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Aktuelle nationale und internationale Herausforderungen der Demografie

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) vom 9. bis 11. März 2016 in Leipzig

Neben neuen Forschungsergebnissen aus der demografischen Wissenschaft wurde bei der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) vom 9. bis 11. März 2016 unter dem Motto „Aktuelle nationale und internationale Herausforderungen der Demografie“ in Leipzig auch das Flüchtlingsgeschehen analysiert. So widmete sich eine Podiumsdiskussion der Frage, inwieweit der derzeitige Zustrom an Flüchtlingen zu einer Lösung der Probleme auf dem Arbeitsmarkt und im Hinblick auf die demografische Alterung beitragen kann. Zudem stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem BiB aktuelle Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit aus unterschiedlichen Bereichen vor.

Immigration löst nicht Herausforderungen des demografischen Wandels

In der Podiumsrunde kamen Prof. Dr. Gabriele Doblhammer (Universität Rostock), Prof. Dr. Horst Weishaupt (Deutsches Institut für internationale pädagogische Forschung) sowie Prof. Dr. Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut Dresden übereinstimmend zu dem Schluss, dass der Flüchtlingsstrom letztlich die Probleme des Arbeitsmarktes und der demografischen Alterung keineswegs nachhaltig zu lösen vermag.

Vielmehr zeigten erste Erhebungen, dass der überwiegende Teil der Flüchtlinge nicht ausreichend qualifiziert ist, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Prof. Weishaupt betonte, dass es auf lange Sicht besser ist, jetzt Geld in die Integration und Weiterqualifizierung der Menschen mit Migrationshintergrund (einschließlich derer, die bereits in zweiter oder dritter Generation hier leben) zu investieren, als es später für soziale Hilfeleistungen ausgeben zu müssen. Auf die Frage, ob die Flüchtlinge eher auf die schrumpfenden, ländlichen Räume verteilt werden sollten, zeigte sich Prof. Ragnitz in Anbetracht des mangelnden Angebots an Arbeitsplätzen skeptisch, während Prof. Weishaupt für eine differenzierte Sicht eintrat. Prof. Doblhammer wies vor allem auf die aktuell schlechte Datenlage hin, die es erschwert, Aussagen in Bezug auf die Flüchtlinge zu treffen. Sie plädierte dafür, dass die Politik Hürden abbauen muss, um so zu einer Verbesserung der Daten zu gelangen.

Alterung wird nur verlangsamt – aber durch Immigration nicht aufgehalten

In seiner Eröffnungsrede zur Tagung mit rund 200 Teilnehmern bestätigte auch der Präsident der DGD, Prof. Dr. Tilman Mayer, die von Demografen seit Jahrzehnten vertretene Meinung, dass Immigration Alterung nur verlangsamen, aber nicht aufhalten kann. Zudem setzt die Erwartung mancher Ökonomen, dass die Flüchtlingsbewegung die Facharbeiterlücke füllen könne, angesichts eines bisher beobachteten begrenzten Anteils bildungsaffiner Zuwanderer gewaltige Integrationsanstrengungen voraus, um diese Defizite zu beheben, betonte Prof. Mayer. Er plädierte für eine kontrollierte Zuwanderung nach Deutschland, die auch von der Bevölkerung mitgetragen werden muss. Darüber hinaus rücken vor dieser Diskussion die anderen großen Themen des demografischen Wandels, wie etwa die noch immer existente Fertilitätsschwäche, in den Hintergrund. Deutschland hat aus demografischer Sicht mehr als genug Herausforderungen, für die eine Lösung gefunden werden muss, forderte er.

Das Bild zeigt den sächsischen Ministerpräsident Stanislaw Tillich bei seiner Begrüßungsrede. Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich bei seiner Begrüßungsrede.Der sächsische Ministerpräsident Tillich sieht den Freistaat gut aufgestellt bei der Bewältigung des demografischen Wandels. Quelle: Wolfgang Weiß, Uni Greifswald

Der demografische Wandel in Sachsen

Im Anschluss daran hob der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Stanislaw Tillich, die Chancen des demografischen Wandels gerade für Sachsen hervor. Das Land und vor allem die Kommunen wirkten bereits seit längerem aktiv an der Gestaltung des Wandels mit unterschiedlichen Modellvorhaben und Initiativen mit. So setzte die Verwaltung beispielsweise in einigen Regionen auf mobile Bürgerterminals, um möglichst kurze Wege zwischen Bürgern und Ämtern zu schaffen. Zudem sei der Freistaat bereits seit 2007 bei der Gestaltung der Herausforderungen des demografischen Wandels mit der Unterstützung von Vereinen, Kommunen und Verbänden aktiv, so der Ministerpräsident. Er ging auch auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte ein und wies darauf hin, dass nicht alle Flüchtlinge dauerhaft hierbleiben werden. Zudem löse Zuwanderung auch nicht alle demografischen Probleme. Allerdings sehe er diejenigen, die bleiben und sich gut integrieren lassen, als Gewinn für Sachsen.

