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Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Link zur Startseite)

Aktuelle demografische Forschung im Fokus

8. Informationsveranstaltung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) am 10. November 2015 in Berlin

Zum mittlerweile achten Mal organisierte das BiB am 10. November 2015 seine Informations- und Diskussionsveranstaltung über aktuelle demografische Befunde für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ministerien und Behörden in Berlin. Im Fokus stand diesmal vor allem ein kritischer Blick auf gängige Thesen zum demografischen Wandel in Deutschland. Dazu wurden aktuelle Forschungsberichte zu veränderten Lebens- und Haushaltsformen, möglichen Ursachen für den Anstieg von Kinderlosigkeit und den Rückgang von Kinderreichtum, unterschiedlichen Familienleitbildern in Deutschland und Frankreich sowie zur Bildungsmigration von Schülern und Studenten vorgestellt.

Die Idee, Ergebnisse demografischer Forschung auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Ministerien und Behörden in Berlin im Rahmen einer Informationsveranstaltung zu vermitteln, entstand vor gut acht Jahren. Dass das Interesse an demografischen Themen seitdem eher noch zugenommen hat, zeigte sich an den bis zum letzten Platz besetzten Räumlichkeiten. So konnte der Unterabteilungsleiter G 1 im Bundesministerium des Innern, Dr. Kai Andreas Otto, 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem Überblick über die aktuelle demografische Forschung des BiB begrüßen, der vom Direktor des BiB, Prof. Dr. Norbert F. Schneider, eröffnet wurde.


Demografischer Wandel als historische Normalität

Das Bild zeigt Prof. Dr. Norbert F. Schneider bei seinem Vortrag. Prof. Dr. Norbert F. SchneiderProf. Dr. Norbert F. Schneider widmete sich der Einordnung des demografischen Wandels. Quelle: Christian Fiedler, BiB

In seinem Vortrag unterzog er gängige Thesen zur demografischen Entwicklung in Deutschland einer kritischen Neubetrachtung. Dabei wies er darauf hin, dass der Begriff „Demografischer Wandel“ im öffentlichen Diskurs als ein besonderer Prozess betrachtet werde, was nur zum Teil stimme. Im historischen Vergleich seien die gegenwärtigen Veränderungen von Größe und Vielfalt nämlich als nicht besonders auffällig zu bewerten, betonte er. Von neuer Qualität sei hingegen die Dynamik der Alterung. Zudem zeigten sich Veränderungen der Sozialstruktur der Bevölkerung, etwa bei der formalen Schulbildung oder der räumlichen Verteilung. Aus der skizzierten Entwicklung könne man konstatieren, dass Deutschland im demografischen Wandel älter, klüger, städtischer und multikultureller werde. Er sei kein unausweichliches Schicksal und kein Indikator für einen gesellschaftlichen Niedergang. Allerdings stellen die Konsequenzen ernst zu nehmende Herausforderungen dar, die aber auch die Chance zur gesellschaftlichen Erneuerung beinhalten.
In diesem Zusammenhang ging Prof. Schneider auch auf einige gesellschaftspolitische Aspekte in der derzeitigen Zuwanderungsdebatte ein. So sei die Sozialstruktur der Zuwanderer bisher weitgehend unbekannt und daher auch die Größenordnung des Familiennachzugs nicht quantifizierbar. Zudem strebten die meisten Flüchtlinge nicht nach Deutschland, weil sie hier andere Wertvorstellungen durchsetzen wollten, sondern weil sie sich mehr Sicherheit, Arbeit, Wohlstand und Freizeit erhofften. Für die künftige Entwicklung stelle sich die Frage, ob Zuwanderung in dieser Größenordnung als Dauerzustand zu erwarten ist und wie viel und welche „Buntheit“ die deutsche Gesellschaft zuzulassen bereit ist.

