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„Aus Deutschland in die Welt und zurück?“

Studie zur internationalen Mobilität deutscher Staatsbürger am 10. März 2015 in Berlin vorgestellt

Seit Jahren wandern mehr Deutsche ins Ausland aus als von dort zurückkehren. Deutschland verliert somit jährlich im Durchschnitt rund 25.000 Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft. Welche Beweggründe stecken eigentlich hinter der Entscheidung, auszuwandern bzw. zurückzuwandern und welche Folgen hat diese Entwicklung für den Einzelnen aber auch für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft? Diese Fragen untersucht eine am 10. März 2015 in Berlin vorgestellte gemeinsame Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) sowie der Universität Duisburg-Essen.

Über die Sozialstruktur der Aus- und Rückwanderer, deren Migrationsmotive und die Konsequenzen ihrer grenzüberschreitenden Mobilität ist bisher wenig bekannt. Die neue Studie „International Mobil – Motive, Rahmenbedingungen und Folgen der Aus- und Rückwanderung deutscher Staatsbürger“ leistet hier einen wichtigen Beitrag, um die bestehende Wissenslücke zu schließen.

Hauptgründe für Auswanderung: Beruf und neue Erfahrungen
Bei der Vorstellung der Studie betonte Dr. Cornelia Schu, Direktorin des Forschungsbereichs beim SVR, dass in den meisten Fällen ein Bündel an Motiven für die Entscheidung zur Auswanderung ausschlaggebend ist. Am häufigsten wurde neben beruflichen Gründen (66,9 %) der Wunsch genannt, neue Erfahrungen zu machen (72,2 %). Immerhin 41,4 % der Befragten führten Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland als Beweggrund für eine Auswanderung an. Ein höheres Einkommen im Ausland erhofften sich 46,9 % der Befragten. Der Blick auf die Geschlechter zeigt sowohl bei den Aus- als auch bei den Rückwanderern, dass vor allem Männer den Beruf als Wanderungsmotiv angeben, während die Frauen eher aus familiären Anlässen wandern.

Brain circulation“ statt „brain drain
Entwarnung gibt die Studie bei der in den vergangenen Jahren geführten Diskussion um einen sogenannten „brain drain“ Hochqualifizierter ins Ausland. Der Anteil der Hochqualifizierten ist sowohl unter den Auswanderern mit 70,0 % als auch bei den Rückwanderern mit 64,1 % sehr hoch. Für Prof. Dr. Marcel Erlinghagen von der Uni Duisburg-Essen bestätigen die Ergebnisse der Studie somit, dass es keine Anzeichen für einen dauerhaften Weggang hochqualifizierter junger Menschen gebe. Insofern müsse man eher von „brain circulation“ statt „brain drain“ sprechen. Dies zeigt sich auch am hohen Anteil von Befragten, die eine Rückkehr beabsichtigen: Etwa 41 % der im Ausland lebenden Deutschen geben an, dass sie nach Deutschland zurückkehren möchten. Rund ein Drittel möchte eher im Zielland bleiben.

Individuelle Konsequenzen der internationalen Mobilität
Erstmals konnten im Rahmen der Studie auch die Auswirkungen der Migration auf die individuellen Lebensbedingungen untersucht werden. Tatsächlich führt die Auswanderung für die meisten international mobilen Deutschen zu einer Erhöhung des Einkommens, und zwar unabhängig von Bildungsniveau oder Berufsqualifikation. Doch das hat seinen Preis. So gaben 43,5 % an, dass sich die Auswanderung negativ auf ihren Freundes- und Bekanntenkreis ausgewirkt habe. Eine Rückwanderung führt für die meisten international mobilen Deutschen hingegen zu spiegelbildlichen Effekten der Auswanderung: Sie nehmen in der Regel eine deutliche Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen wahr, müssen gegenüber dem Leben im Ausland jedoch finanzielle Einbußen hinnehmen. „Auswanderung aus Deutschland hat ambivalente Folgen für die Wandernden: Sie erzielen oft ein höheres Einkommen und haben einen höheren Berufsstatus, aber sie erfahren vielfach auch eine Art sozialer Desintegration durch den Verlust von Freunden und Bekannten“, sagte Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Insbesondere bei Personen mit geringeren Berufsqualifikationen wirkt sich eine Rückkehr im Durchschnitt deutlich negativer auf das Einkommen aus, während sich vor allem bei Hochqualifizierten die Auslandserfahrung auch finanziell auszahlt.

