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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

DGD-Jahrestagung 2017 zum Zusammenhang von Alterung, Arbeit und Gesundheit

Datum 05.10.2017

Die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Demografie fand im Rahmen der Statistischen Woche vom 19. bis 21. September 2017 in Rostock statt. Dabei waren auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem BiB. Das zentrale Thema der Veranstaltung lautete „Alterung, Arbeit, Gesundheit“. Hier wurden vor allem der Zusammenhang zwischen Arbeit und Gesundheit sowie die Auswirkungen auf alternde Gesellschaften aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Neben den zahlreichen regulären Sessions gab es sechs „Sondersessions“, in denen unter anderem auch das BiB aktuelle Daten und neue Forschungsergebnisse präsentierte.

Wird der Wunsch nach Erwerbstätigkeit im Rentenalter auch umgesetzt ?

So untersuchte Frank Micheel die Frage, ob eine vorhandene Intention für eine Erwerbstätigkeit im Ruhestand dann auch tatsächlich verwirklicht wird. Auf der Datengrundlage der Längsschnittstudie „Transitions and Old Age Potential (TOP)“ des BiB mit zwei Befragungswellen konnte er einen sehr starken statistischen Zusammenhang zwischen der Intention zur Beschäftigung im Ruhestand und einer späteren tatsächlichen Umsetzung in der bivariaten Betrachtung nachweisen. Diese Assoziation bleibt auch in den multivariaten Analysen stabil, betonte Micheel. Für eine weiterführende Debatte über die Gestaltung einer kohärenten Alterspolitik wäre es beispielsweise von Interesse, einen Blick auf die Faktoren der betrieblichen Ebene zu werfen und zu untersuchen, welche für eine Verwirklichung der Intentionen förderlich sind und welche diese eher verhindern, resümierte er.

Welche Erkenntnisse liefern die Daten der TOP-Studie des BiB im Vergleich zu anderen Datenquellen?

Das Bild zeigt Dr. Andreas Mergenthaler bei der DGD-Jahrestagung 2017. Dr. Andreas Mergenthaler bei der DGD-Jahrestagung 2017.Dr. Andreas Mergenthaler verglich die TOP-Studie des BiB mit anderen Surveys. Quelle: BiB

Das Konzept der TOP-Studie stand auch im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. Andreas Mergenthaler. Er wies zunächst darauf hin, dass empirische Daten zur zweiten Lebenshälfte im Zuge des voranschreitenden demografischen Alterns eine immer größere Bedeutung haben. Er gab einen Überblick über ausgewählte sozialwissenschaftliche Daten verschiedener Surveys, die empirisch fundierte Aussagen zur Lebenssituation älterer Erwachsener liefern. Dazu zählen zum Beispiel der Deutsche Alterssurvey (DEAS) und der Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE). Für viele der inhaltlich breit aufgestellten Studien wie dem DEAS, dem eine Stichprobe von 40- bis 85-Jährigen zugrunde liegt, sind bereits seit einigen Jahren sowohl Querschnitts- als auch Paneldaten verfügbar, erläuterte Dr. Mergenthaler. Damit ist es möglich, die Bedingungen und individuellen Konsequenzen typischer Lebensereignisse wie beispielsweise der Pflegebedürftigkeit des Ehepartners und deren Folgen für ältere Menschen im Zeitverlauf zu analysieren. Der SHARE-Survey ermöglicht als Panel zudem den Vergleich einer repräsentativen Stichprobe von 50- bis 85-Jährigen aus Deutschland mit älteren Menschen aus europäischen Ländern vor allem im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Lebensqualität.

