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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Was fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

9. Informationsveranstaltung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) am 3. November 2016 in Berlin

Bei der mittlerweile neunten Informationsveranstaltung des BiB in Berlin präsentierten am 3. November 2016 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts vor gut 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Ministerien und Behörden aktuelle demografische Befunde. Im Fokus standen diesmal der gesellschaftliche Zusammenhalt, die demografische Dividende, der Anteil von Migranten im öffentlichen Dienst sowie die Ursachen für die gesunkene Zahl kinderreicher Familien.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Norbert F. Schneider bei seinem Vortrag im Rahmen der BiB-Infoveranstaltung in Berlin. Prof. Dr. Norbert F. Schneider (BiB) zum Thema gesellschaftlicher ZusammenhaltProf. Dr. Norbert F. Schneider untersuchte Einflussfaktoren auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Quelle: BiB

Der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, untersuchte Einflussfaktoren auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und gab Antworten auf die Frage, wie dieser gefördert werden kann. Die Gründe für die aktuelle Fokussierung auf das Thema durch Politik und Gesellschaft liegen in der öffentlichen Debatte darüber, inwieweit der Zusammenhalt in der Gesellschaft abnimmt und bedroht ist. Ist dies tatsächlich so?

Prof. Schneider: Individualisierung schafft Optionsvielfalt

Für die These des vermeintlich schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalts wird vor allem der Prozess der Individualisierung verantwortlich gemacht, der laut Schneider keine neue Entwicklung ist. In diesem Zusammenhang wird behauptet, dass eine Vereinzelung in der Gesellschaft stattfindet, indem vorhandene soziale Bindungskräfte wie Familie, Arbeit, Nachbarschaft oder die Dorfgemeinschaft zunehmend in den Hintergrund treten. Als Folge würden sich Menschen nur noch um sich selbst kümmern. Diese Sicht ist allerdings falsch, kritisierte Prof. Schneider.

So bedeutet Individualisierung tatsächlich Auflösung, aber zugleich entsteht etwas anderes. An die Stelle von früheren normativ aufgeladenen Bindungen tritt eine größere Gestaltungsfreiheit und damit eröffnen sich mehr Freiräume und Handlungsoptionen für die Menschen. Allerdings geht damit auch ein Zwang zur Entscheidungsfindung einher, der immer öfter nicht nur die Wahl einer positiven Option, sondern zugleich auch die Abwahl vieler anderer Optionen bedeutet. Damit bedeutet Individualisierung nicht Vereinzelung, sondern im Gegenteil die Schaffung von Optionsvielfalt. Wir können mehr gestalten und dies ist am Ende keine Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, betonte der Soziologe.

Globalisierung führt zu wachsender Vieldeutigkeit

Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass heute viele gesellschaftliche Entwicklungen im Zuge der Globalisierung ambivalent sind. Damit werden wir lernen müssen umzugehen, forderte er. Eine große Rolle spielen hier auch Abstiegsängste der Mittelschicht in Deutschland, die Sorge hat, dass es ihren Kindern künftig weniger gut geht als gegenwärtig. All dies macht deutlich, dass der Erhalt des gesellschaftlichen Zusammenhalts keine Selbstverständlichkeit ist, sondern tagtäglich aktiv gestaltet werden muss. Hier geht es um eine Daueraufgabe, um diesen Prozess am Leben zu erhalten, so Prof. Schneider.

Letztlich ist gesellschaftlicher Zusammenhalt abhängig von geteilten Erfahrungen und Erwartungen und einem gemeinsamen flexibel gestalteten Werteraum, zu dem sich die Menschen zugehörig fühlen und mit dem sie sich identifizieren. Zentral ist hier das Thema Vertrauen – und zwar sowohl in die Mitmenschen als auch in die Funktionsfähigkeit der gesellschaftlichen Institutionen. Gleiches gilt für Chancengleichheit und soziale Teilhabe. So weisen Gesellschaften mit einer hohen Chancengleichheit einen höheren sozialen Zusammenhalt auf als solche, in denen sie beeinträchtigt ist.

Kein Rückgang des Zusammenhalts in Deutschland

Wie es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland bestellt ist, zeigte Prof. Schneider anhand von Befunden einer 2013 erschienenen Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. Demnach hat der gesellschaftliche Zusammenhalt in den letzten 20 Jahren offenbar nicht abgenommen. So gibt es einen erkennbaren positiven Zusammenhang zwischen dem Wohlstandsniveau und dem Zusammenhalt. Allerdings ist eine tiefe Spaltung zwischen West- und Ostdeutschland erkennbar. Inwieweit sich Krisen auswirken, ist derzeit aufgrund fehlender empirischer Befunde unklar, so der Soziologe.

Was ist zu tun?

Um den Zusammenhalt zu fördern, muss aus seiner Sicht sowohl politisch als auch institutionell die Deutungshoheit über das gesellschaftliche Geschehen zurückgewonnen und der öffentliche Diskurs nicht anderen Kräften überlassen werden. Es gehe darum, sich kommunikativ einzumischen und Leitplanken zu setzen, um so den Werteraum abzugrenzen, in dem gesellschaftlicher Zusammenhalt wächst, forderte er.

