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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Wohin entwickelt sich Familie in Deutschland?

Wissenschaftliches Symposium des BiB am 25. September 2015 in Wiesbaden

Anlässlich des 60. Geburtstags von Direktor Prof. Dr. Norbert F. Schneider veranstaltete das BiB am 25. September 2015 in Wiesbaden ein Symposium, bei dem sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland mit der Frage auseinandersetzten, wohin sich die Familie in Deutschland entwickelt. In mehreren Vorträgen wurde anhand spezifischer Fragestellungen der aktuelle Stand der Familienforschung thematisiert und diskutiert.

Das Grußwort zur Veranstaltung sprach der für das BiB verantwortliche Abteilungsleiter im Bundesministerium des Innern, Herr MinDir Dr. Jörg Bentmann. Er übermittelte die besten Glückwünsche des Bundesinnenministers Dr. Thomas de Maizière und betonte die hervorragende Zusammenarbeit mit der Institutsleitung und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BiB. Das Engagement des Instituts und die hier bereitgehaltene wissenschaftliche Expertise mache es zu einem verlässlichen und wichtigen beratenden Partner des BMI und anderer Ministerien. Er würdigte die Leistungen des BiB in den vergangenen Jahren, etwa im Rahmen der Leitbildforschung oder der Alterns- und Mobilitätsforschung und verwies auf wichtige Vorhaben in der Zukunft, etwa die European Population Conference, die 2016 vom BiB ausgerichtet wird und erstmals in Deutschland stattfindet. Er wünsche sich, dass diese erfolgreiche Entwicklung des Instituts auch in Zukunft so weitergehe, so Dr. Bentmann.

Das Bild zeigt Dr. Detlev Lück (BiB) bei seinem Vortrag. Dr. Detlev LückDie Ursachen für die Veränderungen der Familie sind komplex und sorgen für wissenschaftliche Kontroversen, betonte Dr. Detlev Lück bei seinem Vortrag. Quelle: A. Mergenthaler, BiB

Dr. Detlev Lück: Wandel der Familie – Einführung in ein vielschichtiges Themengebiet
Dr. Detlev Lück gab eine thematische Einführung in das Symposium. Er zeigte auf, dass die Familienforschung auf die Frage, wohin sich Familie entwickelt, bis vor wenigen Jahrzehnten relativ einfache und undifferenzierte Antworten bereithielt. Diese seien jedoch von den Entwicklungen seit den späten 1960er Jahren nachhaltig widerlegt worden, so dass die Familienforschung genötigt wurde, sich neu zu erfinden. Eindeutige Prognosen, wohin sich die Familie in Zukunft entwickelt, seien heute nicht mehr möglich, denn es habe sich gezeigt, dass Entwicklungen plötzliche Richtungsänderungen nehmen können. Lediglich über mögliche Szenarien hinsichtlich einzelner Aspekte lasse sich noch spekulieren, sagte Dr. Lück, etwa über eine Zunahme transnationaler Familien oder über eine steigende Notwendigkeit, das Familienleben mit beruflichen Mobilitätserfordernissen zu vereinbaren. Weiterhin sei es heute nicht mehr klar, inwieweit Familienforschung normative Standpunkte beziehen dürfe. Zwar sei es Konsens, dass die Gestaltung des privaten Lebens grundsätzlich Privatangelegenheit ist. Dennoch gebe es möglicherweise Entwicklungen, die man als kritisch einstufen müsse und bei denen man der Politik Hinweise für mögliche Interventionen an die Hand geben könne, wie etwa die ökonomische Abhängigkeit dauerhaft erwerbsloser Hausfrauen oder ungewollte Kinderlosigkeit. Drittens sei heute nicht mehr klar, so Dr. Lück, was Familie eigentlich ist. Blicke man auf die Definitionen von Familie, so werde deutlich, dass der Familienbegriff über die vergangenen Jahrzehnte zunehmend ausgeweitet worden sei. Da dies aber nicht synchron geschehe, kursierten heute, zumindest vorübergehend, unterschiedliche Begriffe. Daher lauten die beiden Fragen, auf die sich die Familienforschung zu Recht konzentriere und auf die sie am ehesten Antworten geben könne: Wie genau verändert sich die private Lebensführung seit den 1960er Jahren? Und warum? Doch selbst dazu gebe es vielfältige Positionen und Kontroversen, wie der Soziologe skizzierte. In jedem Fall seien der Wandel der Familie und seine Ursachen komplex und verlangten nach komplexen und differenzierten Antworten.

