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„Produktivität“ und „Potenzial“: Neues Alter – alte Ungleichheiten?

Frühjahrstagung der Sektion Alter(n) und Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie am 27. und 28. März 2015 in Wiesbaden

Eine Vielzahl von Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik befassen sich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels mit den „Potenzialen“ des höheren Lebensalters. Welche Aspekte dabei besonders von Bedeutung sind, wurde aus den Beiträgen der Frühjahrstagung der Sektion Alter(n) und Gesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie deutlich. Dabei war es das Ziel der Tagung, die Lebensphase Alter aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und in diesem Zusammenhang die Begriffe „Produktivität“ und „Potenzial“ kritisch zu diskutieren.

Dr. Andreas Mergenthaler (BiB) wies in seinem Eröffnungsstatement darauf hin, dass sich die Lebensphase Alter in Deutschland in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt habe. Mit einem im Durchschnitt erhöhten Bildungsniveau der Älteren, einem verbesserten Lebensstandard und einer besseren gesundheitlichen Situation bieten die „jungen Alten“ Potenziale, mit denen sie einen Beitrag zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, zur Generationensolidarität und zur Zivilgesellschaft leisten können. Zugleich sind diese Potenziale aber nicht gleichmäßig verteilt. Vor diesem Hintergrund verfolgte die Tagung das Ziel, das Leitbild des „produktiven Alterns“ im Hinblick auf formelle Tätigkeiten, etwa in der Erwerbsarbeit, im Ehrenamt und bei informellen Aufgaben in der Zivilgesellschaft und in der Familie zu überprüfen und kritisch zu diskutieren, betonte Dr. Mergenthaler.

Der Diskurs zum produktiven Altern kritisch betrachtet

Bereits im ersten Beitrag wies Prof. Dr. Harald Künemund (Universität Vechta) darauf hin, dass der Begriff „produktives Altern“ nicht immer hinreichend vom erfolgreichen Altern getrennt und in gegensätzlichen Diskurszusammenhängen verwendet würde. Es werden zum einen positive Aspekte des Alters, wie zum Beispiel die Nutzenstiftung gesellschaftlichen Engagements Älterer für sich und die Gesellschaft herausgestellt, zum anderen aber noch mehr „Produktivität“ und Engagement eingefordert.

Deutliche Kritik an den Aktivierungsdiskursen in deutschen Massenmedien zum „produktiven Altern“ im demografischen Wandel übte auch Reinhard Messerschmidt (Universität Köln). So werde in der Presse die demografische Zukunft Deutschlands als vorherbestimmt, unausweichlich und alternativlos dargestellt. Der Diskursstrang zu „aktivem“ oder „produktivem“ Altern stehe implizit in einem Spannungsverhältnis zu der Argumentationslinie, was die künftige Belastung des Sozialversicherungssystems durch „Überalterung“ angehe, da hier die „Qualität“ des Alters im Hinblick auf die steigende Lebenserwartung in den Blick gerate. Er kritisierte zudem, dass der in den Massenmedien quantitativ zunehmende Diskurs zu „aktivem Altern“ sich kaum der Frage widme, ob wirklich alle Älteren wie das Beispiel Henning Scherf sein können und wollen.

Kritik an der „schönen neuen Alterswelt des Active Ageing“ äußerte dazu auch Andreas Stückler (Universität Wien). Die politisch und wissenschaftlich vermittelte Botschaft, dass letztlich alle von einem aktiven und produktiven Alter profitierten, entpuppe sich bei genauerer Betrachtung als ideologischer Schein. Letztlich erscheine die Annahme, dass zwei im Grund zunächst völlig konträre Positionen und Interessenlagen wie das konkrete Lebensinteresse älterer Menschen auf der einen und das Bestandserhaltungsinteresse der Gesellschaft auf der anderen Seite im Active Ageing Konzept zusammengehen für ihn ausgesprochen merkwürdig. Der Anspruch des Active Ageing, zu einer Verbesserung gesellschaftlicher Altersbilder beizutragen, werde nicht annähernd erfüllt. Im Gegenteil komme es sogar zu einer Abwertung des Alters, dessen negative Begleitumstände immer mehr in die Hochaltrigkeit verlagert würden.