Die TOP-Studie des BiB ist dagegen als Längsschnittstudie thematisch zugespitzt. Ihr Interesse gilt den Übergängen in den Ruhestand und dem Engagement am Arbeitsmarkt, in der Familie und der Zivilgesellschaft von älteren Deutschen im Alter zwischen 55 und 70 Jahren. Die bisher in zwei Befragungswellen durchgeführte Studie ergänzt die genannten Surveys in bestimmten Bereichen und leistet somit einen Beitrag zur Komplettierung der Datenlage, sagte der Soziologe. Darüber hinaus liege ihre Stärke in der methodischen Ausrichtung auf eine Subjekt- und Handlungsorientierung, die Produktivitätsspielräume und -potenziale Älterer deutlich werden lässt. Die Fortführung beziehungsweise der Ausbau solch dynamischer Panelstudien betrachtet Dr. Mergenthaler als eine Voraussetzung dafür, um differenzierte Alternsprozesse zwischen verschiedenen Kohorten noch besser abbilden zu können. Er plädierte für eine Ergänzung bestehender Mikrodaten hinsichtlich sozialer beziehungsweise sozialräumlicher Kontexte, in die die individuellen Entscheidungen und Übergänge älterer Erwachsener eingebettet sind. Dies ist von großem Vorteil, um Altern als Mehrebenenprozess abbilden zu können, konstatierte er. Daher ist auch eine dritte Welle des TOP-Surveys für 2018/2019 geplant.

Welchen Beitrag liefert der Leitbildansatz für die Familienforschung?

Bei der Suche nach Ursachen für demografische Phänomene wie das dauerhaft niedrige Geburtenniveau in Deutschland hat die Sozialforschung den Einfluss kultureller Faktoren auf das Fertilitätsgeschehen bisher kaum beachtet. Um diese Lücke zu schließen, hat das BiB durch die Anwendung des Leitbildkonzepts auf die Familie neue Erkenntnisse erschlossen, die einen stärkeren Einbezug von Kultur als gewinnbringend bestätigen. Kerstin Ruckdeschel stellte in ihrem Vortrag das Leitbild-Konzept vor und gab einen Einblick in die methodische Vorgehensweise bei der Messung von Familienleitbildern. Als methodische Pionierarbeit wurden in der Studie neben den individuellen auch gesellschaftliche Leitbilder erfragt. Ruckdeschel erklärte die Vorgehensweise und Validierung bei der Gewinnung der Daten. Die bisher durchgeführten zwei Wellen (1. Welle: 2012; 2. Welle: 2016) geben Aufschluss über identifizierte Leitbilder, ihre Wirksamkeit und Stabilität. Dazu werden auch Wechselwirkungen zwischen Leitbildern erkennbar. So lässt sich zum Beispiel eine Diskrepanz zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Leitbildern erkennen, betonte Frau Ruckdeschel: Die Befragten nehmen in der Gesellschaft konservativere und restriktivere Leitbilder wahr als die, denen sie persönlich folgen, beziehungsweise denen sie vorgeben zu folgen. Dies zeigt sich beispielsweise beim Kinderreichtum (ab 4 Kindern), der aus individueller Sicht positiv bewertet wird, innerhalb der Gesellschaft aber als Negativimage wahrgenommen wird. Dazu zeigen die Analysen, dass Kinderlosigkeit mittlerweile mehrheitlich als Lebensstil akzeptiert wird, auch wenn die meisten selbst Kinder haben oder haben möchten.

Als problematisch erkannte Frau Ruckdeschel die Überfrachtung von Familienleitbildern in Deutschland. So beinhalten viele Leitbilder Anforderungen, die voraussetzungsvoll und unter den aktuellen Bedingungen schwer zu realisieren sind. Es gebe hier hohe Ansprüche, die zu Überforderungen der Eltern führen könnten, da sie eine Anspruchshaltung an potentielle und werdende Eltern zementieren, warnte die Soziologin. Als eine Konsequenz daraus könnten sich überfrachtete Familienleitbilder hemmend auf die Familiengründung und -erweiterung auswirken. Insgesamt hat sich das Konzept, individuelle und gesellschaftliche Leitbilder getrennt zu messen, bewährt und erlaubt neue Erkenntnisse über die kulturellen Hintergründe des niedrigen Geburtenniveaus in Deutschland. Die erste Welle des Datensatzes ist bereits über GESIS für Forscher verfügbar, die zweite Welle wird in absehbarer Zeit folgen.