Dr. Jürgen Dorbritz: Starke Differenzierung bei den Fertilitätsmustern in Europa
Wie sich die demografische Situation vor allem im Hinblick auf das Fertilitätsgeschehen in Europa derzeit darstellt, beleuchtete Dr. Jürgen Dorbritz. Die aktuelle Lage ist gekennzeichnet durch einen wellenförmigen Verlauf der Fertilität – es gibt weder einen Anstieg noch einen Rückgang. Hierfür bedürfe es einer Erklärung, betonte er. Insbesondere die Frage, warum es in Ländern mit spezifischen ökonomischen und sozialen Hintergründen ein gemeinsames Auf und Ab bei der Fertilitätsentwicklung gebe, müsse geklärt werden. Charakteristisch für die Fertilitätsmuster in Europa sei derzeit eher eine starke Ausdifferenzierung als eine Annäherung, besonders in Süd- und Osteuropa. Auffällig seien dabei unterschiedliche Trends in den ehemals sozialistischen Ländern. So sei die Fertilität in Polen, Ungarn und der Slowakei konstant niedrig, während sie in den Baltischen Ländern, Russland und der Ukraine durch einen Anstieg gekennzeichnet sei.
Beim Gebäralter zeigten sich weitgehend gleichförmige Verläufe und der Anstiegstrend scheint ungebrochen zu sein, analysierte Dr. Dorbritz. Auffällig sei bei vielen europäischen Ländern ein Aufeinanderfolgen zweier Phasen: Auf einen Rückgang der TFR bei gleichzeitig stabilem bis leicht sinkendem Erstgeburtsalter folge ein deutlicher Anstieg im Erstgeburtsalter bei stabiler, leicht schwankender oder leicht ansteigender TFR. Auch dieses Muster müsse näher analysiert werden. Zu klären sei auch, welche Prozesse genau dem „zweiten demografischen Übergang“ zuzuordnen seien: Gehe es bei diesem Konzept nur um die Geburtenraten, sei der zweite demografische Übergang in Deutschland seit mehreren Jahrzehnten abgeschlossen. Schließe er den Anstieg des Geburtsalters mit ein, sei er noch in vollem Gange. Beim Blick auf die Lage in Deutschland zeige sich, dass hier die Fertilität stabil niedrig ist und von zyklischen Schwankungen weitgehend unberührt bleibt. Das „deutsche Problem“ ist demnach gekennzeichnet durch ein mittleres Geburtenniveau mit einer hohen Kinderlosigkeit von 15 %.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Johannes Huinink (Uni Bremen) bei seinem Vortrag. Prof. Dr. Johannes HuininkDie Ökonomie zwingt der Familie ihre Systemlogik auf und ist eine der Ursachen für veränderte Familienstukturen, sagte Prof. Dr. Johannes Huinink (Uni Bremen). Quelle: A. Mergenthaler, BiB

Prof. Dr. Johannes Huinink: Vielfalt von Familie aus der Lebenslaufperspektive
Prof. Dr. Johannes Huinink (Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM), Universität Bremen) begann seinen Vortrag aus einer theoretischen Perspektive mit einem kritisch reflektierenden Blick auf ein Zitat von Prof. Schneider zum Thema Vielfalt: Demnach ist „Vielfalt mithin kein Indikator für die Auflösung oder Transformation, sie ist vielmehr eine notwendige Voraussetzung für die Überlebensfähigkeit der Familie“. Prof. Huinink betonte, dass er diese Aussage bislang geteilt habe und auch heute nicht gänzlich zurückweise, er schätzte sie aber als zu optimistisch formuliert ein. Aus seiner Sicht habe die neue Vielfalt der Lebensformen unterschiedliche Ursachen: Teils basiere sie darauf, dass Menschen in Familie heute eine Balance zwischen ihrem Bedürfnis nach persönlicher Autonomie und Freiheit und dem Bedürfnis nach Bindung schaffen müssen. Teils sei sie durch eine „Kolonialisierung der Familie“ durch die Ökonomie verursacht, also dadurch, dass die Ökonomie der Familie ihre Systemlogik aufzwinge. Dies führe zu nehmend zu einem Dilemma zwischen der Autonomie (und damit der ökonomischen Handlungsfähigkeit) der Familie und den notwendigen sozialen Bindungen. Aufzeigen lasse sich dieses Dilemma aus der Perspektive des Lebenslaufs durch einen Anstieg heterogener Verläufe und Sequenzen. Diese Entwicklung führt zu einer Reduktion der gemeinsamen Zeit, die für die Konstitution sozialer Bindungen notwendig ist und macht sie deshalb brüchiger. Als Beispiel nannte er die räumliche Mobilität bzw. das Pendelverhalten, das zunehmend auch zum Problem für Partnerschaften und Familien wird. Zwar sei das Fernpendeln eine Strategie der Familie, um, trotz der Anforderung der Arbeitswelt nach Präsenz an unterschiedlichen Orten, als Familie fortzubestehen, doch die Individuen könnten dies emotional nicht immer verarbeiten.