Apl. Prof. Bernhard Köppen: Ist die demografische Dividende Mythos oder Chance für globalen Wohlstand?

Im zweiten Vortrag untersuchte apl. Prof. Dr. Bernhard Köppen inwieweit die sogenannte demografische Dividende als Grundlage zur Förderung des globalen Wohlstands genutzt werden kann. Die demografische Dividende beschreibt den möglichen wirtschaftlichen Nutzen, der sich durch die demografische Veränderung der Bevölkerungsstruktur im Hinblick auf die Geburten und die Sterblichkeit eines Landes erzielen lässt. Dahinter steckt die Beobachtung, dass es eine Korrelation zwischen Wohlstand und rückläufigen Geburtenraten zu geben scheint.

So zählen die Länder mit einem starken Bevölkerungswachstum und einem hohen Anteil junger Menschen zu den ärmsten Ländern auf der Erde, erläuterte Prof. Köppen. Sinkt in armen Gesellschaften im Zuge des sogenannten demografischen Übergangs erst die Sterblichkeit und dann die Geburtenrate, dann führt dies zu einer ersten Dividende mit einem höheren verfügbaren Einkommen. Die Abhängigenquote – das Verhältnis von noch nicht, beziehungsweise nicht mehr im erwerbsfähigen Alter Stehenden zu Personen im erwerbsfähigen Alter) sinkt und zugleich steigt die Erwerbsbeteiligung an. Es wären Ressourcen für den Arbeitsmarkt, den Konsum, die (Aus-)Bildung sowie Gesundheit und Vermögen vorhanden, was letztlich eine zweite Dividende mit Investitionen zur Wohlstandssteigerung ermöglicht.

Eine solche Entwicklung lässt sich nachweisen, betonte Köppen, zumal alle Gesellschaften, die den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft vollzogen haben, das gleiche Muster des demografischen Übergangs durchliefen beziehungsweise noch durchlaufen werden. Allerdings ist der Zeitraum, in dem von der demografischen Dividende profitiert werden kann, begrenzt, da das „Window of Opportunity“ im Verlauf des demografischen Übergangs nur eine gewisse Zeit Bestand hat. Er wies darauf hin, dass das Konzept auch Schönheitsfehler aufweist: So ist der ökonomische Aufschwung asiatischer Staaten als Vorbild für andere Länder nur bedingt geeignet. Hinzu kommt, dass die demografische Dividende günstige Rahmenbedingungen wie beispielsweise stabile Institutionen, keine Korruption oder Kriege und so weiter benötigt und keineswegs ein Selbstläufer ist.

Die Forschung am BiB beschäftigt sich aktuell mit der Frage, wo und warum Geburtenraten zurückgehen. Dabei zeigt sich unter anderem, dass sich die Gesellschaften, die den demografischen Übergang seit 1950 besonders schnell durchlaufen haben, hohe Urbanisierungsraten aufweisen und in Bildung investieren. Grundsätzlich muss aber geklärt werden, wo ein angestrebtes Ziel demografischer Dividenden überhaupt realistisch ist – und wo nicht, resümierte Prof. Köppen.

Andreas Ette: Ist der öffentliche Dienst als Arbeitgeber für Migranten Vorreiter oder Nachzügler?

Das Bild zeigt Andreas Ette bei seinem Vortrag im Rahmen der BiB-Infoveranstaltung in Berlin. Andreas Ette (BiB) zur Repräsentation von Migranten im öffentlichen DienstAndreas Ette untersuchte, ob der öffentliche Dienst Vorreiter oder Nachzügler bei der Beschäftigung von Migranten ist. Quelle: BiB

Mit der Frage der Repräsentation von Migranten im öffentlichen Dienst beschäftigte sich Andreas Ette im dritten Vortrag. Er untersuchte zunächst, welche gesellschaftlichen Gruppen überhaupt im öffentlichen Dienst arbeiten und inwieweit es Unterschiede zwischen verschiedenen Migrantengruppen gibt. Darüber hinaus stellte sich die Frage, ob die Interessen dieser gesellschaftlichen Gruppen vertreten werden und in welchen Funktionen Beschäftigte mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst tätig sind. Hier spielen beispielsweise neben dem Alter – als grober Hinweis für die Expansionsphasen des öffentlichen Dienstes in historischen Zeitfenstern – auch die Angebotsseite mit einem Mangel an potenziellen Bewerbern mit Migrationshintergrund und ausreichenden Qualifikationen eine Rolle. Hinzu kommen spezifische Einstellungsvoraussetzungen wie zum Beispiel die deutsche Staatsbürgerschaft oder Deutschkenntnisse, die einer Aufnahme in den öffentlichen Dienst entgegenstehen können.

