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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Ein neues demografisches Bild auf dem Demografiegipfel der Bundesregierung 2017

Alle Menschen wollen älter werden, aber niemand will alt sein: Mit diesem Satz thematisierte der Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière ein Dilemma, das sich wie ein roter Faden durch die zahlreichen Vorträge und Diskussionen des Demografiegipfels unter dem Motto „Zusammenhalt stärken – Verantwortung übernehmen“ der Bundesregierung am 16. März 2017 in Berlin zog.

Vor dem Hintergrund eines veränderten Altersbildes plädierte Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel in ihrem Vortrag für den Mut zum Alter in einem positiven Sinne. Unterstützt wurde sie dabei von Zukunftsforscher Matthias Horx, der die Negativ-Mythen der Alterung in Frage stellte und für einen positiven Blick auf das Alter(n) warb. Bei den Diskussionen um die Arbeit der eingesetzten Arbeitsgruppen spielten vor allem die Themen Digitalisierung, die demografische Entwicklung in den ländlichen Räumen sowie das Engagement der jungen Menschen zur gemeinsamen Bewältigung des demografischen Wandels eine wichtige Rolle.

Bundesinnenminister Dr. de Maizière: Kein Kampf der Generationen erkennbar

In seinem Eröffnungsvortrag zeigte sich der Bundesinnenminister mit Blick auf den Zusammenhalt der Generationen von einer Sorge befreit: Der vor einiger Zeit prognostizierte „Kampf der Generationen“ lasse sich durch die Ergebnisse der Arbeitsgruppen, Gesprächsforen und Umfragen im Rahmen der Demografiestrategie der Bundesregierung festgestellt wurden, nicht bestätigen. Es habe sich vielmehr gezeigt, dass die politische Blickrichtung unserer Gesellschaft schon immer nicht nur durch persönliche Interessen des Alters geprägt war und ist, sondern auch durch das eigene Umfeld und vor allem durch die Familie.

Um ein politisches Ungleichgewicht der Generationen zu vermeiden, sei – nach derzeitigem Wissen – weniger die Sensibilisierung der Alten für die Themen der Jungen von Bedeutung, sondern die Aktivierung der Jungen für die Teilnahme an politischen Wahlen. Letztlich sei für das Verhältnis von Alt und Jung nicht das Alter entscheidend, sondern ein demokratisches Zugehörig-Sein, dessen Qualität sich auch bei Wahlen zeige, sagte Dr. de Maizière. Es gehe im Rahmen der Diskussion um den demografischen Wandel – und nicht nur hier – viel zu oft um die Aufteilung in Gewinner und Verlierer. Dagegen wolle er Einspruch erheben, denn es gehe in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht um dieses Entweder-oder, sondern um das Wechselspiel von materiellem und immateriellem Wohlstand in einem lebenswerten Gleichgewicht.

Dr. Angela Merkel: Anderes Bild der demografischen Entwicklung im Vergleich zu 2012

Das Bild zeigt Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel bei ihrem Vortrag auf dem Demografiegipfel . Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel betonte ein neues demografisches Bild in Deutschland.Das Bild der demografischen Entwicklung hat sich im Vergleich zu 2012 verändert, wie Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel betonte. Quelle: Henning Schacht

Die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel wies darauf hin, dass sich das demografische Bild in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren seit Einführung der Demografiestrategie der Bundesregierung 2012 verändert habe. Damals wurde davon ausgegangen, dass zwar die Ballungszentren weiter wachsen, aber die Bevölkerungszahl bundesweit doch abnehmen wird. Dagegen zeigt sich aktuell, dass die damaligen Prognosen leicht im Plus liegen. Als Gründe dafür seien vor allem die Zuwanderung aus den europäischen Ländern und die vielen Flüchtlinge, die in der letzten Zeit nach Deutschland gekommen sind, zu nennen, analysierte Frau Dr. Merkel.

Aufgrund dieser Entwicklung gehen aktuelle Prognosen davon aus, dass das Land in 20 Jahren eine Bevölkerungszahl etwa auf dem Niveau von heute haben wird. Trotzdem bleibe es bei der Tendenz, dass einer schrumpfenden Zahl Erwerbstätiger eine wachsende Zahl Älterer gegenüberstehen wird, die sich allerdings regional unterschiedlich verteilen, so die Bundeskanzlerin.

Noch Luft nach oben: Die Beteiligung der Jugend bei der Gestaltung des demografischen Wandels

Im Verlauf der Veranstaltung wurde immer wieder mit Nachdruck auf den Mitwirkungsbedarf der Jugend bei der Gestaltung des demografischen Wandels hingewiesen. So appellierte die Bundeskanzlerin an die jungen Leute, ihre Wünsche an die Politik selbstbewusst vorzubringen. Die Politik hat die Aufgabe, vernünftige Leitplanken zu setzen, letztlich müsse in der Gesellschaft aber auch das Gemeinsame vorhanden sein, betonte sie.