Das Bild zeigt den japanischen Soziologen Prof. Dr. Toshihiko Hara bei seinem Vortrag. Der japanische Soziologe Prof. Dr. Toshihiko Hara analysiert die demografische Lage in Japan.Demografische Trends in Japan stellte der Soziologe Prof. Dr. Toshihiko Hara von der City-Universität Sapporo, Japan in seiner Keynote vor. Quelle: Wolfgang Weiß, Uni Greifswald

Schrumpfende und alternde Gesellschaften: Deutschland und Japan

Wie sich der demografische Wandel in Japan im Vergleich zu Deutschland entwickelt, zeigte Prof. Dr. Toshihiko Hara in seiner Keynote. Er wies darauf hin, dass Deutschland und Japan deutliche Ähnlichkeiten aufweisen. So wird in beiden Ländern zum Beispiel Kinderlosigkeit zunehmend akzeptiert. Zudem zeigt sich ein Trend zur späteren Geburt in beiden Ländern. Dagegen hat die Ehe in Japan einen deutlich höheren Stellenwert und ist für die Familiengründung wichtiger als in Deutschland. Insgesamt hat sich seit 2015 in Japan eine Wende von der Familien- zur Bevölkerungspolitik vollzogen. Neues erklärtes politisches Ziel ist die Suche nach politischen Mitteln für die Realisierung der gewünschten Kinderzahl, betonte Prof. Hara.

Vorträge zu aktuellen Forschungsthemen aus dem BiB

Auch in diesem Jahr wurden in insgesamt 14 Sessions aus den unterschiedlichen Forschungsbereichen der Demografie aktuelle Projekte und Ergebnisse vorgestellt. Dabei waren auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem BiB. Hier ein Überblick über die vorgestellten Beiträge:

Schwächt sich der Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und Bildung ab?

Dieser Frage ging Dr. Martin Bujard nach. Er zeigte zunächst, dass sich die Trends der Kinderlosigkeit zwischen verschiedenen Gruppen erheblich unterscheiden. So ist mittlerweile bei niedrig gebildeten Frauen ohne Migrationshintergrund ein starker Anstieg der Kinderlosigkeit erkennbar, betonte Dr. Bujard. Dagegen ist die Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen ab den 1970er Jahrgängen wieder rückläufig. Denkbare Ursachen für diese Entwicklung hierfür sind zum einen eine Diffusion des Lebensstils von urbanen Akademikern in andere soziale Gruppen und zum anderen Auswirkungen familienpolitischer Maßnahmen wie Elterngeld oder Kita-Ausbau. Auch Fortschritte in der Reproduktionsmedizin könnten sich hier auswirken, meinte Dr. Bujard.

Familienleitbilder in Deutschland und Frankreich

Wie unterscheiden sich Familienleitbilder in Deutschland und Frankreich in Bezug auf Partnerschaft und Familie? In ihrem Beitrag stellte Kerstin Ruckdeschel (in Zusammenarbeit mit Sabine Diabaté) zunächst das Konzept der Familienleitbilder vor und ging auf zentrale demografische Unterschiede in Deutschland und Frankreich ein. Auf der Basis von Ergebnissen der Familienleitbildstudie des BiB und der französischen Studie „Étude Longitudinale par Internet pour les Sciences Sociales (ELLIPS)" suchte sie Antworten auf die Frage, ob sich unterschiedliche Familienleitbilder in Deutschland und Frankreich aufzeigen lassen und inwieweit sie den Kinderwunsch beeinflussen. Ihre Analysen belegen die Existenz unterschiedlicher Leitbilder in beiden Ländern, die das gesellschaftliche Klima bestimmen. So dominiert in Frankreich eine Selbstverständlichkeit von Elternschaft, während sich in Deutschland eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz von Kinderlosigkeit nachweisen lässt. Zudem wird in Frankreich externe Kinderbetreuung und die Erwerbstätigkeit von Müttern in höherem Maße akzeptiert als in Deutschland, analysierte Kerstin Ruckdeschel.

Aus den Ergebnissen geht hervor, dass die Übernahme von Modellen anderer Länder zur Geburtenförderung, wie zum Beispiel Vereinbarkeitsmodelle, mit Bedacht geschehen muss. Dabei darf vor allem der kulturelle Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. So müssen Leitbilder, die in Deutschland stark vertreten sind - wie verantwortete Elternschaft, die fürsorgende Mutter oder das Bild des neuen Vaters - mitberücksichtigt werden.

Erfahrungen spanischer Neuzuwanderer beim Arbeitsmarkteinstieg in Deutschland

Welche Erfahrungen machen spanische Neuzuwanderer, wenn sie nach Deutschland kommen, um hier zu arbeiten? Dazu präsentierte Dr. Lenore Sauer erste Forschungsergebnisse (in Zusammenarbeit mit Susanne Stedtfeld und Andreas Ette vom BiB). In Spanien führte die Wirtschaftskrise der letzten Jahre zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit. Derzeit stehen vor allem junge Menschen vor der Herausforderung, den Einstieg in einen für sie verschlossenen Arbeitsmarkt zu realisieren. Vor dem Hintergrund der europäischen Integration betonte Dr. Sauer die idealen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Migration von Spanien nach Deutschland. So gibt es zum einen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt und zum anderen verfügen junge Spanierinnen und Spanier über passende Profile für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration. Letztere haben sich in den vergangenen Jahren vermehrt dazu entschlossen, ihren Arbeitsmarkteinstieg in Deutschland zu realisieren. Dennoch kehrt ein signifikanter Anteil von ihnen innerhalb eines Jahres nach Spanien zurück.