Ette stellte zentrale Ergebnisse aus einer Pilotstudie des BiB zur interkulturellen Öffnung des öffentlichen Dienstes mit Behörden aus der Bundesverwaltung vor BiB Working Paper 1/2016 In ihr wurden die soziodemografische Struktur und die Erwerbssituation der Beschäftigten mit Migrationshintergrund analysiert. Dabei wurde deutlich, dass der Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Privatwirtschaft deutlich niedriger ausfällt. Somit ist der öffentliche Dienst als Nachzügler zu bewerten.

In Bezug auf die Repräsentativität von Personen mit Migrationshintergrund – dargestellt durch die Anteile der Migrantengruppen gegliedert nach obersten Bundesbehörden, nachgeordnetem Geschäftsbereich und Bundeswehr sowie nach Laufbahngruppen – ist der öffentliche Dienst nicht als Vorreiter zu bezeichnen, erläuterte Ette. Zur genaueren Analyse besteht ein umfangreicher Forschungsbedarf hinsichtlich begünstigender Faktoren für eine interkulturelle Öffnung im öffentlichen Dienst, resümierte er.

Zu diesen Faktoren zählen etwa Vorbilder, sprich „erfolgreiche Migranten“, soziale Netzwerke sowie die Selbst- und Fremdauswahl bei Bewerbungs- und Aufstiegsprozessen. Als zentrale Konsequenzen für die Personalpolitik nennt Ette eine Vermeidung von Diskriminierungen im Einstellungsverfahren und die Gewinnung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Eine diverse Belegschaft in den Behörden des öffentlichen Dienstes leistet einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, betonte er.

Dr. Martin Bujard: Immer weniger Kinderreiche – Ursachen und Folgen

Im letzten Vortrag beleuchtete Dr. Martin Bujard die aktuelle Entwicklung des Geburtenniveaus in Deutschland. Trotz der kürzlich auch vom BiB festgestellten Trendwende, die sich sowohl bei der zusammengefassten Geburtenrate als auch bei der endgültigen Kinderzahl von Frauen zeigt, ist die Geburtenrate noch deutlich unter der Ausgleichsrate. Als zentralen Grund führte Dr. Bujard den geringen Anteil von kinderreichen Familien an. Mithilfe einer Dekompositionsmethode, die den Effekt von Kinderlosigkeit und Kinderreichtum für Veränderungen zwischen zwei Geburtenraten berechnet, zeigte er, dass vor allem zwei Faktoren für den Geburtenrückgang in Deutschland verantwortlich sind: Zum einen der Rückgang kinderreicher Familien mit drei und mehr Kindern bei den Geburtsjahrgängen der Frauen 1933-1947 und zum anderen eine zunehmende Verbreitung dauerhafter Kinderlosigkeit bei den Jahrgängen 1947-1968.

Bei der Suche nach Antworten für die Gründe des rapiden Rückgangs kinderreicher Familien in den 1960er Jahren müssen neben langfristigen Entwicklungen wie beispielsweise der Rationalisierung der Familienplanung oder dem Übergang vom Agrar- zum Dienstleistungssektor auch kurzfristige Faktoren beachtet werden, betonte Dr. Bujard. Dazu gehören etwa das Aufkommen moderner Verhütungsmittel oder eine Debatte zu Überbevölkerung, wie sie Anfang der 1960er Jahre stattfand. Genannt werden müssen hier auch länderspezifische Faktoren in Ländern wie Deutschland, Japan oder Südeuropa, in denen aufgrund einer rassenideologisch oder militärisch missbrauchten Bevölkerungspolitik eine pronatalistische Familienpolitik tabuisiert war.

Aus einer kulturellen Perspektive lässt sich bei einer Mehrheit seit Ende der 1960er Jahre eine Verfestigung der Zwei-Kind-Norm als Erwartung an Eltern erkennen, während zugleich kinderreiche Familien stigmatisiert wurden. Die Durchsetzung einer verantworteten Elternschaft, die die Eltern unter Druck setzt und eine hohe Erwartungshaltung produziert, trug ebenfalls dazu bei, dass sich immer mehr Eltern gegen viele Kinder entschieden. Mit Blick auf die Sozialstruktur lässt sich konstatieren, dass es vor allem Familien mit Migrationshintergrund, niedriger Bildung beziehungsweise sehr wohlhabende Familien sind, die heute noch drei oder mehr Kinder bekommen, erläuterte der Politologe. Hier gibt es bei den Merkmalen ein hohes Maß an Heterogenität.

Da der niedrige Anteil kinderreicher Familien kulturell bedingt ist, lässt er sich politisch kaum beeinflussen. Aus sozialpolitischen Gründen wäre es aber sinnvoll, die Rahmenbedingungen für kinderreiche Familien zu verbessern, forderte Dr. Bujard. Denkbar sind hier beispielsweise ein höheres Kindergeld ab dem dritten Kind sowie eine stärkere Bekämpfung von Kinderarmut. Dazu müssten mehr bezahlbarer Wohnraum für kinderreiche Familien geschaffen und die Kitagebühren reduziert werden.

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