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Aktuelle BiB-Forschung bei der ESA-Tagung 2017

Datum 13.09.2017

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des BiB stellten bei der Jahrestagung der European Sociological Association (ESA), die vom 29.08. bis 01.09.2017 in Athen unter dem Motto „(Un)Making Europe: Capitalism, Solidarities, Subjectivities“ stattfand, aktuelle Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit vor.

Welche Faktoren beeinflussen die Entscheidung für ein drittes Kind?

So untersuchte Ralina Panova die Ursachen für die Rückgänge großer Familien mit drei Kindern in neun europäischen Ländern (Frankreich, Westdeutschland, Österreich, Bulgarien, Tschechische Republik, Georgien, Ungarn, Litauen und Russland).

Das Bild zeigt Ralina Panova bei ihrem Vortrag während der ESA-Jahreskonferenz 2017. Ralina Panova bei ihrem Vortrag während der ESA-Jahreskonferenz 2017.Ralina Panova untersuchte den Rückgang der Zahl von Mehr-Kind-Familien in neun Ländern. Quelle: BiB

Sie betrachtete soziokulturelle und sozioökonomische Faktoren beim Übergang zum dritten Kind. Dabei zeigte sich, dass vor allem Einstellungen und Normen gegenüber Kindern wichtige Erklärungsfaktoren für ein drittes Kind darstellen, die sich je nach Geschlecht unterscheiden, so Frau Panova. Die Kosten eines dritten Kindes wirken sich wiederum nur bei den Frauen nicht negativ auf ihre Entscheidung aus. Dagegen beeinflusst sozialer Druck bei beiden Geschlechtern die Wahrscheinlichkeit, ein drittes Kind zu bekommen. Dieser Punkt gilt für alle untersuchten Länder.

Insgesamt lieferte ihre Analyse neue Einblicke in den Zusammenhang von soziokulturellen Faktoren und der Gründung großer Familien. Im Ländervergleich ließen sich signifikante Unterschiede in der Beziehung zwischen Einstellungen und Normen und dem Fertilitätsverhalten nachweisen.

Inkonsistenzen beim generativen Verhalten und die Gründe

Dr. Detlev Lück (in Kooperation mit Dr. Jasmin Passet-Wittig) befasste sich in seinem Vortrag mit potenziell inkonsistentem generativem Verhalten. Anhand der Daten der deutschen pairfam-Studie stellten sie fest, dass jeder zehnte Befragte ohne aktuelle Intention für ein Kind in den letzten drei Monaten nicht verhütet hat. Nur circa 2 Prozent geben dagegen an, dass sie aktuell ein Kind wollen, aber trotzdem verhüten.

Wieso nehmen die befragten Frauen und Männer eine Schwangerschaft in Kauf? Es lässt sich feststellen, dass Personen die denken, dass sie infertil sind, eher auf Verhütung verzichten. Betrachtet man nur Personen, deren Partner auch an der pairfam-Studie teilgenommen hat, stellt man fest, dass der Kinderwunsch auf Paarebene maßgeblich ist. Wenn beide Partner in ihrem grundsätzlichen Wunsch nach einer Familie übereinstimmen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht verhüten am größten. „Es lässt sich also festhalten, dass es durchaus „gute Gründe“ für das Riskieren einer Schwangerschaft geben kann, diese gilt es weiter zu erforschen“, so Dr. Lück.

Entwicklung der Partnerschaftsqualität bei einer Erwerbstätigkeit im Ruhestand

Ist das Arbeiten im Ruhestand verknüpft mit der Qualität der Ehe und wird dieser Zusammenhang geschlechtsspezifisch gesteuert? Auf der Basis des BiB-SurveysTransitions and Old Age Potential (TOP)“ betrachtete Dr. Andreas Mergenthaler (in Kooperation mit Dr. Volker Cihlar) zwei Indikatoren der Ehequalität: ein subjektiv bewerteter Wandel der Partnerschaft seit dem Eintritt in den Ruhestand und die Partnerschaftszufriedenheit.

Das Bild zeigt Dr. Andreas Mergenthaler bei seinem Vortrag während der ESA-Jahreskonferenz 2017. Dr. Andreas Mergenthaler bei seinem Vortrag während der ESA-Jahreskonferenz 2017Dr. Andreas Mergenthaler widmete sich der Veränderung der Partnerschaftsqualität bei den erwerbstätigen Älteren. Quelle: BiB

Die Ergebnisse zeigen, dass die Erwerbstätigkeit im Ruhestand nicht direkt mit der Qualität der Ehe verknüpft ist – weder bei den Männern noch bei den Frauen. Allerdings zeigt sich, dass die subjektive Wahrnehmung der Partnerschaftsqualität nach dem Renteneintritt und der Arbeitsaufnahme von Männern und Frauen unterschiedlich betrachtet wird. So wiesen die Frauen, die im Ruhestand arbeiteten, im Vergleich zu den befragten Männern eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit auf, keinen Wandel beziehungsweise eine Verschlechterung der Partnerschaftsqualität festzustellen. Die festgestellten Geschlechterunterschiede bestätigen die Bedeutung einer geschlechterspezifischen Perspektive bei der Erforschung der Faktoren, resümierte Dr. Mergenthaler.