Welchen Herausforderungen begegnen sie also in Deutschland? Welche Erwartungen, Erfahrungen und Ziele stecken hinter dieser Migration? Gelingt der Arbeitsmarkteinstieg beziehungsweise warum ist dies nicht der Fall? Zur Beantwortung dieser Fragen wurden 2015 insgesamt 33 qualitative Interviews mit spanischen Zuwanderern im Alter zwischen 25 und 35 Jahren geführt, die 2014 und 2015 ins Rhein-Main-Gebiet gezogen sind. Die Befragten erklärten ihre Motive für den Zuzug nach Deutschland und gingen dabei auch auf ihre Ausgangssituation in Spanien sowie auf ihre Erfahrungen in Deutschland ein.

Erste Auswertungen der Interviews zeigen, dass die Krise in Spanien sehr unterschiedlich auf die Lebensläufe dieser jungen Menschen wirkt. Obwohl sie mit ihrem Zuzug nach Deutschland ähnlich gehandelt haben, zeigen sich unterschiedliche Muster bei der Begründung dieser Handlung. Während eine Gruppe sich von der Krise bedroht dazu gezwungen sah, Spanien verlassen zu müssen, empfand es eine andere Gruppe eher als Ermöglichung und Eröffnung neuer Chancen in Bezug auf Lebens- und Arbeitsperspektiven. Es zeigten sich zudem große Unterschiede hinsichtlich der Strategien und Wege des Nach-Deutschland-Kommens sowie unterschiedliche Ansprüche bei der sozialen Integration und bei der Aufnahme einer Beschäftigung. In den nächsten Monaten ist eine Wiederholungsbefragung geplant, um die weitere Entwicklung der Befragten zu verfolgen (2. Welle). Auch soll den Fragen nachgegangen werden, welche Rolle Netzwerken und dem Geschlecht zukommt.

Höhere Lebenserwartung und Gesundheitszustand

Mit der ungebremsten Zunahme der Lebenserwartung nimmt zugleich auch die Zahl chronischer Krankheiten zu. Aber führt der Anstieg der Lebenserwartung tatsächlich zu einem höheren Erkrankungsrisiko für chronische Erkrankungen und einem wahrscheinlicheren Tod durch eine Infektionskrankheit? Antworten auf diese Frage suchte Dr. Ronny Westermann vom am BiB angesiedelten Kompetenzzentrum Mortalitäts-Follow-Up der Nationalen Kohorte (in Kooperation mit Frederik Peters vom Institut für Soziologie und Demographie, Rostock) in seinem Beitrag.

Auf der Basis von Daten aus acht europäischen Ländern (Österreich, Dänemark, Finnland, Griechenland, Niederlande, Norwegen, Schweden, Schottland) des ERA-EDTA-Registers und der Todesursachendatenbank der WHO untersuchte er zwischen 2000 und 2013 Variationen in der Inzidenz, also der Häufigkeit von Neuerkrankungen an einer Krankheit im Zeitverlauf, sowie der Prävalenz (das heißt Krankheitshäufigkeit im aktuellen Zustand) der Nierenersatztherapie sowie der Sepsissterblichkeit. Damit soll getestet werden, ob der Anstieg in der Sepsissterblichkeit möglicherweise mit einer steigenden Prävalenz des Verlustes der Nierenfunktion einhergeht.

Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass mit Ausnahme von Griechenland und Dänemark das Lebenszeitrisiko einer Nierenersatztherapie sinkt und vor allem in Skandinavien das Lebenszeitrisiko für die Sepsissterblichkeit steigt, so Dr. Westerman. Die bisherigen Resultate bestätigen nicht die eingangs gestellte Frage und weisen vielmehr darauf hin, dass ein längeres Leben in Gesundheit möglich ist.

Organisatorisches: Prof. Dr. Doblhammer neue Präsidentin der DGD

Neben einem umfangreichen inhaltlichen Programm wurde im Rahmen der Tagung auch der Vorstand der DGD neugewählt. Danach ist Prof. Dr. Gabriele Doblhammer (Universität Rostock) die neue Präsidentin. Sie löst den bisherigen Präsidenten Prof. Dr. Tilman Mayer ab, der das Amt sechs Jahre innehatte.

Zum Vizepräsident wurde der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider gewählt. Die restlichen Mitglieder des neuen Vorstandes heißen Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld (Hertie School of Governance, Berlin), Dr. Bettina Sommer (Statistisches Bundesamt, Wiesbaden), sowie Dr. Elke Hoffmann (Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin). Neue Geschäftsführerin ist Dr. Christina Westphal (Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels).

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