Internationale Mobilität als Chance
Welche Schlüsse lassen sich aus den Ergebnissen für Handlungsoptionen in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ziehen? Angesichts der aktuell hohen Zuwanderung nach Deutschland und einem nur geringen negativen Wanderungssaldo von Deutschen waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion einig, dass das aktuelle Auswanderungsgeschehen keinen Anlass zur Sorge bietet. Aus der Sicht von Frau Dr. Schu müsse es zukünftig darum gehen, die positiven Auswirkungen von Auswanderung in den Vordergrund zu stellen und die bisher vorherrschende Verlustperspektive zu überwinden. Der stellvertretende Abteilungsleiter der Abteilung Arbeitsmarkt der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Alexander Wilhelm, betonte, dass die deutsche Wirtschaft in der Auswanderung kein Problem sehe. Man benötige in Deutschland Fachkräfte mit internationalen Erfahrungen. Auch Ministerialdirektor Dr. Jörg Bentmann betonte für das Bundesministerium des Innern (BMI) die hohe Bedeutung, die man internationaler Mobilität zuspricht. Der hohe Wanderungsgewinn der vergangenen Jahre hat positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die demografische Entwicklung. Das BMI sieht aber die Notwendigkeit weiterer Veränderungen, um in Zukunft im Wettbewerb um die klugen Köpfe mithalten zu können. Der Forderung der Studie, dass Aus- und Rückwanderung in politische Gestaltungsprozesse wie beispielsweise das Fachkräftekonzept oder die Weiterentwicklung der Demografiestrategie der Bundesregierung miteinbezogen werden sollte, konnte er sich anschließen.

Internationale Mobilität gestalten
Weitaus kontroverser wurde die Frage diskutiert, wie internationale Mobilität so gestaltet werden könnte, dass sie sowohl für den einzelnen Migranten, als auch für das Ziel- und Herkunftsland zu möglichst positiven Auswirkungen führt. Der in der Studie unterbreitete Vorschlag, den Kontakt zur deutschen ‚Diaspora‘ zu stärken und den im Ausland lebenden Deutschen bessere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Unternehmen und Organisationen zu bieten, wurde von Dr. Sabine Jung, der Geschäftsführerin der German Scholars Organisation (GSO) mit konkreten Beispielen untermauert. Die Geschäftsführerin für Internationale Zusammenarbeit in der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), Kea Eilers, plädierte in diesem Zusammenhang für eine Begleitung der Menschen, die sich bereits für einen Aufenthalt im Ausland entschieden haben. Durch eine aktive Begleitung müssten Kontaktpunkte für eine spätere Rückkehr der Auswanderer ermöglicht werden. Ob diese Initiativen quantifizierbare Effekte für die Bewältigung eines Fachkräftemangels haben können, wurde auf dem Podium kontrovers diskutiert. Weitreichendere Konsequenzen zur Gestaltung der internationalen Mobilität haben möglicherweise andere Vorschläge: So können die Anerkennung von Bildungs- und Berufsabschlüssen sowie die Portabilität von Rentenanwartschaften als Beispiele gelten, die es heute noch immer schwierig machen, Lebensverläufe zwischen zwei oder mehreren Staaten zu leben. Der Abbau bestehender Mobilitätshemmnisse stellt demnach eine vordringliche Aufgabe politischer und wirtschaftlicher Akteure dar, um eine weitere internationale Vernetzung aktiv zu fördern.

Zukünftige Forschungsbedarfe
Allgemeine Zustimmung fanden die Vorschläge der Studie, die wissenschaftliche Untersuchung der Aus- und Rückwanderung in Deutschland weiter intensiv voranzutreiben. Der Bedarf an wissenschaftlichen Erkenntnissen über internationale Mobilität wird auch zukünftig steigen. Prof. Erlinghagen machte dabei deutlich, dass gerade die Tatsache, dass alle Industrienationen nahezu gleichzeitig altern, die Wettbewerbssituation um Fachkräfte in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen wird. Die vorliegende Studie ist somit im besten Sinn Vorlaufforschung, um zukünftig für politische und gesellschaftliche Akteure beratungsfähig zu sein. Sie legt ein methodisches Fundament, auf dem ein regelmäßiges Monitoring der internationalen Mobilität der Bevölkerung in Deutschland durch die bereits etablierte Kooperation der beteiligten Akteure eingerichtet werden kann.

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