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Aktuelle Forschungsthemen des BiB bei der ISA-Konferenz in Wien

Beim dritten Forum der International Sociological Association (ISA) vom 10. bis 14. Juli 2016 in Wien präsentierten zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des BiB Forschungsergebnisse aus den Bereichen Fertilität und Familie sowie Migration.

Das Bild zeigt Dr. Martin Bujard bei seinem Vortrag bei der ISA. Dr. Martin Bujard untersuchte die Auswirkungen familienpolitischer Reformen.Dr. Martin Bujard zu den Folgen des Paradigmenwechsels in der deutschen Familienpolitik. Quelle: BiB

Dr. Martin Bujard: Familienpolitische Reformen und die Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Müttern

So untersuchte Dr. Martin Bujard in Kooperation mit Jasmin Passet-Wittig und Michael Mühlichen, wie sich der Paradigmenwechsel in der deutschen Familienpolitik auf die Arbeitsmarktbeteiligung von Müttern mit kleinen Kindern auswirkt. Mit der Einführung ambitionierter Kinderbetreuungsprogramme und dem einkommensbezogenen Elterngeld hat die Politik die Weichen gestellt, um vor allem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Seit 2005 steigt die Zahl der erwerbstätigen Mütter an und zugleich wächst auch die durchschnittliche Zahl an geleisteten Arbeitsstunden in dieser Gruppe. Die Ergebnisse auf der Grundlage von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) belegen, dass es starke Effekte des Elterngeldes auf die Zunahme der Arbeitsmarktbeteiligung der Mütter mit kleinen Kindern 12 Monate nach der Geburt gibt. Allerdings existiert dieser Zusammenhang nur beim ersten Kind, nicht beim zweiten, betonte Dr. Bujard.

Die Effekte des Kita-Ausbaus wurden auf der regionalen Ebene anhand von Daten des Mikrozensus, der Regionaldatenbank INKAR und des Zensus analysiert. Dabei zeigte sich, dass das unterschiedliche Tempo des Kita-Ausbaus die Veränderungen bei der Müttererwerbsbeteiligung ebenfalls beeinflusst. Der Ausbau von Betreuungsplätzen mit mehr als 7 Stunden am Tag hat dabei den stärksten Effekt – sogar in ostdeutschen Kreisen, die traditionell bereits ein hohes Kita-Angebot aufwiesen.

Das Bild zeigt Ralina Panova (BiB) bei ihrem Vortrag. Ralina Panova vom BiB untersuchte Einflüsse auf die Entscheidungsfindung für ein drittes Kind.Welche ökonomischen und kulturellen Einflüsse wirken sich bei der Entscheidung für ein drittes Kind aus? Diese Frage untersuchte Ralina Panova (BiB). Quelle: BiB

Ralina Panova: Ökonomische und kulturelle Einflüsse auf die Entscheidung für ein drittes Kind im Ländervergleich

Inwieweit beeinflussen kulturelle Einstellungen und soziale Normen zur Familie die Geburt eines dritten Kindes und wie unterscheidet sich dieser Zusammenhang in den drei europäischen Ländern Deutschland (nur Westdeutschland), Frankreich und Bulgarien? Liefert dieser Ansatz einen Beitrag zur Erklärung von internationalen Unterschieden beim Rückgang von Kinderreichtum? Diesen Fragen ging Ralina Panova in ihrem Vortrag nach.

Auf der Basis von Daten der ersten und zweiten Welle des Generations and Gender Survey analysierte sie anhand von knapp 3.000 Befragten im Alter zwischen 20 und 45 Jahren den Einfluss der individuellen Einstellungen zu den Kosten und Nutzen von Kindern und subjektiv wahrgenommenen sozialen Normen auf den Übergang zum dritten Kind. Es wurde deutlich, dass kulturelle Einstellungen und Normen in allen drei Ländern wichtige erklärende Faktoren darstellen, wobei die Zusammenhänge teilweise geschlechtsspezifisch geprägt sind. Während subjektiv wahrgenommener sozialer Druck und psychologischer Nutzen von Kindern in allen drei Ländern positiv mit dem Übergang zum dritten Kind assoziiert ist, gab es Unterschiede zwischen den Ländern in Bezug auf den Effekt von Kosten und Sicherheitsnutzen von Kindern, so Panova. Die Resultate der Studie ermöglichten es, zwischenstaatliche Unterschiede in der Beziehung zwischen kulturellen Einstellungen und Normen einerseits und dem Fertilitätsverhalten andererseits zu erkennen, betonte sie.