Beständiger Wandel der Lebens- und Haushaltsformen

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Lebensformen verändert. Vertraten Soziologen in den 1980er Jahren noch die These, es handle sich um einen allgemeinen Trend einer neuen Vielfalt an Lebensformen, so legen neuere wissenschaftliche Sichtweisen nahe, dass es hier keineswegs um einen neuen Trend geht , sondern vielmehr eine Umverteilung zwischen den Lebensformen stattfindet.
Im Licht dieser Diskussion untersuchte Dr. Jürgen Dorbritz auf der Basis von Daten des Mikrozensus 2014 sowie des Zensus 2011 die empirische Vielfalt von Lebensformen in Deutschland. Er stellte zunächst die Merkmale von Lebensformen vor und wies darauf hin, dass 73,8 % der Bevölkerung in verschiedenen Formen von Paarbeziehungen leben; 55,0 % der Bevölkerung gehören zu einer Lebensform mit Kindern. Die Ergebnisse bestätigen die nach wie vor große Bedeutung der Ehe, die die wichtigste Lebensform geblieben ist. Allerdings gebe es altersspezifisch sehr unterschiedliche Situationen bei den Lebensformen. So lebten Kinder und Jugendliche vorwiegend bei einem verheirateten Paar, während die 20- bis 29-Jährigen zunächst bei den Eltern lebten und dann in Ein-Personen-Haushalten. Im Alter zwischen 30 und 49 Jahren war das Ehepaar mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren vorherrschend, während die 50- bis 79-Jährigen meist als Ehepaar ohne Kind lebten. Über 80-Jährige lebten meist in Einpersonenhaushalten. Die Verteilung der Vielfalt an Lebensformen, wie sie aus dem Zensus und dem Mikrozensus hervorgehe, sei begrenzt, betonte Dr. Dorbritz. So seien mehrheitlich über 80 % der Bevölkerung auf 5 Lebensformen verteilt. Eine Zunahme der distributiven Vielfalt lasse sich vor allem bei den 30- bis 45-Jährigen in der Phase des Zusammenlebens mit minderjährigen Kindern erkennen. Dazu komme ein erheblicher Bedeutungsrückgang der Ehe sowie Zuwächse bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften, Alleinlebenden und Alleinerziehenden hinzu – vor allem in Ostdeutschland.

Zwei Geburtenrückgänge und die Ursachen

Das Bild zeigt Dr. Detlev Lück bei seinem Vortrag. Dr. Detlev LückDr. Detlev Lück betrachtete Ursachen für Kinderlosigkeit und abnehmenden Kinderreichtum in Deutschland. Quelle: Christian Fiedler, BiB

Das niedrige Geburtenniveau in Deutschland resultiert aus zwei Entwicklungen: dem Rückgang von Kinderreichtum (3 und mehr Geburten) und der zunehmenden Verbreitung von dauerhafter Kinderlosigkeit. Auf der Suche nach Erklärungen müsse die Forschung daher zwischen Kinderlosigkeit und Kinderreichtum differenzieren, betonte Dr. Detlev Lück in seinem Beitrag. Die Verbreitung von Kinderlosigkeit folge dem Rückgang von Kinderreichtum zeitlich versetzt, so dass beide Prozesse unterschiedliche Phasen des Geburtenrückgangs markierten. Im Vergleich mit Ländern mit einer höheren Geburtenrate, wie den Niederlanden oder Kanada, zeige sich, dass das niedrige Geburtenniveau in Deutschland in erster Linie nicht auf einen höheren Anteil Kinderloser, sondern auf eine geringere Verbreitung von Kinderreichtum zurückzuführen ist. Was den ausbleibenden Kinderreichtum angeht, gebe es aber im Gegensatz zur Kinderlosigkeit kaum wissenschaftliche Argumente, so Dr. Lück. Wahrscheinlich müssten andere, kulturelle Ansätze stärker entwickelt werden. Falls es für die Familienpolitik ein Ziel sein sollte, die Geburtenrate zu erhöhen, könne und sollte sie ein zweites Handlungsfeld für sich entdecken. So sei nicht nur die Frage relevant, wie man Paaren mit Kinderwunsch die Familiengründungen ermöglicht, sondern auch, warum nicht mehr Paare ein drittes (oder viertes) Kind haben. Eine große Rolle spiele dabei die späte Familiengründung: Es müssten Wege gefunden werden, Menschen in jüngeren Jahren die nötige materielle Sicherheit zu geben, um eine Familie zu gründen, so dass das biografische Zeitfenster für die Familienerweiterung nicht zu kurz werde. Auf der kulturellen Ebene müsse kommuniziert werden, dass nicht nur das vorherrschende Ideal der Zwei-Kind-Familie sondern auch Kinderreichtum eine „normale“ Familienform sei , so der Soziologe.