Dr. Marina Rupp:
Merkmale nicht-konventioneller Lebensformen
Mit einem speziellen Typus von nicht-konventionellen Lebensformen befasste sich Dr. Marina Rupp (stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg ( ifb)): mit der Entwicklung und Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Paaren bzw. von Regenbogenfamilien. Nach einem kurzen Gang durch die Geschichte der rechtlichen Stellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen präsentierte sie anhand von Daten des Mikrozensus 2012 die Größenordnungen und Charakteristika dieser Lebensform. Wie sich die Situation in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften für die Kinder darstellt, zeigte sie anhand einer Studie des ifb, die auch die Einschätzungen der Eltern abbildet. Demnach entwickeln sich die Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften geboren werden, unauffällig und gut und bewerten ihre Familie überwiegend als „in Ordnung“. Maßgeblich für die kindliche Entwicklung ist daher weniger die aktuelle Lebensform als vielmehr vorherige Trennungserfahrungen bzw. die Entstehungsgeschichte der Familie, die zu Belastungen bei den Kindern führen können. Was die Verbreitung von gleichgeschlechtlichen Paaren und Regenbogenfamilien angeht, handelt es sich hier um seltene Lebensformen mit spezifischen Charakteristika.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Daniela Grunow (Uni Frankfurt) bei ihrem Vortrag. Prof. Dr. Daniela GrunowWerden Paare egalitärer in ihren Einstellungen oder bleibt beim Geschlechterverhältnis alles beim Alten? Prof. Dr. Daniela Grunow zur Arbeitsteilung im Haushalt. Quelle: A. Mergenthaler, BiB

Prof. Dr. Daniela Grunow:
Partnerschaftliche Arbeitsteilung im Beziehungsverlauf
Prof. Dr. Daniela Grunow (Universität Frankfurt) präsentierte eine von ihr (zusammen mit Natalie Nitsche, Wien) durchgeführte Untersuchung. Mithilfe von Pairfam-Daten analysierte sie die Aufteilung der Hausarbeit im Beziehungsverlauf und wie diese durch Einstellungen sowie die sozio-ökonomische Lage beeinflusst werden. Sie stellte zunächst mit Blick auf den Forschungsstand die Entwicklung der Arbeitsteilung im Haushalt in den vergangenen Jahrzehnten vor und verglich die eigene Vorgehensweise mit anderen Forschungsarbeiten. Die Verwendung von Wachstumskurven und Längsschnittdaten ermöglichten es ihr, die Arbeitsteilung in der Partnerschaft im Prozessverlauf und nicht nur anhand einzelner Veränderungen abzubilden. Damit sollte auch die Forschungsfrage beantwortet werden, inwieweit Gender-Ideologie und ökonomische Ressourcen der Partner Prozesse der Aufteilung der Hausarbeit in Deutschland beeinflussen und ob Unterschiede zu früheren Studien erkennbar sind. Die Verläufe bestätigen frühere Erkenntnisse wie beispielsweise die Tatsache, dass die erste Geburt zur Verschiebung hin zu traditionelleren Arbeitsteilungsarrangements führt, betonen aber im Gegensatz zu bisherigen Forschungsergebnissen den starken Einfluss der Ideologie im Vergleich zu den ökonomischen Ressourcen der Partner – die ihrerseits häufig eher Folge als Ursache der partnerschaftlichen Arbeitsteilung seien.