Dr. Detlev Lück: Wie sieht die ideale Familie „normalerweise“ aus? Ein methodischer Ansatz zur Erforschung von Familienleitbildern

Wie lassen sich kulturell-normativ geprägte Vorstellungen von Familie wissenschaftlich erforschen? Diesem Thema ist eine Forschergruppe am BiB nachgegangen. Neben dem quantitativen Survey „Familienleitbilder“ hat Dr. Detlev Lück ergänzend einen qualitativen Ansatz zur Erforschung von Familienleitbildern entwickelt, der Zeichnungen von Familie mit einem Interview kombiniert. Er stellte die Methode und exemplarische Ergebnisse in seinem Vortrag vor. Dabei fertigen die Teilnehmer zunächst eine Zeichnung einer Familie an, ohne zu wissen, wozu diese Zeichnung dient. Dadurch bringen sie teilweise freie Assoziationen zu Papier, die im Vergleich zu Antworten in einer Interviewsituation weniger reflektiert sind. Statt wohlüberlegter „politisch korrekter“ Einstellungen lassen sich so undifferenzierte, stereotype Vorstellungen abbilden. In den nachfolgenden Interviews werden die Beteiligten über die Details ihrer Zeichnungen befragt, um eine Interpretationshilfe zu erhalten. Ad hoc-Interpretation des Bildes und Selbstinterpretation durch den Teilnehmer werden dann zu einer finalen Interpretation zusammengeführt. Sich wiederholende Muster lassen auf gesellschaftlich-kulturell verankerte Leitbilder schließen. Eine Reihe solcher kollektiv geteilten Konzeptionen von Familie stellte Dr. Lück abschließend vor und betonte, dass sich diese nicht gegenseitig ausschlössen, sondern auf vielfältige Weise miteinander kombinierbar seien.

Susanne Stedtfeld: Erschwerte Arbeitsmarktzugänge und innereuropäische Arbeitsmigration – Erfahrungen junger Spanierinnen und Spanier in Deutschland

Die seit Jahren andauernde Finanz- und Wirtschaftskrise in Spanien hat besonders für die junge, gutausgebildete Generation im Land Folgen. So liegt die Jugendarbeitslosigkeitsrate bei 50 Prozent, was den Arbeitsmarkteinstieg nach der Bildungsphase in den Lebensverläufen der jungen Menschen erheblich erschwert. Eine Alternative besteht in der Migration nach Deutschland, um so den Übergang von der Ausbildung zum Berufseinstieg zu bewältigen. Vor diesem Hintergrund untersuchte Susanne Stedtfeld (in Kooperation mit Andreas Ette und Dr. Lenore Sauer) in einem qualitativen Forschungsprojekt die Erfahrungen, Strategien sowie Migrationsmotive von 35 nach Deutschland migrierten Spanierinnen und Spaniern. Im Zentrum stand die Frage, inwieweit Migration als biografische Ressource zur Bewältigung des Arbeitsmarkteinstieges herangezogen wird. Die verschiedenen Profile der Interviewees ergeben vier Typen hinsichtlich der Bedeutung der Migration als biografische Ressource, welche Frau Stedtfeld in ihrer Präsentation vorstellte. Diese umfassen: (1) das Überwinden einer persönlichen Notsituation, (2) das Ergreifen einer günstigen, konkreten Gelegenheit, eine Arbeit in Deutschland aufzunehmen, (3) das Vorfühlen eines möglichen Arbeitsmarkteinstieges in einem gesicherten Status sowie (4) das karriereorientierte Ausweichen in eine bessere Jobsituation.

Insgesamt wird deutlich, dass die Migration nach Deutschland als biografische Ressource betrachtet werden kann, die in einem wirtschaftlich kriselnden Land eine Strategie für den Übergang von der Ausbildung in den Beruf darstellen kann. Dabei spielen für den Erfolg oder Misserfolg des Migrationserlebens nicht nur die Qualifikation, das Sprachvermögen oder das Einkommen eine große Rolle, sondern vielmehr noch das Verständnis der Pfade und das Wissen über die angestrebten Ziele der Migrantinnen und Migranten, resümierte Stedtfeld.

Frank Swiaczny (BiB) bei seinem Vortrag. Frank Swiaczny (BiB)Frank Swiaczny (BiB) analysierte den Einfluss von Binnenwanderungen auf die regionale Bevölkerungsdynamik in Deutschland. Quelle: BiB

Frank Swiaczny: Binnenwanderungen in Deutschland und ihr Einfluss auf die regionale Bevölkerungsdynamik

Die regionalen Konsequenzen des demografischen Wandels in Deutschland hängen unter anderem stark von der Entwicklung der Binnenmigration ab. Wie sich die Situation unter den Bedingungen der Alterung und einer schrumpfenden Bevölkerung in den Regionen künftig entwickeln wird, lässt sich gegenwärtig allerdings nicht genau vorhersagen, betonte Frank Swiaczny in seinem Vortrag.

Die aktuellen Prognosen bis zum Jahr 2030 gehen davon aus, dass sowohl der Wettbewerb zwischen den Wohnstandorten zunehmen wird als auch die regionalen Disparitäten sich künftig intensivieren werden. Diese Modellrechnungen zeichneten dazu in der langfristigen Bevölkerungsentwicklung für die suburbanen und ländlichen Räume, die bisher zum Teil stark von der Binnenwanderung profitiert haben, tendenziell ein zu positives Bild, warnte Swiaczny. Seine vorgestellte Modellrechnung ging daher davon aus, dass für die Differenzierung des Bevölkerungswachstums durch die Binnenwanderung in der Vergangenheit andere Muster galten, als dies in Zukunft für eine Phase der Fall sein wird, in der die Bevölkerung insgesamt schrumpft. So ergibt sich, dass über 2030 hinaus auch solche ländlichen und suburbanen Regionen, die nach den aktuellen Trends zunächst noch vergleichsweise positive Perspektiven haben, erhebliche Bevölkerungsrückgänge erfahren könnten.

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