Für die Parlamentarische Staatssekretärin Caren Marks (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) ist klar, dass die Bewältigung des demografischen Wandels nur im Dialog mit der Jugend funktionieren kann. Sie muss gehört werden und ihre Meinung ist in die Entscheidungsfindung einzubeziehen, forderte sie. Welche Formen von Kreativität im Umgang mit dem demografischen Wandel möglich sind, präsentierten beispielhaft vier Jugendliche mit ihren Vorschlägen.

Im Fokus stand dabei vor allem die Forderung nach einer stärkeren Beteiligung der Jugend beim Thema demografischer Wandel. Hier gebe es noch „Luft nach oben“, räumte Frau Marks ein. Präsentiert wurden aber auch ganz konkrete Handlungsempfehlungen, wie beispielsweise sichere und zahlreichere Mobilitätsangebote für Senioren und Jugendliche gerade in den ländlichen Regionen. Vorgestellt wurde auch ein Vorschlag für Online-Schulen und -Universitäten mit kleinen regionalen Lerngruppen, die zu 50 Prozent online lernen und 50 Prozent ihrer Zeit in der Schule beziehungsweise der Universität verbringen.

Vorschläge der Jugendlichen im Rahmen der AG „Jugend gestaltet Zukunft“

Vor dem Hintergrund schrumpfender Regionen in der Peripherie und auf dem Land müsste dort gezielt um Zuwanderung geworben werden, lautete ein weiterer Ansatz. Und nicht zuletzt spielt in einer älter werdenden Gesellschaft auch die medizinische Versorgung eine Rolle: Hier könnte eine ausgebaute mobile ärztliche Versorgung mit medizinischer Fernüberwachung der Patienten zu einer Verbesserung der Situation in den ländlichen Regionen beitragen. Denkbar sei etwa, das die sogenannten „Smart Gears“, die wie eine Uhr am Handgelenk getragen werden und wichtige Körperfunktionen messen, diese Daten an einen Arzt senden, der dann aus der Ferne einen Überblick über den Zustand des Patienten erhält.

Dieser kleine Ausschnitt an Ideen Jugendlicher zeige, welcher Mehrwert ihre Beteiligung auch für die Politik hat, betonte Frau Marks. Die Jugendlichen entwickelten ihre Vorschläge im Rahmen der Arbeitsgruppe „Jugend gestaltet Zukunft“ zur Demografiestrategie der Bundesregierung. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, Jugendliche und ihre Belange aktiv in die demografiepolitischen Überlegungen der Bundesregierung einzubinden.

Kann die voranschreitende Digitalisierung bei der Bewältigung des demografischen Wandels helfen?

Die Umsetzung zahlreicher vorgestellter Ideen setzt allerdings eine funktionierende digitale Infrastruktur gerade in den ländlichen Räumen voraus.

Stellvertretend für die vielen Äußerungen zum Thema Digitalisierung richtete der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann bei der Podiumsdiskussion den Blick auf die derzeit diskutierten Folgen für den Arbeitsmarkt und stellte die für ihn entscheidende Frage: Gelingt es, die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen, damit Menschen länger gesund und qualifiziert arbeiten können?

Dabei stellt sich diese Frage nach den Chancen, die die Digitalisierung bietet, auch in anderen Bereichen – etwa bei der digitalen Anbindung ländlicher Räume, um dort einen Standortgewinn zu erreichen und ein Abhängen der Regionen zu verhindern, denn: „Wenn man eine Datenautobahn hat, muss man keine Autobahn mehr benutzen“, brachte es der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, auf den Punkt.

Frau Dr. Merkel wies darauf hin, dass sich in diesen Gebieten für den Staat letztlich ein Problem stelle: Ist er noch in der Lage, die alltägliche Daseinsvorsorge zu realisieren? Aus ihrer Sicht könnte hier die Digitalisierung zur Verbesserung der Lage in den ländlichen Räumen beitragen – vorausgesetzt, man hat erst mal die technische Infrastruktur dafür.