Der Einfluss regionalspezifischer Faktoren auf die endgültige Kinderzahl

Mit der Frage, wie sich die Kohortenfertilität (also die endgültige Kinderzahl je Frau) auf Kreisebene in Deutschland unterscheidet und welche Faktoren für die Unterschiede verantwortlich sind, beschäftigte sich Dr. Martin Bujard. Auf der Basis seiner gemeinsam mit Melanie Scheller vom Statistischen Bundesamt durchgeführten Studie zum „Einfluss regionaler Faktoren auf die Kohortenfertilität“ (siehe dazu auch den Literaturhinweis) stellte er zunächst fest, dass ein großer Teil der Fertilitätsforschung regionale Faktoren oftmals ausklammert. Aufgrund der hohen Varianz der Fertilität auf Kreisebene und großen Unterschieden bei den lokalen Opportunitätsstrukturen bei den ökonomischen, politischen und kulturellen Faktoren sei es essenziell, die Fertilitätsforschung um kreisspezifische Faktoren zu erweitern, betonte er. Seine Berechnungen der endgültigen Kinderzahl (CTFR) für die Frauengeburtskohorten 1969–1972 in allen 402 Kreisen Deutschlands belegen starke Unterschiede zwischen den Kreisen. So schwankt die CTFR auf Kreisebene in einer Spannbreite zwischen 1,05 bis 2,00 Kindern je Frau und unterscheidet sich damit fundamental von der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR).

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die endgültige Kinderzahl in den Kreisen höher ist, in denen ein geringer Akademikerinnenanteil herrscht, die Katholikenquote hoch ist und eine traditionelle Wirtschaftsstruktur etabliert ist. Hinzu kommen eine niedrige Arbeitslosenquote, geringe Urbanität und ein Wohnungsmarkt mit vielen großen Wohnungen sowie ein Überschuss an Männern, analysierte der Politologe. Die Resultate seiner Analysen bestätigen somit den hohen Einfluss regionaler Faktoren auf die Fertilität.

Welche Faktoren beeinflussen die Bereitschaft zum Fernpendeln?

Beruflich veranlasste Fernpendelmobilität gewinnt als Alternative zur Binnenmigration zunehmend an Bedeutung. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema befasst sich bisher fast ausschließlich mit dem tatsächlichen Pendelverhalten. Daher untersuchten Dr. Heiko Rüger und Dr. Simon Pfaff in ihrem Beitrag, welche Faktoren die Fernpendelbereitschaft beeinflussen. Dieser Ansatz bietet nach Einschätzung von Dr. Rüger ergänzende Vorteile: Er ist weniger selektiv und die Mobilitätspotenziale innerhalb der Gesellschaft können besser abgeschätzt werden. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich verschiedene sozio-demografische Merkmale, soziale und kulturelle Normen sowie Einstellungen (unter anderem gegenüber der Pendelmobilität) auf die Bereitschaft zum täglichen Fernpendeln (mindestens 60 Minunten einfacher Weg) auswirken und inwieweit es geschlechterspezifische Unterschiede gibt.

Die Ergebnisse auf der Basis von Daten des europäischen SurveysJob Mobilities and Family Lives“ zeigen zunächst, dass das eigene gegenwärtige Mobilitätsverhalten den stärksten Faktor für Mobilitätsbereitschaft darstellt. Dazu erhöht ein mobiler Partner die eigene Pendelbereitschaft signifikant, so Dr. Rüger. Signifikant positive Effekte haben unter anderem auch die Sorge um den Arbeitsplatz, ein befristeter Arbeitsvertrag sowie eine Vollzeitbeschäftigung. Dagegen hat das Vorhandensein von Wohneigentum einen tendenziell negativen Effekt auf die Pendelbereitschaft.

Aus der Geschlechterperspektive lässt sich konstatieren, dass Frauen eine signifikant niedrigere Fernpendelbereitschaft als Männer aufweisen. Allerdings beeinflussen Kinder die Fernpendelbereitschaft von Frauen signifikant negativ – die von Männern hingegen nicht. Aus der Sicht von Dr. Rüger zeigen die Ergebnisse, dass bei den Frauen die Rolle als Mutter an sich und die damit verbundenen sozialen Normen für ihre Pendelbereitschaft möglicherweise entscheidender sind als die konkrete Aufgabenverteilung im Haushalt, da Letztere wiederum in den vorliegenden Daten nur schwach mit der Fernpendelbereitschaft von Müttern zusammenhängt. Grundsätzlich verweisen die Genderunterschiede beim Fernpendeln auf bestehende Vereinbarkeitsprobleme und ein Dilemma für Mütter: So könnte ihre geringere Pendelbereitschaft mit Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt einhergehen, vermutete der Soziologe.

Literaturhinweis

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