Familienleitbilder in Deutschland und Frankreich

Im Vergleich der demografischen Situation zwischen Deutschland und Frankreich fällt vor allem die große Differenz bei der Geburtenrate ins Auge. So liegt Frankreich mit einer TFR von um die 2 Kinder je Frau deutlich vor Deutschland mit 1,42 Kindern je Frau (2014). Auf der Basis von Ergebnissen der BiB-Studie zu Familienleitbildern in Deutschland und der französischen Studie ELIPSS 2013 (Étude Longitudinale par Internet pour les Sciences Sociales) suchte Kerstin Ruckdeschel nach Erklärungsmustern für die Unterschiede. Dabei müssten neben den strukturellen Rahmenbedingungen (wie z. B. der Familienpolitik oder der Infrastruktur bei der Kinderbetreuung) auch die kulturellen Rahmenbedingungen wie Familienleitbilder betrachtet werden und zwar sowohl auf der persönlichen als auch auf der gesellschaftlich wahrgenommenen Ebene, betonte sie. So zeige sich im Vergleich der beiden Länder, dass das Leitbild der Zwei-Kind-Familie in Deutschland stärker zu dominieren scheine als in Frankreich. In Deutschland würden die Abweichungen von der 2-Kind-Familie stärker wahrgenommen als in Frankreich (hier mit Ausnahme der gewollt Kinderlosen). Insgesamt könne man in beiden Ländern von einer Existenz unterschiedlicher historisch gewachsener Leitbilder, die das gesellschaftliche Klima bestimmen, sprechen. Aus gesellschaftspolitischer Perspektive ergebe sich daraus allerdings, dass beispielsweise die Übernahme von Modellen aus anderen Ländern etwa zur Geburtenförderung mit Bedacht geschehen müsse. Zudem dürften auch die kulturellen Aspekte nicht außer Acht gelassen werden.

Bildungsungleichheit durch Bildungsmigration?

Wie hat sich Mobilität in der Bildungskarriere junger Menschen in den letzten Jahren in quantitativer Sicht entwickelt und welche Konsequenzen ergeben sich für den weiteren beruflichen Lebensverlauf? Trägt Mobilität dazu bei, soziale Ungleichheiten zu verstärken, wie einige Wissenschaftler vermuten? Diesen Fragen ging Stine Waibel im letzten Vortrag des Tages auf der Basis eines Forschungsprojektes zur transnationalen Bildungsmobilität von Schülern und Studierenden nach. Die präsentierten Zahlen belegen eine Stagnation der Mobilitätsquoten bei Schülern, Freiwilligen und Studierenden in den letzten fünf bis zehn Jahren. Zugleich ist aber ein zunehmendes Interesse an Studienaufenthalten in Nachbarländern erkennbar. Im Hinblick auf die soziale Selektivität wird deutlich, dass transnationale Bildungsmobilität mit dem Bildungshintergrund der Eltern zusammenhängt und somit zur Verstärkung der Bildungsungleichheit beiträgt. So finden sich sowohl in der Absicht als auch in der Entscheidung, einen Auslandsaufenthalt vorzunehmen, bemerkenswerte herkunftsspezifische Unterschiede. Im Zeitverlauf weisen diese Unterschiede ein stabiles Niveau auf. Zugleich profitieren besonders Personen aus bildungsschwächeren Familien von Bildungsmobilität, die somit einen Beitrag leistet zur Abschwächung sozialer Ungleichheiten und einen Aufholprozess in Gang setzt. Da Mobilitätschancen nicht von allen gleichermaßen wahrgenommen werden, müsste künftig eine stärkere Adressierung von Personen aus bildungsschwächeren Familien angestrebt werden, betonte Frau Waibel. Bestehende Forschung lege den Schluss nahe, dass es vor allem darum gehen müsse, junge Menschen frühzeitig zur Teilnahme an Mobilitätsprogrammen zu motivieren sowie Informationen und die strukturelle Einbettung von Mobilität in Bildungsverläufe zu verbessern. Aus wissenschaftlicher Sicht bedarf es mehr differenzierter Forschung zu den (langfristigen) Auswirkungen internationaler Bildungsmobilität, um die Zusammenhänge noch besser erklären zu können, resümierte sie.


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