Zwischen Absicht und Realisierung – Ältere Menschen und ehrenamtliches Engagement

Im Rahmen des Diskurses über aktives Altern werden Menschen im hohen Erwachsenenalter, die sich ehrenamtlich betätigen wollen, als wichtiges gesellschaftliches Potenzial betrachtet, wie Frank Micheel in seinem Vortrag betonte. Dabei wurde in der Forschung der Zusammenhang zwischen der Absicht für die Aufnahme eines Ehrenamtes und der tatsächlichen Verwirklichung bisher kaum betrachtet. Deswegen untersuchte Micheel auf der Basis zweier Wellen des BiB-SurveysTransitions and Old Age Potential (TOP)“ aus den Jahren 2013 und 2016, inwieweit diese Absicht dann auch zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt wurde. Dazu wurde die Beziehung der Absicht für ehrenamtliche Tätigkeit aus der ersten Welle 2013 mit dem aktuellen Verhalten in der zweiten Welle 2016 in Verbindung betrachtet.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine vorhandene Intention für ehrenamtliche Tätigkeit eine recht zuverlässige Prognosebasis für eine spätere Verwirklichung liefert, konstatierte Micheel.

Sind Frauen in geringerem Maße als Männer bereit zur Arbeit zu pendeln?

Das Bild zeigt Dr.Heiko Rügerr bei seinem Vortrag während der ESA-Jahreskonferenz 2017. Dr. Heiko Rüger bei seinem Vortrag während der ESA-Jahreskonferenz 2017Dr. Heiko Rüger analysierte den Zusammenhang zwischen Mobilität und Fertilität im Geschlechtervergleich. Quelle: BiB

Bisherige Forschungsansätze haben bei der Suche nach Antworten auf diese Frage meist das aktuelle Mobilitätsverhalten untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass Frauen beim Weg zur Arbeit geringere Distanzen zurücklegen als Männer. In seinem Vortrag betrachtete Dr. Heiko Rüger allerdings nicht das aktuelle Verhalten, sondern er widmete sich der Bereitschaft zum berufsbedingten Fernpendeln bei Männern und Frauen. Auf der Basis des EU-Projekts „Job Mobilities and Family Lives in Europe“ untersuchte er zusammen mit Dr. Simon Pfaff (BiB) die Bereitschaft zum Fernpendeln (einfacher Weg von mindestens 60 Minuten) in fünf europäischen Ländern, darunter auch Deutschland.

Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen eine signifikant geringere Pendelbereitschaft aufwiesen als Männer. Dabei spielt bei den Frauen vor allem die Existenz von Kindern die entscheidende Rolle für die Erklärung der Geschlechterunterschiede. Damit bestätigen die Ergebnisse zunächst die in der Forschung etablierte „Household Responsibility“-Hypothese, betonte er. Nach dieser Theorie reduziert ein größerer Anteil an den Haushaltspflichten und der Kinderbetreuung die Bereitschaft zum Pendeln bei den Frauen – insbesondere was große Pendeldistanzen angeht. Die Rolle als Mutter an sich und damit verbundene soziale Normen scheinen für die Pendelbereitschaft von Frauen mit Kindern ebenso wichtig zu sein wie die konkrete Aufgabenverteilung im Haushalt, schlussfolgerte Dr. Rüger.

Gibt es Unterschiede bei der Fertilität mobiler Frauen im Ländervergleich?

In einem weiteren Vortrag untersuchte Dr. Rüger (in Kooperation mit Dr. Gil Viry, Universität Edinburgh) die wechselseitige Beziehung zwischen Fertilität und berufsbedingter räumlicher Mobilität in vier europäischen Ländern. Sie konstatierten deutliche Unterschiede zwischen den Ländern bei der Fertilität mobiler Frauen. Verantwortlich dafür seien vor allem länderspezifische Unterschiede bei den sozialen Normen, der Familienpolitik, den räumlichen Gegebenheiten, sowie den Arbeitsmarktstrukturen, betonte Dr. Rüger. (Für detaillierte Informationen siehe den Literaturhinweis).

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