Das Bild zeigt Dr. Anne Salles (Ined, Paris) bei ihrem Vortrag. Dr. Anne SallesMit den Unterschieden und gemeinsamen Herausforderungen der Familienpolitik in Deutschland und Frankreich befasste sich Dr. Anne Salles (Ined, Paris). Quelle: A. Mergenthaler, BiB

Dr. Anne Salles:
Familienpolitik im deutsch-französischen Vergleich
Aus einer vergleichenden Perspektive skizzierte Dr. Anne Salles (Institute national d´études démographiques (Ined), Paris) die Herausforderungen der aktuellen Familienpolitik in Deutschland und Frankreich. Ein direkter Vergleich sei schwierig, da es in beiden Ländern unterschiedliche Prioritäten und Herausforderungen gibt, die vor dem Hintergrund einer unterschiedlichen historischen Entwicklung und Tradition stehen, meinte sie. Zudem muss Frankreich momentan eine Sparpolitik verfolgen, die auch vor der Familienpolitik nicht Halt mache. Dafür ringe Deutschland mit familienpolitischen Defiziten, die in Frankreich längst überwunden seien, wie etwa eine Quotenregelung oder die Förderung von Gleichberechtigung in der Arbeitswelt. Es gibt aber auch gemeinsame Herausforderungen in beiden Ländern, wie zum Beispiel die Gleichstellung von Frau und Mann im Privaten. Trotz aller Unterschiede sei generell eine Annäherung in der Familienpolitik zwischen beiden Ländern spürbar, zumal es europaweit relativ ähnliche Zielvorstellungen und eine Angleichung in der Gestaltung von Familienpolitik gibt, betonte Dr. Salles. Dieser Konsens trifft allerdings auf eine Umorientierung der europäischen Ziele im Rahmen der Europa 2020-Strategie, in der keine Zielstellung zur Kinderbetreuung mehr genannt werden und nur noch die Erwerbstätigenquote insgesamt betrachtet wird.

Dr. Martin Bujard: Ausblick auf weitere Forschungsfragen
Zu guter Letzt fasste Dr. Martin Bujard (BiB) die wesentlichen Ergebnisse der Vorträge zusammen und warf einen Blick auf künftige Forschungsfragen. Dazu gehörten aus seiner Sicht zum Beispiel Auswirkungen der Väterzeit auf Rollen, Bindung und Bargaining ebenso wie die Auswirkungen der gestiegenen Frauenerwerbsbeteiligung. Weiter beobachtet werden müsse auch die sogenannte Rushhour des Lebens junger Menschen vor allem im Hinblick auf Verstärkung oder Entzerrung. Zukünftige Entwicklungen im Arbeitsmarkt, in Familienrecht und Familienpolitik seien ebenso von Interesse wie die Frage nach konvergenten bzw. divergenten Entwicklungen in Europa. Es müsse weiter analysiert werden, welche neuen Lebensformen sich wie stark etablieren und ob es zu einer Polarisierung zwischen Kinderlosen und Eltern komme. Von Bedeutung sei vor allem auch die Fertilitätsentwicklung und die Frage, ob und wann es hier zu einer Trendwende kommt, betonte Dr. Bujard. In diesem Zusammenhang müssten auch die wissenschaftlichen Theorien in der Familienforschung immer wieder auf den Prüfstand – vor allem auch im Hinblick auf eine weiter voranschreitende Vielfalt der Familie und ihrer Formen.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Ruth Limmer (Technische Hochschule Nürnberg) bei seinem Vortrag. Prof. Dr. Ruth LimmerRückblick auf gemeinsame Berufsjahre mit Prof. Schneider: Prof. Dr. Ruth Limmer (Technische Hochschule Nürnberg) Quelle: A. Mergenthaler, BiB

Dr. Ruth Limmer: Rückblick
Am Ende der Veranstaltung berichtete die langjährige Kollegin Prof. Schneiders, Prof. Dr. Ruth Limmer (Technische Hochschule Nürnberg), in einer unterhaltsamen und geistreichen Laudatio über den beruflichen Lebensweg des Jubilars.


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