Die Entscheidung zum Arbeiten im Ruhestand und die Bedingungen

Dr. Volker Cihlar (BiB) betonte, dass bisherige Befunde zur Beschäftigung im Ruhestand belegten, dass strukturelle Zwänge wie der finanzielle Aspekt dieses Phänomen nur in Teilen erklären könne. Viele Ältere entschieden sich nämlich bewusst und freiwillig für eine Erwerbsarbeit im Ruhestand. Zur Beschreibung, Erklärung und Prognostizierung des Phänomens „Arbeiten im Ruhestand“ bedürfe es daher eines theoretischen individuellen Handlungsmodells. Ziel sei es dabei, ein möglichst vollständiges Bild über die fortgesetzte Erwerbstätigkeit im Ruhestand und die Einflüsse auf den zugrundliegenden Handlungsprozess zu erreichen.

Ob jemand vorzeitig in den Ruhestand geht oder bis zum regulären Rentenalter erwerbstätig bleibt, ist eine persönliche Entscheidung, die durch institutionelle Möglichkeiten, strukturelle Zwänge und nicht zuletzt die betrieblichen Voraussetzungen beeinflusst wird. In diesem Zusammenhang betrachteten Dr. Götz Richter und Dr. Veronika Kretschmer (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) den Zusammenhang zwischen physischen, physikalischen und psychischen Arbeitsbedingungen sowie den Beschäftigungs- bzw. Aufstiegsaspirationen älterer abhängig Beschäftigter im Alter zwischen 45 bis 64 Jahren im Hinblick auf soziale Ungleichheiten. Sollten bestimmte Beschäftigtengruppen die politischen Erwartungen einer Verlängerung des Erwerbslebens nicht erfüllen, so müssten gezielt Präventions- und Interventionsstrategien verwirklicht werden, um damit Gesundheits-, Qualifikations- und Motivationsrisiken vorzubeugen, forderten sie.

Dass es zu Diskrepanzen zwischen erhofftem und erlebtem Potenzial des Ruhestands kommen kann, belegte Dr. Miranda Leontowitsch (Universität Frankfurt) am Beispiel einer qualitativen Studie mit 18 Männern und 2 Frauen, die in gehobenen Managementpositionen gearbeitet haben und sich für eine Frühverrentung entschieden. Die Ergebnisse offenbarten, dass trotz der guten sozialen und ökonomischen Gegebenheiten der Teilnehmer das erhoffte Potenzial einer neuen Rolle im Ruhestand auf Grund familiärer, gesundheitlicher und generativer Faktoren ausblieb. Diejenigen Teilnehmer, denen es gesundheitlich gut ging und die generationenübergreifend agieren konnten, schöpften hingegen aus einem fast unverhofften Potenzial.

Mit den Älteren, die selbstbestimmt ihren Ruhestand im Ausland verbringen, befasste sich Dr. Ralf K. Himmelreicher (Forschungsdatenzentrum der Rentenversicherung). Auf der Basis von Daten des Forschungsdatenzentrums der Rentenversicherung untersuchte er Prozesse des transnationalen Alter(n)s und kam zu dem Schluss, dass Menschen, die bereits im Rahmen ihres Erwerbslebens mobil waren und Auslandserwerbstätigkeit praktizierten, besonders häufig auch im Alter mobil lebten. Dabei stelle sich allerdings die Frage, ob sie sich bewusst der Generationen- und Familiensolidarität daheim entziehen, oder ob sie schlicht selbstbestimmt und nutzenmaximierend für sich handeln – so wie sie bisher auch getan haben.

