Navigation und Service

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Binnenwanderung und Pendelmobilität in internationaler Perspektive

Symposium des BiB und der Universität Hamburg vom 4. bis 6. Februar 2015 in Wiesbaden zum Thema „Internal Migration and Commuting in International Perspective

In den letzten Jahren hat die zunehmende Erforschung räumlicher Mobilitäts- und interner Migrationsprozesse zu einer breiten Agenda sozialwissenschaftlicher Fragestellungen, unter anderem nach den Ursachen, Formen und Konsequenzen des mobilen Lebens, geführt. Wie ausdifferenziert und vielfältig sich die Forschungslandschaft mittlerweile entwickelt hat, zeigte das von Dr. Stefanie Kley und Jun.Prof. Dr. Natascha Nisic initiierte und von der Universität Hamburg in Kooperation mit dem BiB durchgeführte Symposium, bei dem zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland aktuelle Forschungsergebnisse diskutierten.

Zu Beginn der in fünf Themenschwerpunkte gegliederten Tagung gab der Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, einen Überblick über den Stand der soziologischen Forschung zum Thema räumliche Mobilität. Er betonte, dass veränderte Arbeitsbedingungen im Zuge der Globalisierung und Flexibilisierung eine Hauptursache für das gewachsene Mobilitätsgeschehen seien. In der bisherigen Forschung spielten dabei sowohl die Umstände für die Entscheidung, mobil zu leben, als auch die Konsequenzen daraus eine entscheidende Rolle. Für die Betroffenen könne dies im Hinblick auf die Gesundheit, das Familienleben sowie die soziale Integration erhebliche Auswirkungen haben.

Entscheidung für räumliche Mobilität – ja oder nein?
Um Erklärungsansätze für die Entscheidung, ein mobiles Leben zu führen oder nicht, ging es dann im ersten Schwerpunkt, der die vielfältigen Einflüsse und Motive deutlich machte. Neben finanziellen Erwägungen spielen zum Beispiel auch berufliche Faktoren wie das Einkommen, die Position im Beruf oder Arbeitsinhalte eine große Rolle. Oftmals sei es auch eine Frage des Könnens, ob sich Menschen für oder gegen Mobilität entscheiden.

Räumliche Mobilität, Beschäftigung und soziale Beziehungen
Welche Folgen Mobilität für die sozialen Beziehungen und die Integration auf dem Arbeitsmarkt hat (vor allem im Hinblick auf Geschlechterunterschiede) wurde im zweiten Schwerpunkt diskutiert. Es zeigte sich unter anderem, dass die gewählte Form der Mobilität durchaus einen Einfluss auf die soziale Integration hat, wobei sich die Effekte geschlechterspezifisch unterscheiden. Zudem wirken sich berufsspezifische Eigenschaften stark auf regionale und berufsbedingte Mobilität aus.

Räumliche Mobilität im Lebensverlauf
Mobilität wirkt sich in vielerlei Weise auf den Lebensverlauf der Betroffenen aus. Umgekehrt wirkt sich aber auch die eigene Lebenssituation auf die gewählte Form der Mobilität wie beispielsweise Umzüge aus, wie einige Beiträge im dritten Schwerpunkt bestätigten. Hier wurde auch deutlich, dass sich ein mobiles Leben auf das subjektive Wohlbefinden auswirkt. So wurde nachgewiesen, dass die Lebenszufriedenheit bei denjenigen abnahm, die sich aus berufsbedingten Gründen für räumliche Mobilität entschieden hatten. Gerade für die Hochmobilen ergeben sich zudem Konsequenzen für die Familiengründung – dies gilt insbesondere für die Frauen.

Räumliche Mobilität und die Familienentwicklung
Dieser Frage widmete sich dann der vierte Themenschwerpunkt. Ergebnisse aus dem europäischen SurveyJob Mobilities and Family Lives in Europe“ bestätigen, dass sich berufsbedingte Mobilität bei Männern und Frauen unterschiedlich auf die Fertilität auswirkt. Aus den Ergebnissen schlossen die beteiligten Wissenschaftler, dass es einen wachsenden Zielkonflikt zwischen zunehmender Mobilität und Flexibilität bei den Erwerbstätigen gebe, der die Lebensbalance der Familien und das Geschlechterverhältnis in eine problematische Lage bringt. Dies zeigt sich beispielsweise bei Familienumzügen, die sich, was die Verteilung der Hausarbeit angeht, zum Nachteil der Frauen auswirken. Ein klarer kausaler Zusammenhang zwischen Mobilitätserfahrungen und Fertilitätsmustern lässt sich allerdings nicht nachweisen.

Die Auswirkungen auf die Partnerschaft
Dass räumliche Mobilität nicht nur die Familienentwicklung beeinflusst, sondern sich auch auf Partnerschaften auswirkt, war das Thema des fünften Schwerpunktblocks. Es wurde beispielsweise gezeigt, dass das Risiko einer Trennung bei Paaren mit einem weiten gegenseitigen Anreiseweg, die in einer „Living Apart Together“-Beziehung (Paare in getrennten Haushalten) leben, steigt. Dazu kommt, dass Partnerschaftswechsel auch Umzugsbewegungen beeinflussen – und umgekehrt.

Fazit: Ausdifferenzierte Vielfalt in der Forschungslandschaft zur räumlichen Mobilität
Die Beiträge zeigten insgesamt, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Wechselwirkungen von räumlicher Mobilität und Gesellschaft in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Wie vielschichtig und ausdifferenziert sich die Forschungslandschaft in diesem Bereich mittlerweile entwickelt hat, bestätigten die zahlreichen methodisch ausgerichteten Vorträge. Dabei wurde deutlich, dass sich derzeit vor allem der Lebensverlaufsansatz als prägende Forschungsperspektive etabliert hat. Der in der Diskussion wiederholt vorgetragene Hinweis auf noch zu schließende Forschungslücken lässt erwarten, dass das Thema räumliche Mobilität in all seiner Vielfalt auch in Zukunft die Sozialwissenschaften weiter beschäftigen wird.

Eine erweiterte Fassung dieses Beitrags mit weiteren Ergebnissen der Tagung findet sich in der neuen Ausgabe von „Bevölkerungsforschung Aktuell“.

Diese Seite

© Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung - 2017