Digitale Unterstützung und menschliches Miteinander zugleich sind wichtig

Für Bundesinnenminister Dr. de Maizière entscheidet die Digitalisierung massiv über ein gutes Leben - auch und vor allem in den ländlichen Räumen. Aus diesem Grund sei Digitalisierungspolitik auch Infrastrukturpolitik für diese Regionen. So könnten digitale Assistenzsysteme für ältere Menschen helfen, Schwächen in der analogen Infrastruktur auszugleichen. Ein Pflegeroboter könne älteren oder sogar pflegebedürftigen Menschen im Alltag an vielen Stellen helfen. Dies könne aber nicht einen Menschen ersetzen, denn: Letztlich benötigt eine Gesellschaft nicht nur die digitale Unterstützung, sondern auch ein menschliches Miteinander, lautete seine Schlussfolgerung.

Wider die negativen Mythen der Alterung: Was sagt der Zukunftsforscher?

Das Bild zeigt den Zukunftsforscher Matthias Horx bei seinem Vortrag auf dem Demografiegipfel. Zukunftsforscher Matthias Horx plädierte für ein positives Bild des Alters.Für Zukunftsforscher Matthias Horx ist die Gelassenheit des Alters hilfreich für die Bewältigung der Zukunft. Quelle: Henning Schacht

Für die Bewältigung der Folgen des demografischen Wandels spielt vor allem auch die Sichtweise der Gesellschaft eine Rolle, wie der Zukunftsforscher und Gründer des Zukunftsinstituts, Matthias Horx, sagte. Er warnte davor, den Blick auf die Demografie durch eine „Perspektive der negativen Übertreibung“ zu beschränken. Bei näherer Betrachtung erwiesen sich beispielsweise die Negativ-Mythen der Alterung keineswegs als so eindeutig, wie es vielfach dargestellt werde.

So zeige eine Überprüfung der Behauptung „älter gleich kränker“ am Beispiel Alzheimer, dass dies so nicht stimme. Die Krankheit habe enorme Verbindungen zu den jeweiligen Lebensstilen, gerade im geistigen Bereich. In den Regionen Europas, in denen die Lebensqualität und der Bildungsstand hoch ist, nehme Alzheimer in absoluten Zahlen interessanterweise sogar ab, betonte Horx. Dies wurde allerdings noch in keiner Studie thematisiert. Gleiches gelte für den Mythos der schrumpfenden Bevölkerung in Deutschland. Nach den derzeitigen aktuellen Schätzungen werde es nämlich einen Zugewinn bei den Bevölkerungszahlen geben.

Auch die Annahme, dass eine alternde Gesellschaft zunehmend erstarre und reaktionär ausgerichtet sei, treffe nicht zu. So nehme trotz steigenden Alters die gesunde Lebensspanne im Alter in den hochentwickelten Industrieländern künftig zu. Zudem steige auch das subjektive Wohlbefinden bei den Älteren an, die deutlich entspannter in ihrem Lebensabschnitt seien.

Mit dem Rückgang von Stress, Sorgen und Ärger bei zunehmendem Alter sowie dem Zwang, Entscheidungen treffen zu müssen, fühlten sich die Älteren deutlich wohler als die Jüngeren. So ist das subjektive Wohlempfinden gerade bei den Mitte 30-Jährigen am niedrigsten. Ursache hierfür seien der Stress und die Entscheidungszwänge in der Rushhour des Lebens, die diese Gruppe besonders intensiv erlebten.

Das Alter anders denken

All diese widerlegten Mythen offenbarten eine Geisteshaltung in Deutschland mit der Lust am Weltuntergang, diagnostizierte der Zukunftsforscher: „Ohne Weltuntergang geht der Deutsche nicht ins Bett, er fühlt sich wohl in dieser Lage“, resümierte er.

Hier gilt es umzudenken: Warum wird Alter nicht anders gedacht, im Sinne eines „Pro-Ageing“? Dies könnte unsere Kultur reifer und zugleich reicher machen und der negativen Wahrnehmung eines existenziellen Niedergangs von Kultur und Gesellschaft entgegengestellt werden. Für die Bewältigung der Zukunft bedarf es einer funktionierenden vernetzten Beziehung der verschiedenen Bereiche der Gesellschaft. Dabei kann uns die Gelassenheit des Alters ganz gut helfen. Zumal die Reife einer Gesellschaft ganz klar einen Wettbewerbsvorteil darstellt, analysierte Horx.

Neue Rubrik des Demografieportals startet beim Gipfel

Auch das vom BiB betreute Demografieportal des Bundes und der Länder war mit einem eigenen Stand vor Ort. Yvonne Eich und Dr. Stephan Kühntopf vom Redaktionsteam starteten beim Gipfel die neue Rubrik „Internationale Gute Praxis“ auf dem Demografieportal mit 40 Projekten. Die Beispiele zeigen, was im europäischen Ausland sowie in Japan und Kanada bei der regionalen Daseinsvorsorge bereits gut funktioniert.

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