Das Potenzial Älterer in Schrumpfungsregionen

Wie verhält es sich mit den räumlichen und soziostruktruellen Potenzialen im dörflich peripheren Kontext? Dieser Frage ging Jens A. Forkel (Hochschule Neubrandenburg) nach. Auch wenn sich in den landwirtschaftlich geprägten Regionen im Nordosten Deutschlands Prozesse der Abwanderung und Versteppung verursacht durch Alters-, Bildungs-, und Geschlechtersegregation erkennen lassen, weisen sie auf das soziale Potenzial dieser Entwicklung hin. Die Anpassungsleistungen und sozialen Strategien dieser alternden Gemeinschaften offenbaren ihrer Ansicht nach eine milieuunabhängige Modellhaftigkeit für soziales Engagement im Alter, die letztlich den Erhalt bzw. Verlust der dörflichen Gemeinschaft beschreibt. Vor diesem Hintergrund betrachteten sie die subjektive Lebensqualität älterer und alter Einwohner dörflicher Gemeinden in Bezug auf die soziale Netzwerkaktivität und die lokalen soziokulturellen Bedingungen. Dabei ging es ihnen um die Herausarbeitung kleinräumiger Unterschiede der Produktivität informeller Tauschbeziehungen, sozialer Unterstützungsleistungen und des kommunalen Engagements.

Potenziale Älterer für freiwilliges Engagement

In der aktuellen Diskussion um die Potenziale Älterer kommt dem freiwilligen Engagement eine zentrale Bedeutung zu. Was die Möglichkeiten und Zugänge angeht, bestehen allerdings erhebliche Ungleichheiten, wie Julia Simonson (Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin) nachwiesen. Demnach ist freiwilliges Engagement in beträchtlichem Maße sozial strukturiert. Ihre Auswertungen von Daten des Deutschen Freiwilligensurveys bestätigten die These ungleicher Zugangschancen, beispielsweise im Hinblick auf den Erwerbsstatus, Geschlecht und der (subjektiven) finanziellen Lage. Darüber hinaus zeigte sich, dass Ältere in wirtschaftlich schwachen Regionen deutlich seltener engagiert sind als Ältere in wirtschaftlich starken Gebieten. Ihrer Meinung nach sollten daher Maßnahmen zur Förderung ökonomisch benachteiligter Personengruppen auch darauf abzielen, auf der lokalen Ebene Gelegenheiten für Engagement zu schaffen.

Susann Tracht wies dazu in ihrem Beitrag zu „Bürgerschaftlichem Engagement in der nachberuflichen Lebensphase“ darauf hin, dass die Forschung einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Engagement und Erwerbsarbeit nachweise: Demnach seien erwerbstätige Menschen eher engagiert als solche ohne Erwerbsarbeit, wobei Unterschiede existierten. Eine Rolle spiele auch die Art und die Qualität der Tätigkeit. So fördere prekäre Arbeit nicht die Partizipation, da sie sozial ungesichert und ohne Mitbestimmungsmöglichkeiten sei. Frau Tracht geht hier davon aus, dass es auch beim Ehrenamt Hinweise auf prekäre Tätigkeiten gebe.

Was die Engagementpotenziale der 55- bis 70-Jährigen in Deutschland angeht, kritisierte Frank Micheel (BiB), dass die traditionelle Trennlinie zwischen „Aktiven“ und „Nichtaktiven“ zu kurz greife und damit die nichtaktiven Personen mit einem Interesse an einer zivilgesellschaftlichen Aufgabe übersehen würden. Diese Gruppe stehe nämlich den Aktiven näher als den Nichtengagierten. Auf der Basis der BiB-Studie „Transitions and Old Age Potentials (TOP)“ untersuchte er daher interne und externe Potenzialtypen. Die Daten zeigten in Bezug auf die Potenzialtypen uneinheitliche Befunde, betonte er.

Fazit: Forschung für Alterspotenziale gut weiterentwickelt

Wo steht die Forschung zu den Potenzialen im Alter gegenwärtig? Dr. Claudia Vogel (DZA) wies in ihrem Schlusswort darauf hin, dass sich der Forschungsstand in den letzten 10 Jahren deutlich weiterentwickelt habe. Sie vermisse allerdings den Blick auf die „Gender“-Problematik und regte an, geschlechterspezifische Fragen, wie etwa die Belastung von Frauen in der Familie - beispielsweise durch die Pflege Angehöriger - stärker in der Forschung zu beleuchten. Bernhard Gückel, BiB

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