralph Szepanski im Gespräch mit Herbert Brücker, Hartmut Sprung und Steffen Mau Festveranstaltung „40 Jahre BiB“Ralph Szepanski im Gespräch mit Prof. Herbert Brücker, Hartmut Sprung und Prof. Steffen Mau

Hilft Zuwanderung bei der Bewältigung des demografischen Wandels? Bei der dritten und letzten Diskussionsrunde herrschte zwischen den Teilnehmern Prof. Dr. Herbert Brücker (Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, Nürnberg), Hartmut Sprung (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg) sowie Prof. Dr. Steffen Mau (Universität Bremen) und Prof. Dr. Michael Hüther (Institut der deutschen Wirtschaft) Einigkeit bei der Beantwortung der Frage. So betonten alle vier die Bedeutung von Zuwanderung für Deutschland, das aufgrund des demografischen Wandels auf Migrantinnen und Migranten angewiesen sein wird, besonders im Hinblick auf die Stabilität der sozialen Sicherungssysteme.

Zuwanderung könnte nach der Auffassung aller Diskutanten die Folgen des Wandels zwar nicht aufhalten, aber wenigstens begrenzen. Von daher bedürfe es einer Willkommenskultur in Deutschland, die den Zugewanderten und ihren Familien längerfristige Perspektiven bietet.
Dass die Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel noch einiges an Forschungsarbeit und künftigem Diskussionsbedarf erfordern wird, zeigte auch die abschließende Frage von ZDF-Fernsehmoderator Ralph Szepanski: Eine Antwort darauf, ob ein konzertiertes Modell aller Beteiligten bis 2025 zur Bewältigung der Folgen des Wandels denkbar wäre, dass die Gesellschaft nicht überfordere, konnte nicht abschließend gegeben werden. Vielleicht gibt es bis 2023 Lösungswege, die dann beim 50-jährigen Jubiläum des BiB engagiert und kontrovers in gepflegter Atmosphäre weiterdiskutiert werden können.

Einen ausführlichen Bericht zur Veranstaltung und weitere Informationen rund um Vergangenheit und Zukunft des Instituts gibt es in der neuen Sonderausgabe „40 Jahre BiB“ von „Bevölkerungsforschung Aktuell“.

(Fotos: Stephan Obel)

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